Das Quasi-Monopol der Cablecom bröckelt. Nicht nur einzelne Abonnenten der Kabelnetzbetreiberin wenden sich Alternativen wie Satellitenschüsseln oder der Konkurrentin Bluewin zu. Ganze Gemeinden und Städte haben die Nase gestrichen voll vom selbstherrlichen Gebaren der Cablecom und denken laut über einen Wechsel nach.

«Erboste Reaktionen von Einwohnern haben uns veranlasst, alle Alternativen zu Cablecom genau unter die Lupe zu nehmen», sagt Markus Dietler, Stadtschreiber von Olten, stellvertretend für viele. In Gossau SG war der Bürgerunmut über den Netzgiganten ebenfalls Auslöser für die Suche nach anderen Lösungen. Auch in Dietikon an der Limmat ist man nicht glücklich über die Situation und hofft laut Gemeindepräsident Otto Müller auf Konkurrenz. Kloten nimmt derzeit die Verträge mit Cablecom unter die Lupe. Und in Schlieren bei Zürich haben gleich mehrere politische Vorstösse eine Loslösung vom ungeliebten Netzbetreiber zum Inhalt.

Der Unmut kommt nicht von ungefähr. Schon lange verärgert Cablecom die Schweizer Fernsehkonsumenten. Vor bald zehn Jahren hatte die Firma vollmundig den schnellen Internetzugang versprochen, die Kunden aber jahrelang darauf warten lassen und sie schliesslich mit technischen Flops gepiesackt. Dann folgte die Telefonie übers Fernsehkabel. Auch hier: Startschwierigkeiten und ein deplorabler Kundendienst brachten so manchen Abonnenten nervlich an seine Grenzen - und der Cablecom wiederholt den vom Beobachter verliehenen Prix Blamage ein. Überhöhte Preise für die beim Digitalfernsehen nötigen so genannten Set-Top-Boxen riefen die Konsumentenschützer und schliesslich die Wettbewerbskommission auf den Plan - ein Verfahren läuft.

Zusätzlich stösst der Bevölkerung sauer auf, dass Cablecom Werbekanäle im Netz behält und normale Sender rauskippt. «Die Streichung dieser Kaufsender, die ohnehin niemand sehen will, steht für Cablecom nur deshalb nicht zur Diskussion, weil sie an deren Ausstrahlung verdient», ärgert sich SKS-Geschäftsführerin Jacqueline Bachmann. Dass 40 Führungskräfte des Unternehmens durch den Verkauf an die amerikanische Liberty Group Ende 2005 insgesamt 144 Millionen Franken verdienten, während fast zeitgleich der Abbau von 15 Prozent der gesamten Belegschaft verkündet wurde, machte die Firma der Schweizer Bevölkerung auch nicht sympathischer.

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Warum nicht ein eigenes Netz bauen?
Nun, da Cablecom wegen der bevorstehenden Digitalisierung des Fernsehangebots immer mehr Sender - darunter BBC Prime, NTV, France 2, Rai 1 sowie zwölf weitere - aus dem analogen Netz kippt, ist für viele Abonnenten «gnueg Heu dune». Weniger sehen und gleich viel bezahlen? Nicht nur Konsumentenschützer hegen den Verdacht, dass Cablecom so versucht, die Zuschauer auf das sechs Franken teurere Digital-TV-Angebot zu lenken.

Schliesslich las gar Bundesrat Moritz Leuenberger als Vorsteher des zuständigen Bundesamts Uvek der Kabelnetzbetreiberin die Leviten: «Rai 1 und France 2 bleiben», liess der Medienminister verlauten. Zuvor hatte der italienische Vize-Aussenminister Franco Danieli interveniert, weil sich die 500'000 in der Schweiz lebenden Italiener von Cablecom benachteiligt fühlten. Kein Wunder, musste sich Cablecom-Konzernchef Rudolf Fischer am 29. Januar anlässlich eines Hearings der nationalrätlichen Fernmeldekommission einiges an Schelte anhören.

