Orlando Schmid wartete, bis seine Gesichtsfarbe «wieder fast normal war». Es war der 11. Februar, und eben hatte die jährliche Überprüfung seines Biohofs stattgefunden. Zwei Stunden hatte der Kontrolleur auf einer Liste Häkchen um Häkchen gemacht - aber eben nicht überall. Als er nicht mehr rotsah, setzte sich Schmid hin und schrieb an Bio Suisse, dass ihm nach dieser Kontrolle eigentlich nur zwei Dinge blieben: «Ein Gefühl der Enttäuschung» und die «tiefe Überzeugung, dass wir Änderungen vornehmen müssen». Diese stellt er sich so vor: «Wenn wir keine Lösungen finden, werden wir die Knospe zurücksenden.»

Mit 23 Jahren Erfahrung im Biolandbau gehören Orlando und Liliane Schmid zu den Pionieren. Ihr Hof liegt am Rand von Ausserberg VS hoch über dem Rhonetal. Im Laufstall stehen Mutterkühe, daneben pflügen Schweine durchs Stroh. Liliane Schmid führt einen kleinen Gastrobetrieb, dazu kommt als weiteres Standbein ein hofeigener Laden.

Alles in allem ein friedliches Idyll, wären da nicht die Kerben, die der Abgesandte von Bio Suisse hineingeschlagen hat. Als die Schmids im letzten Sommer für Konfitüre Beeren sammelten, die Früchte aber aus Kostengründen mit konventionellem Zucker aufkochten, war ihnen klar, dass darauf keine Knospe gehört. Also stellten sie die Gläser ohne Label in die Regale. Doch das passte dem Kontrolleur nicht - es sei nur der Verkauf von hundertprozentig biologischen Produkten gestattet. Die Konfitüre sei zu entfernen, oder zumindest müsse das Ehepaar um eine «Ausnahmebewilligung» ersuchen.

Rückgang der Knospe-Höfe

Es war nicht die einzige Beanstandung: Auf einigen Produkten fehlten die Nummern des Labelzertifikats. Im Likör stiess der Kontrolleur ebenfalls auf den falschen Zucker, und in der Beiz wurden neben Bioprodukten auch regionale Spezialitäten ohne Knospe aufgetischt. Orlando Schmid stieg die Farbe immer dunkler ins Gesicht. Und als sich dann herausstellte, dass er insgesamt 25 Ausnahmebewilligungen beantragen sollte, wurde ihm der Hemdkragen endgültig zu eng.

Damit ist er nicht allein. Nach einer ersten Austrittswelle vor zwei Jahren kam es 2005 zu einem neuen Schub. Und erstmals seit der Gründung vor 25 Jahren muss Bio Suisse nun einen Rückgang der Knospe-Höfe hinnehmen: von 6’280 auf 6’114.

Der Streit um die Etiketten auf der Konfitüre ist symbolisch für eine sich verschärfende Auseinandersetzung in der Bioszene. Auf der einen Seite stehen die Bauern, auf der anderen der Verband. Die Differenzen erstaunen nicht: Bio ist nicht mehr das Markenzeichen der Aussteiger, sondern einer der grössten Wachstumsmärkte. Bis ins letzte Detail müssen die Ansprüche an die Rohstoffe, an ihre Herkunft und an die Verarbeitung definiert sein. Nur so erfüllen die aus Spanien importierten Biokiwis die gleichen Kriterien wie der Biokäse aus dem Zürcher Oberland. Die Knospe ist ein Business mit jährlich 1,2 Milliarden Franken Umsatz.

Die Gralshüter sind nicht konsequent

«Unser Kapital ist die Glaubwürdigkeit», sagt Regina Fuhrer, Präsidentin von Bio Suisse. Ist in den Produkten kein Bio drin, sondern Gift, zieht die Kundschaft ihre Konsequenzen sofort. Um dieses Kapital zu sichern, verschärft Bio Suisse die Anforderungen an das Label regelmässig. Seit Anfang 2004 darf dem Vieh auf Knospe-Betrieben nur noch Biokraftfutter vorgesetzt werden - die Mehrkosten provozierten eine erste Welle an Austritten.

