Sonntagmorgen. Das Tram Nummer 9 Richtung Guisanplatz ist praktisch leer. Bloss ein paar Spaziergänger und eine Frau, die es mit ihrem Collie auf die Allmend zieht, zum Luftschnappen.

An diesem Morgen fährt man nicht mit dem Tram zu den Ausstellungshallen im Osten der Stadt Bern, sondern mit dem eigenen Subaru, Opel oder BMW. Zur «Autoemotionen 2000», der «5. Auto Tuning Schweiz» und gleichzeitig dritten Messe für «Auto-Hifi & -Multimedia», pilgert man individuell motorisiert oder gar nicht. Das ist Ehrensache – und der Parkplatz obendrein gratis.

Man schliesst also das Auto per Knopfdruck (Zentralverriegelung serienmässig), zahlt am Eingang zehn Franken und macht sich auf die Suche nach Autos, Auspuffen und Alufelgen.

Beim «Fokus Tuning und Motorsport», am Stand der Hauptsponsoren, wird auf einer Grossleinwand der Grand Prix von Japan übertragen. Häkkinen liegt vor Schumacher, exakt 1,583 Sekunden. Gegenüber, an der «Bärner Bier Bar», gibts Kaffee und Gipfeli.

Speedgelbe Lenkradbezüge
«Tuning ['tju:…], das; -s " engl." », so hatte sich der unbedarfte Besucher mit dem Duden vorbereitet, Tuning nennt man die «nachträgliche Erhöhung der Leistung eines Kfz-Motors». Der Besucher begreift auf seinem Gang durch die Hallen schnell, dass das nur die halbe Wahrheit ist.

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Ein Auto kann man, so lernt er, zunächst einmal «optisch» tunen. Man kann die Scheiben hinten tönen lassen (400 Franken, ohne Montage). Man kann das Lenkrad neu beziehen («griffsympathisches Kalbsleder in Speedgelb», 124 Franken). Man kann einen Heckflügel montieren («Aerodynamik pur! Der Heckflügel für Ihren sportlichen Skoda Octavia»). Oder man bringt an den Türen Griffmuscheln an («Machen Sie Schluss mit unschönen Kratzern! Griffmuscheln im Carbon-Design einfach in die Griffmulden kleben»).

Der unbedarfte Besucher wundert sich. Beim Opel Astra, den er gelegentlich mietet, gibts weder speedgelbe Lenkradbezüge noch Griffmuscheln im Carbon-Design. «Entschuldigen Sie», fragt er deshalb am Stand von AD Garage, wo ein aufgemotzter Renault Clio die Blicke auf sich zieht, «warum macht man ein Auto eigentlich derart zurecht?»

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Verkaufsberater Lukas Walser denkt nach. «Weil man nicht das Gleiche haben will wie der Nachbar», sagt er. «An diesem Auto ist fast nichts mehr original: neue Felgen, neue Frontpartie, neue Kotflügel, tiefer gelegtes Fahrwerk. Wenn ein 50-Jähriger diesen Wagen am Wochenende aus der Garage holt, kann er sich noch einmal jung fühlen.» Dass der motorisierte Jungbrunnen ganz schön durstig sein kann, stört nicht: «Der Benzinpreis», so Walser, «spielt bei unseren Kunden keine Rolle.»

Wie die Frau eines andern Mannes
1999 nahm der Autobenzinverbrauch in der Schweiz um 3,3 Prozent auf 3,98 Millionen Tonnen zu. «Der Strassenverkehr ist eine der Hauptquellen der CO2-Emissionen», schrieb das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft im Frühling dieses Jahres unter dem Titel «Zu früh zum Aufatmen». «Er wird dieses Jahr rund 13,7 Millionen Tonnen CO2 emittieren. Den grössten Anteil liefern die Personenwagen (rund 10 Millionen Tonnen pro Jahr), gefolgt von den schweren Nutzfahrzeugen (rund 2,2 Millionen Tonnen).»

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In Suzuka hat unterdessen Schumacher Häkkinen überholt. Sechs Runden vor Schluss liegt der Ferrari-Fahrer 4,367 Sekunden vor dem Finnen auf McLaren-Mercedes. Von der «Bärner Bier Bar» aus sieht man kaum mehr auf die Grossleinwand.

Zu viele Fans stehen im Weg. Einer trägt eine Ferrari-Mütze.

