Ohne Wecker wache ich um 4.30 Uhr nicht auf. Doch die ersten Sonnenstrahlen in der Morgenstille der Alp entschädigen mich für das Aufstehen und vertreiben die Müdigkeit: Die Berggipfel zeigen sich in Umrissen in der Morgendämmerung und nehmen mit zunehmender Helligkeit ihre vertraute Gestalt an.

Zuerst trage ich den Käse vom Vortag von der Sennerei in den Käsekeller und schütte den Rahm ins Butterfass. Susanne, die Zusennin, holt in der Zwischenzeit das Vieh von der Nachtweide. Dann beginnen wir mit dem «Stallen»: Wir treiben die Kühe zum Melken in den Stall.

Ich verrichte diese Arbeit gern, denn so bin ich in intensivem Kontakt mit den Tieren. Sie geben meinem Leben eine neue Dimension. Vor meinem ersten Alpsommer hatte mir mein Horoskop eine neue Liebe verheissen. Sie kam in Gestalt von Kühen.

Für Cressi, meine Lieblingskuh, nehme ich mir immer etwas mehr Zeit. Ihre Kopfform ist markant, sie schaut mich zutraulich an und bewegt ihre Ohren anmutig. Die Zuneigung ist gegenseitig, da gibts keinen Zweifel.

Viel Muskelkraft notwendig

Unsere 73 Kühe geben rund 1000 Liter Milch pro Tag. Die Milchwanne in der Sennerei steht auf einem Podest: Susanne und ich müssen die Kessel mit rund 40 Liter Milch hochstemmen das braucht eine ziemliche Portion Muskelkraft. Doch ich arbeite gerne körperlich.

Im Büro fehlte mir das. Die kaufmännische Lehre war eigentlich eine Verlegenheitslösung. Die ersten drei Jahre gefielen mir zwar überraschend gut. Doch in den folgenden drei Jahren wurde mein Bedürfnis nach körperlicher Arbeit in der freien Natur immer stärker. An meiner letzten Stelle in Scharans im Domleschg wurde ich richtig kribbelig: Ich genoss eine wunderschöne Aussicht in die Berge und war in meinem Büro gefangen.

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Dann kam die entscheidende Wende: Ich besuchte eine Kollegin, die als Sennin auf der Alp Stierva oberhalb Tiefencastels arbeitete. Eine Woche lang half ich ihr nach Kräften und plötzlich wusste ich, dass dies mein künftiger Beruf sein musste. Meine Kollegin riet mir: «Wenn dir das Älplerleben wirklich gefällt, dann such dir sofort eine Stelle, sonst schiebst du es jahrelang hinaus.» Also verdingte ich mich im folgenden Sommer als Zusennin auf einer kleinen Alp. Die Faszination dieser Arbeit im Einklang mit der Natur hat mich seither nicht mehr losgelassen.

Die Nase voll vom Stadtleben

Die Liebe zur Natur hatte meine Mutter auf langen Bergwanderungen in mir geweckt. Auf der Alp erlebe ich die Natur noch stärker. Hier bin ich allein und kann so richtig durchatmen. Auch die Kühe verbreiten Ruhe, wenn sie auf der Weide liegen und wiederkäuen. Inzwischen habe ich das Käsen gelernt und bin so von der Zusennin zur Sennin aufgestiegen. Theoretisch bin ich nun Chefin doch auf der Alp wissen alle, wo sie anpacken müssen.

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In der Stadt möchte ich nicht mehr leben. Da hat es von allem zu viel zu viele Menschen, zu viel Lärm, zu viel Licht. Um im Winter finanziell über die Runden zu kommen, werde ich nach der Alpabfahrt einem Bauern helfen und während der Skisaison in einer Skihütte auf der Lenzerheide servieren.

Ende Sommer nimmt die Arbeitslast glücklicherweise etwas ab. Zwar bin ich trotzdem noch jeden Morgen etwa drei Stunden am Käsen und anschliessend am Butterkneten. Doch die Milchmenge ist kleiner, weil jetzt rund 30 Kühe in der «Galt» sind. Das heisst, dass sie trächtig sind und in zwei Monaten kalben werden. In dieser Zeit melken wir sie nicht mehr.

Eine Kuh ist neun Monate trächtig. Die Galt geht somit nicht auf das Konto unseres Munis. Dieser hält sich gut und ist zudem recht zutraulich. Angst braucht man vor ihm nicht zu haben, aber Respekt ist bei allen Stieren geboten: Behandelt man sie schlecht, reagieren sie aggressiv. Sie vergessen nichts.

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Ein Problem habe ich nur mit den Schweinen: Sie stinken einfach zu sehr. Ich bin froh, dass sich Susanne um die Borstentiere kümmert. Schweine gehören nun mal zur Alpwirtschaft. Sie fressen die Schotte, die beim Käsen anfällt. Die Metzger rühmen das Fleisch der glücklichen Alpschweine. Doch da kann ich nicht mitreden. Ich bin Vegetarierin, weil ich es nicht übers Herz bringe, Tiere zu essen.

Weder Fernsehen noch Radioempfang

Milch, Butter und Käse haben wir in Hülle und Fülle. Grundnahrungsmittel wie Reis, Teigwaren und Mehl karrten wir Anfang Saison auf die Alp. Brot backen wir selber. Früchte und Gemüse bringen ab und zu die Besucher mit. Unsere Menüs sind aber auch jetzt, wo wir mehr Zeit fürs Kochen haben, ziemlich einfach.

Nach dem Mittagessen legen wir uns bis 15 Uhr aufs Ohr. Dann geht die Arbeit wieder los. Gegen Abend melken wir noch einmal. Hausarbeiten wie Waschen und Putzen verrichten wir zwischendurch. Um 19.30 Uhr ist die Arbeit meist beendet. Dann bleibt noch etwas Zeit zum Lesen und zum Schwatzen.

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Ein Fernsehapparat steht nicht in unserer Alphütte, nur ein Radio doch wir haben keinen Empfang. Was in der Welt läuft, wissen wir im besten Fall von den Besuchern. Wir gehen früh zu Bett. Zuvor treten wir vor die Hütte und schauen uns den Sternenhimmel an.