Angehoben wurde inzwischen auch die so genannte Absetzfrist für Biomilch. Galten nach dem Einsatz von Antibiotika bis anhin die Angaben der Hersteller, nach wie vielen Tagen die Milch keine Rückstände mehr enthält und wiederverwertet werden darf, so hat das Knospe-Label diese Frist verdoppelt. Eine Vorsichtsmassnahme, deren Konsequenzen auf Kosten der Bauern gehen: Plötzlich müssen sie doppelt so viel Milch wegschütten.

Doch die Gralshüter sind in der Handhabung der Reglemente nicht konsequent. Legen sie den Produzenten auf der einen Seite laufend mehr Fesseln an, so kommen sie den Verkäufern - sprich dem Handel und insbesondere dem übermächtigen Grossverteiler Coop - immer mehr entgegen. Das ist nicht verwunderlich, denn Bio Suisse verdient an den Einnahmen aus Lizenzgebühren inzwischen doppelt so viel wie an den Mitgliederbeiträgen der Biobauern. Die Basis muss sich den Wünschen des Handels beugen.

«Uns stinkt es schon lange»

Beispiel für den Zickzackkurs: Der Verband bezeichnet sich zwar als vehementen Gegner der Gentechnologie, wollte aber bei den Diskussionen über die Qualität von Saatgut ursprünglich einen höheren Prozentsatz an gentechnologischen Verunreinigungen akzeptieren als die oft weit weniger strengen EU-Länder.

In den Regalen der Geschäfte findet sich heute auch ultrahocherhitzte Milch mit Knospe. UHT-Milch ist jedoch biologisch tot - von der im Biolandbau geforderten Wahrhaftigkeit ist darin nichts mehr enthalten. Gleichzeitig verbietet der Verband seinen Biokäsereien, eine Überproduktion an Butter einzufrieren, um sie bei Nachfrage später wieder aufzutauen. Das Argument von Bio-Suisse-Präsidentin Regina Fuhrer: «Die Wahrhaftigkeit ist nicht mehr gegeben.»

Ebenso inkonsequent verhält sich Bio Suisse beim Thema artgerechte Tierhaltung. Wird bei Laufställen die geforderte Minimalfläche auf den Zentimeter genau nachgemessen, zeigt man sich beim heiklen Thema der Tiertransporte geradezu seltsam nachlässig: So muss etwa Schlachtvieh aus dem Wallis nach Basel gefahren werden, denn nur hier kann es biozertifiziert sterben. Das sind anstrengende Fahrten quer durchs Land, die den Zielen eines korrekten Umgangs mit Tieren diametral widersprechen. Kommentar von Regina Fuhrer: «Wir suchen nach Lösungen.»

Derweil gärt es an der Basis. Ihrem Mann «stinkt es schon lange», und sie selbst fühle sich von Bio Suisse zunehmend «übergangen», sagt etwa Bäuerin Claudia Capaul aus Perrefitte BE. Bei Bio Suisse interessiere man sich immer mehr nur noch für das Marketing. Fredy Kyburz, Landwirt in Diesbach GL mit Arbeitspferden im Stall, stört sich daran, dass die Kontrolleure des Verbands heute vom Prinzip des Misstrauens geleitet würden. Es gebe Inspektoren, die bei ihren Besuchen die Abfallkübel durchsuchten, um festzustellen, ob die Bauern verbotene Substanzen verschwinden liessen. Und für Landwirt Felix Brügger aus Soglio GR ist Bio Suisse inzwischen «wie der Schweizerische Bauernverband»: marktorientiert und kompromissbereit auf der einen Seite, kleinlich auf der anderen. Brügger gab die Knospe bereits 2001 zurück.

Viele wollen austreten

«Ich kenne nur wenige Biobauern, die sich noch nie mit Austrittsgedanken befasst haben», fasst Eugen Oggenfuss, Präsident der Oberwalliser Biovereinigung, die Stimmung im Bioland Schweiz zusammen. «Wir wissen, dass wir einen Spagat machen», erwidert Bio-Suisse-Präsidentin Regina Fuhrer. Doch dabei kann man sich leicht überdehnen.

Quelle: Manuel Bauer
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