Noch drei Runden, es regnet in Suzuka. «Die Verhältnisse sind nach wie vor sehr, sehr heikel», sagt der Kommentator. «Schumi» hat die Sache voll im Griff – 5,142 Sekunden Vorsprung. Zieldurchfahrt. «Schumi» streckt die Faust in die benzingeschwängerte Luft. Er ist zum dritten Mal Weltmeister geworden. Hat für Ferrari den ersten Titel seit 21 Jahren geholt. «Schumi», wie er aus dem Auto aussteigt. «Schumi», wie er Häkkinen umarmt. «Schumi», wie er seine Mechaniker an sich drückt. «Dä Donnercheib», sagt einer. Dann wird der Bildschirm schwarz. Zeit, sich weiter umzusehen.

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Der Besucher steckt die Hände in die Hosentaschen – so, wie er das bei fast allen Männern in der Halle gesehen hat. Eine Vorsichtsmassnahme. Denn: «Ein Auto ist wie die Frau eines andern Mannes», steht auf einem Schild an einer der polierten Karossen, «du darfst es anschauen, du darfst es bewundern, aber du darfst es nicht berühren!» So blickt man berührungslos durch getönte Scheiben, streichelt mit Blicken statt Händen über Armaturenbretter und Alufelgen, schaut in einen chromglänzenden Auspuff hinein. Manchmal öffnet ein Händler eine Kühlerhaube, gibt den Blick frei auf Zylinder und Turbolader. Ehrfürchtiges Staunen.

«Entschuldigung», fragt der Besucher, der an einem der präsentierten Motoren partout nichts Aussergewöhnliches feststellen kann, «was ist denn daran speziell?»

«Der Turbolader», sagt Micha Hämmerle, der mit seinem Kollegen extra aus dem Vorarlberg nach Bern gefahren ist («zwei Stunden auf der Autobahn, kein Problem»). Dann deutet er, den Zeigefinger in respektvollem Abstand («Nicht berühren!»), auf ein kleines Kästchen im Motor.

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Hämmerle kennt sich aus: Seinen Mazda BF, Jahrgang 1989, hat er eigenhändig zu einem Turbo umgebaut. Und er schwärmt: «Dieser Schub, wenn der Turbo einsetzt. Mit einem gewöhnlichen Motor bringst du das nie hin.»

Ein Freund auf vier Rädern
Letztes Jahr, als noch Mika Häkkinen Formel-1-Weltmeister war, starben auf den Schweizer Strassen 583 Menschen. In 230 Fällen war überhöhte Geschwindigkeit im Spiel. 29527 Personen wurden verletzt. In der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen stieg die Zahl der Opfer um 12,7 Prozent an, die Zahl der verletzten Fussgänger um 4,9 Prozent. «Nachdem sich die Sicherheit auf der Strasse zu Beginn der neunziger Jahre noch deutlich verbessert hatte, stagniert sie nunmehr seit zwei Jahren oder nimmt sogar ab», schrieb das Bundesamt für Statistik dazu.

Ein Auto, das zeigt diese Ausstellung, ist nicht bloss ein Transportmittel. Ein Auto ist ein Kultgegenstand, ein Freund auf vier Rädern, zu dem man eine Beziehung hat – «Autoemotionen» eben.

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Als ob es dafür noch eine Bestätigung brauchte, trifft der Besucher vor der offenen Motorenhaube eines Opel Kadett auf Lindijan Adili. «Wenn ich mich zwischen meinem Auto und meiner Freundin entscheiden müsste», sagt er ungefragt, «würde ich das Auto wählen. Ich bin verliebt in mein Auto.» – «Warum, Herr Adili?» – «Wegen der Geschwindigkeit. Wer sagt denn, dass man nur 120 fahren darf?»

Verboten – aber doch im Verkehr
Die Frage, was man eigentlich darf, hat sich der Besucher auch schon gestellt. Er hat Luftfilter gesehen, die «im Strassenverkehr nicht zugelassen» sind. Oder Auspuffe, bei denen die Montage «nur durch Entfernen des Katalysators (nicht CH-Norm)» möglich und somit eigentlich verboten ist. «Natürlich ist nicht alles zugelassen, was beim Tuning gemacht wird», sagt ein Verkäufer. «Aber das meiste bringt man bei der Motorfahrzeugkontrolle durch, wenn man dafür bezahlt.» Der Besucher wird hellhörig: «Das heisst, wenn man Schmiergeld zahlt?» – «Also… Nein, so kann man es nicht nennen…» Aber die Auspuffe der eigenen Firma, die seien selbstverständlich alle geprüft, beeilt sich der Verkäufer zu sagen. «Wenn halt einer den Katalysator ausbaut, weil er einen Sportauspuff montieren will, muss er das selber verantworten.» Viele nähmen dieses Risiko auf sich, lässt er sich dann doch noch entlocken – «dem volleren Sound zuliebe».

