Als geladener Gast zwischen all den Professoren und Botschaftern – das war schon sehr speziell. Allein die Einladung: feines Papier mit Goldprägung und mein Name drauf. Ich realisiere immer noch nicht ganz, was ich erlebt und mit wem alles ich in dieser Dezemberwoche geredet habe.

Wir waren 25 junge Forscher aus aller Welt: aus Amerika, Australien, Afrika und Europa – aus jedem Land jeweils der Gewinner von «Jugend forscht». Wir haben in der Woche vor der Preisverleihung die Vorlesungen der Preisträger besucht, waren bei Audienzen im Parlament, bei der charismatischen Kronprinzessin Victoria und deren Bruder Carl Philipp, in Museen und Fakultäten, wo wir mehrere Physiklabors mit Projekten früherer Preisträger besucht haben. Auch an einem Schnellkurs für klassische Tänze und gutes Benehmen nahmen wir teil. Unsere eigenen Projekte präsentierten wir im Technischen Museum der Öffentlichkeit. Jeder hatte genau acht Minuten – dann wurde das Mikrofon ausgeschaltet. Das Programm während dieser Woche war so dicht, dass ich die einzelnen Teile erst später verdauen konnte. Wir waren jeden Tag von neun Uhr früh bis ein Uhr nachts unterwegs. Zeit, sich zu erholen, blieb da nicht.

Am offiziellen Empfang, der «Nobel Foundation Reception», durften wir uns mit den Preisträgern unterhalten. Sie haben sich sehr viel Zeit genommen. Ich habe fast eine halbe Stunde mit dem amerikanischen Physiker John Hall gesprochen. Er war sehr interessiert an dem, was ich mache – ich habe den «Schweizer Jugend forscht»-Preis für meine Arbeit «Zuchtpotenzial einer neuen krankheitsresistenten Kartoffel» erhalten –, und er hat mich ermutigt, weiter in der Naturwissenschaft zu arbeiten. Hall sagte, dass er am Anfang kaum Unterstützung bekommen habe und manchmal sogar damit gehadert habe, Wissenschaftler geworden zu sein. Bei seiner Arbeit geht es darum, Lichtfrequenzen zu messen und zu definieren.

Strenge Sitz- und Essregeln
Dann die eigentliche Preisfeier: Wir wurden in Limousinen zum Konzerthaus chauffiert. Wir hatten gute Plätze auf der Empore. Die Verleihung dauerte etwa eine Stunde. Dann wurden wir in Bussen ins Stadthaus zum Bankett gefahren, das fünf Stunden dauerte. Die Sitz- und Essregeln waren sehr streng. Man hatte uns beispielsweise erklärt, dass die Gabel immer nach unten zeigen muss. In dieser Haltung Erbsen oder Kartoffelstock zu essen ist gar nicht so einfach. Aber es gab niemanden, der einen korrigiert hätte. Das Personal durfte ja nicht einmal mit uns reden. Ich habe mich während des Essens etwas umgeschaut, wie das die anderen lösen. Da gab es solche, die die Ellbogen auf dem Tisch hatten, was sich gar nicht schickt. Na ja, die Etikette macht ja eigentlich überhaupt keinen Sinn. Aber einen Abend lang zu sehen, wie man es richtig macht, war schon spannend. Man hat vier Gläser vor sich, überall ist Gold, alles ist so schön gemacht. Ich sah all die Dinge, die ich sonst nur vom Fernsehen kenne.

Dafür war das Essen eine Enttäuschung. Als Vorspeise gab es Fischterrine. Der Hauptgang war eine Art Entenleberroulade, die habe ich nicht gegessen. Zum Dessert gabs Zitronenröllchen. Nach diesem Essen war ich sehr hungrig – zum Glück gab es an der «After Show Party» noch was. Nach dem Dinner ging die Gesellschaft zum Tanz in die «Golden Hall». Alles war streng hierarchisch geplant: Das schwedische Königspaar ging voraus, dann die Preisträger. Bei den gut 1200 Gästen dauerte es eine ganze Weile, bis auch wir im Saal angelangt waren. Da war das Königspaar schon wieder gegangen.

Am eindrücklichsten fand ich allerdings die Party danach, die so genannte «Nobel Night Cap», die traditionellerweise von Studenten organisiert wird und zu der nur noch geladene Gäste zugelassen sind. Hier löste sich die ganze Anspannung, und die Preisträger konnten sich richtig freuen; an der offiziellen Feier hätte sich das nicht geziemt. Der Mediziner Barry Marshall sang selbst gedichtete Weihnachtslieder, und der Ökonom Robert Aumann wurde von seiner Familie durch die Gegend getragen. Das pure Gegenteil der offiziellen Feier. Es war sehr ausgelassen, und ich kam erst um fünf Uhr ins Bett. Die Party dauerte bis acht Uhr früh.

Ich bin wahrscheinlich die Einzige, die das sagt – aber ich möchte den Nobelpreis nicht gewinnen. Dann steht man nämlich von einem Tag auf den andern im Rampenlicht, muss der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen – und wird nach der Verleihung sofort wieder vergessen. Das wäre mir unangenehm, und ich hatte auch den Eindruck, dass es manchem Preisträger auch nicht sehr wohl dabei war. Zudem gibt es für Biologie sowieso keinen Preis. Dennoch: Wer den Nobelpreis bekommt, hat etwas Grosses geleistet und soll dafür auch ausgezeichnet werden. Auch wenn er aus der Erinnerung vieler Menschen bald wieder verschwinden wird.