Weinexpertin Chandra Kurt überkommt ein leichtes Schaudern, wenn sie sich daran erinnert: «Früher gab es Bioweine, die regelrecht gestunken haben.» Heute aber seien hervorragende Tropfen erhältlich, «die in Blindtests manchmal besser abschneiden als konventionell hergestellte Weine». Trotzdem mag die erfolgreiche Buchautorin keine persönlichen Empfehlungen für Bioweine abgeben: «Ich kenne dieses Segment zu wenig, da beim Wein ‹Bio› für mich nicht im Vordergrund steht.»

Erst der Abgang, dann die Ökologie. Selbst überzeugte Anhänger der Biolandwirtschaft – zu denen sich auch Chandra Kurt zählt – drücken beim Wein ein Auge zu. Diese Haltung ist mithin der Grund, weshalb der Marktanteil von Bioweinen in der Schweiz nur wenige Prozente beträgt und damit deutlich tiefer ist als bei anderen landwirtschaftlichen Produkten.

Zwei Prozent der Rebfläche sind Bio


Nur auf zwei Prozent oder rund 300 Hektaren Schweizer Rebfläche gedeihen Trauben unter kontrolliert biologischen Bedingungen. Dies hat auch viel mit den härteren klimatischen Verhältnissen zu tun: Für den Bioweinbau ist die Schweiz ein schwieriger und vor allem zu feuchter Boden. Als Ausnahmen gelten Gegenden mit trockenen Winden wie etwa die Bündner Herrschaft oder das Rhonetal.

Anderseits hat das Wissen über die Möglichkeiten und Grenzen des Bioweinbaus in den letzten Jahren stark zugenommen. Eine der wichtigsten Quellen ist das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FibL) in Frick AG, das in den achtziger Jahren die wissenschaftlichen Grundlagen für hochstehenden Bioweinbau legte. «Der Durchbruch gelang aber erst Mitte der Neunziger», sagt Andreas Häseli vom FibL, «als man die Ertragssicherheit und die Qualität deutlich verbessern konnte.» Zudem profitierte der Bioweinbau davon, dass Coop und andere Detailhändler solche Weine in ihr Sortiment aufnahmen.

Wichtigste Kontrollinstanz ist die bio.inspecta. An ihr sind die Biolandbau-Vereinigung Bio Suisse, das FibL sowie Demeter zu knapp einem Drittel beteiligt. Die restlichen Anteile verteilen sich auf Bioproduzenten, Konsumenten, Umweltorganisationen und die Mitarbeitenden. Die Bioinspekteure kontrollieren mindestens einmal pro Jahr über 100 verschiedene Kriterien bei Produktion und Verarbeitung. Auch die Händler werden regelmässig unter die Lupe genommen.

Eines der Probleme im Weinbau ist der Schutz gegen den falschen Mehltau, eine Pilzart, die sich im feuchten Schweizer Klima ideal ausbreitet. Dieser Pilz wird seit Jahrzehnten mit einer Kupferlösung bekämpft – heute auch im Bioweinbau. «Die verwendeten Mengen sind ökologisch gesehen aber kaum mehr ein Problem», sagt Andreas Häseli. Gleichwohl stört sich Bertrand Bollag von der Dachorganisation Bio Suisse, die über das Knospe-Label wacht, am Einsatz von Kupfer: «Dies ist und bleibt ein Tolggen im Reinheft.»

Der falsche Mehltau bleibt ein Problem


Dass es auch ohne geht, zeigt das FibL. Es bewirtschaftet in Frick eine Parzelle, auf der seit zehn Jahren keine Kupferlösung mehr gespritzt wird. Ob künftig alternative Mittel oder robustere Rebsorten den Kampf gegen Mehltau aufnehmen, können die Fachleute noch nicht abschätzen.

Und wie steht es mit der ökologischen Qualität von Weinen aus dem Ausland? Auch hier ist die bio.inspecta am Werk. Sie führt Kontrollen vor Ort durch und arbeitet mit vergleichbaren Organisationen im Land sowie staatlichen Stellen zusammen. Da aber viele ausländische Richtlinien – etwa in der EU – moderater sind als die hiesigen, geben einige Importeure schärfere Standards vor.

Etwa Marktführer Delinat: «Noch vor drei oder vier Jahren erfüllten erst zwei Drittel der Produzenten unsere Vorgaben», sagt Geschäftsführer Christoph Schäpper. In der Zwischenzeit habe das Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick viel Beratungsarbeit geleistet, so dass es höchstens noch bei einem Zehntel der Betriebe zu Beanstandungen komme. «In schweren Fällen wird der Winzer als Lieferant ausgeschlossen», sagt Christoph Schäpper. Gleichzeitig schränkt er ein: «Es wäre unseriös, eine hundertprozentige Garantie abgeben zu wollen.»

Naturnah produzierte Weine sind allerdings auch ohne Bio-Knospe oder einem anderen Bio-Label zu haben. So achten Produzenten von exklusiven Burgunder- oder Bordeaux-Weinen, etwa Château Margaux, seit Jahrzehnten auf eine streng biologische Herstellung. Die Liebe fürs ökologische Detail geht manchmal so weit, dass zum Aufbinden der Rebpflanzen nicht Schnur und Draht verwendet werden, sondern Weidenzweige. Die streng biologisch hergestellten Margaux-Weine haben nur einen Nachteil: die stolzen Preise.