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Wie dieser Sound tönt, darf man sich am Stand von Remus («Die Sportauspuffe bestechen durch attraktive Endrohrvarianten») bei einem Lautsprecher mit eingebautem Bildschirm anhören. «So geil», sagt einer, der sich soeben das sonore Gedröhne eines Opel Vectra zu Gemüte geführt hat. Nun tippt sein Freund auf dem Bildschirm auf das Feld «VW Golf III mit Remus». Aus dem Lautsprecher dröhnt und röhrt es. Mit diesem Motorengeheule sticht man selbst im Stossverkehr aus der Masse heraus. Und weils so «geil» war, tippt man gleich noch einmal auf den Bildschirm.

«Du wirst sehen», hatte ein alter Freund dem Besucher versprochen, «an so einer Ausstellung hats starke Männer, starke Autos und leicht geschürzte Girls.» Der Freund kennt sich in der Szene aus. Also vorbei am hoch getunten Opel Kadett. Vorbei am Toyota Yaris mit «Frontspoiler, Lampenabdeckungen und Seitenschwellern». Vorbei an Autostereoanlagen, die jenseits des Schmerzbereichs wummern – «deshalb wohl», denkt sich der Besucher, «brauchts laute Auspuffe». Weg von hier, raus zur Bühne, zur «Life Trendshow».

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Dort präsentieren sechs junge Frauen und zwei Männer des «Showteams Dancefunction» Sportschuhe auf Silbertabletts. Der Besucher versucht, zwischen knapp geschnittenen Aerobic-Kleidern, Sportschuhen und Autos einen Zusammenhang herzustellen.

Zur Abwechslung heisse Dessous
Die Bemühungen erweisen sich bereits Minuten später als überflüssig. Die Firma Habella lässt Dessous und Unterwäsche der «mittleren und oberen Preisklasse» vorführen, und die starken Männer im Publikum vergessen beim Anblick der kurvenreichen Models für einen Augenblick sogar die heissen Autos.

Dann verabschieden sich die Girls und Boys. Vor der Bühne fahren Autos auf, riesige Schlitten, die tief über den Asphalt gleiten, «low riders». Ungetüme, die meisten älter als ihre Besitzer. Andy mit seinem Opel Diplomat ist der Newcomer in der Szene. Jetzt darf er zeigen, was er drauf hat. Er fährt vor, steigt aus, zieht durchs offene Wagenfenster ein langes Kabel mit einer Art Schaltpult. Die Musik setzt ein, und Andy beginnt, an den Hebeln herumzudrücken. Der Opel hebt sich um 40 Zentimeter. Senkt die Schnauze, knickt rechts ein. Knickt links ein. Wippt im Rhythmus. «Krass», sagt einer im Publikum.

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Nun darf Andy sogar noch demonstrieren, wie sein «low rider» zum Umweltschutz beiträgt. Er stellt eine leere Coladose unter die Vorderachse, lässt sein vierrädriges Prunkstück kurz vorn einknicken, und schon ist die Dose flach wie eine Flunder. Das Publikum klatscht.

Als der Besucher noch klein war, in der dritten oder vierten Klasse, besass er ein Spiel, das er liebte: das «Autoquartett». «Meiner hat 2780 ccm», sagte er dann zu seinem Freund, und wenn auf dessen oberster Karte ein tieferer Wert stand, so erhielt er diese. Sieger war, wer am Schluss mehr Karten hatte. Der Lamborghini gewann immer. Mit der Wundermaschine in der Hand hatte man keinen Gegner. Gegen die PS, die vielen «ccm» beim Hubraum und die Spitzengeschwindigkeit kam keiner an. Wer den Lamborghini im Blatt hatte, war der König des Pausenplatzes.

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Der Lamborghini Diablo bei der Firma Traumfabrik hat eine Spitzengeschwindigkeit von 325 Kilometern pro Stunde und 530 PS. Breit steht er neben dem Ferrari F-40, der es «nur» auf 324 Kilometer pro Stunde und 503 PS bringt. «Von null auf 200», sagt Thomas, der Geschäftsführer der Traumfabrik, «beschleunigt der Diablo in unglaublichen acht Sekunden.»

Lamborghini-Herr für 20 Minuten
Man steht da. Staunt. Hört andächtig zu, wenn die Motoren aufheulen. Überlegt, wie viel einem der Traum vom Lamborghini wert ist. Für nur 90 Franken lässt er sich verwirklichen. Man darf einsteigen. Über das edle Lederpolster streicheln. Den Steuerknüppel berühren. Und dann losfahren. Wenn auch bloss für 20 Minuten und mit einem Chauffeur am Steuer, leider.

Dennoch: Draussen auf der Autobahn muss die Freiheit grenzenlos sein. Und wie der Besucher hört, macht die Stadtpolizei Bern an diesem Wochenende keine Radarkontrollen – aus Personalmangel.

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