Hinzu kommt: Cablecom ist teuer. Die Zürcher Gemeinde Wallisellen etwa betreibt seit Jahren ein eigenes Netz, über das die Einwohner für gerade mal 14 Franken im Monat 44 analoge Fernsehkanäle ins Haus geliefert bekommen. «Mit 14 Franken arbeitet das Werk kostenneutral», sagt Gemeindepräsident Otto Halter. Jeder Franken mehr brächte Gewinn. Dabei, betont Halter, sei das Angebot keineswegs künstlich mit Steuergeldern verbilligt. Cablecom verlangt für ihr Analog-TV-Angebot mit höchstens 37 Sendern 21 Franken.

Cablecom, die über ihr Kabelnetz 50 Prozent der Schweizer Haushaltungen bedient, ist eine private Firma. Gleichzeitig erfährt sie in jenen Regionen, in denen sie mit ihrem Netz vertreten ist, kaum Konkurrenz, besitzt also faktisch ein Monopol. Denn bislang galt: Der Aufbau eines zweiten Kabelnetzes ist unnötig und vor allem zu teuer. Doch inzwischen scheint es so mancher Gemeinde gar nicht mehr so abwegig, eigene Kabel zu verlegen. So wird das Zürcher Stimmvolk am 11. März über einen 200-Millionen-Kredit abstimmen, mit dem das örtliche Elektrizitätswerk ein eigenes Glasfasernetz aufbauen will. Auch in Luzern fordert bereits ein Postulat aus dem Stadtparlament ein eigenes kommunales Breitbandnetz.

300 bis 600 Franken Einnahmen kostet Cablecom das Abwandern eines einzigen Abonnenten. Bei 10'000 Kunden gehen ihr bereits Millionenumsätze verloren. In Zürich könnten somit mittelfristig Jahresumsätze in zweistelliger Millionenhöhe ausbleiben, sollte die EWZ-Vorlage angenommen werden. Kein Wunder, versucht die Kabelnetzbetreiberin, im Abstimmungskampf tüchtig Stimmung gegen das Konkurrenzprojekt zu machen.

Ein harscher Wind pfeift Cablecom auch im Mittelland entgegen. Die Stadt Baden und 18 weitere zum Verbund Baden Regio zusammengeschlossene Gemeinden prüfen laut dem Badener Stadtammann Stephan Attiger die Rechtsgrundlage der Verträge, die die Kommunen an den De-facto-Monopolisten binden. Mit dem Inkrafttreten des neuen Radio- und TV-Gesetzes per 1. April bestehe die Möglichkeit, so zumindest die Hoffnung der Gemeindeoberen, dass die Verträge faktisch obsolet sind. «Wir lassen dies derzeit juristisch abklären und schauen uns nach allfälligen Alternativen zu Cablecom um. Und zwar nicht nur für die Stadt Baden, sondern für die gesamte Region», erklärt Attiger. Der drohende Verlust für den Kabelnetzgiganten: jährlich mindestens zehn Millionen Umsatzfranken.

Nicht nur Gemeinden, auch immer mehr Genossenschaften gehen ihre eigenen Wege. So etwa die Baugenossenschaft des eidgenössischen Personals Zürich (BEP), die in der Limmatstadt 1300 Wohnungen vermietet. «Rund 1000 unserer Wohnungen sind bereits von Cablecom unabhängig», erklärt Genossenschaftspräsident Kurt Altenburger. Die Bewohner dieser Häuser sparen gegenüber den noch nicht umgestellten Mietobjekten sieben Franken im Monat - bei einem besseren Angebot. Die Genossenschaft hatte vor rund zwei Jahren mit dem Umstieg zu einem Drittanbieter begonnen. Das Signal kommt von der kleinen Antennenbetreiberin Antesa aus Spreitenbach, die Leitungen gehören dem Elektrizitätswerk Zürich. Das Modell macht Schule. «Bis jetzt haben wir 3000 Kunden, 2000 weitere stehen vor der Tür», sagt Antesa-Gründer Dieter Grams. «Zudem sind wir mit vier Gemeinden im Gespräch.»

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Der «Anti-Cablecom-Reflex»
Auch Fernsehempfang per Satellit erfreut sich grosser Beliebtheit, insbesondere bei Ausländern, denen Cablecom die Sender aus dem Programm gekippt hat. Allein im Jahr 2005 setzte der grösste Schweizer Satellitenempfänger-Importeur Bernhard Wenger 50'000 Empfangsgeräte ab. 2006 verdoppelte er den Absatz auf 100'000. Cablecom streitet nicht ab, dass ihr die Satellitenschüsseln ein Dorn im Auge sind. «Wir spüren den verschärften Wettbewerb», erklärte der damalige Mediensprecher Stephan Howeg im November 2006 gegenüber dem «Tages-Anzeiger».

Mittelfristig dürften die Patzer der Vergangenheit wie auch die Sünden der Gegenwart die Netzbetreiberin teuer zu stehen kommen, ihr Umsatzeinbussen in zweistelliger Millionenhöhe bescheren. Einbussen, die schmerzen werden: Trotz dem letztjährigen, noch nicht offiziell ausgewiesenen Umsatz von «einer knappen Milliarde Franken» dürfte der Gewinn - wenn es ihn denn gibt - höchst knapp ausfallen. Und im Gegensatz zum Analog-TV, wo die Marge dank dem seit Jahrzehnten amortisierten Netz sehr gross ist, fordern die laut Mediensprecher Martin Wüthrich «rentablen» neuen Bereiche nach wie vor grosse Investitionen.

Bei Cablecom gibt man sich trotz den Fluchtgedanken vieler Gemeinden und drohenden Einbussen gelassen: «Es stimmt. Wir spüren zurzeit bei Teilen der Bevölkerung eine Art Anti-Cablecom-Reflex», sagt Sprecher Wüthrich. «Tatsache ist aber, dass seit letztem Sommer keine einzige Gemeinde den Vertrag mit uns gelöst hat.»

Eine konkrete Auswirkung hat Volkes Zorn bereits jetzt schon: Der auf den Plan gerufene Preisüberwacher verordnete unlängst, dass Cablecoms technische Hotline künftig gratis sein müsse. Pro Minute hatte die Firma stolze Fr. 2.13 verlangt. Die aufgezwungene Massnahme zur Besänftigung der Kunden soll Cablecom laut Insidern rund 50 Millionen Franken Einnahmen kosten.

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Einst Drahtradio, heute globales Unternehmen: Von der Rediffusion zur Cablecom

1931: Die Firma Rediffusion wird gegründet und verbreitet Radiosendungen mittels Drahtrundspruch.
1953: Erste Versuche mit dem Ausstrahlen von Fernsehsendungen vom Zürcher Üetliberg aus.
1961: Rediffusion sendet erstmals in der Schweizer Geschichte zwei Schwarz-Weiss-Programme.
1969: Das Farbfernsehen ist da: Die erste «Apollo»-Mondlandung kann in Farbe am Bildschirm miterlebt werden.
1994: Aus einem Zusammenschluss verschiedener Kabelnetzgesellschaften entsteht unter der Führung des Kabelnetzpioniers Leo Fischer die Firma Cablecom.
1998: Übernahme des Online-Providers Swissonline. Leo Fischer verspricht, dass bis Ende Jahr 90 Prozent der Abonnenten übers Fernsehnetz surfen können.
1999: Leo Fischer wird von den damaligen Grossaktionären Siemens und Veba aus der Geschäftsführung und dem Verwaltungsrat verdrängt. Hispeed-Internet wird lanciert.
2000: März: Cablecom wird für 5,8 Milliarden Franken an die britisch-amerikanische NTL verkauft. Auch Ex-Verwaltungsratspräsident Leo Fischer war interessiert, geht aber leer aus. Von NTL «erbt» Cablecom einen Schuldenberg von 2,7 Milliarden. Dezember: Erst 66'000 der 1,4 Millionen Abonnenten könnten theoretisch übers Kabelnetz surfen. Gerade mal 23'000 tun es.
2001: August: Als kurzfristige Sparmassnahme verhängt Cablecom einen schweizweiten Baustopp in ihrem Netz.
2003: NTL verkauft die Cablecom an ein Bankenkonsortium.
2004: Cablecom lanciert Internettelefonie. Ende des Jahres erhält Cablecom erstmals den Prix Blamage des Beobachters.
2005: Das Bundesamt für Kommunikation eröffnet ein Verfahren wegen Konzessionsverletzung im Digital-TV. Oktober: Wenige Tage vor dem geplanten Börsengang wird Cablecom für 2,8 Milliarden Franken an den US-amerikanischen Kabelnetzgiganten Liberty Group verkauft.