SBB-Chef Benedikt Weibel liess es sich nicht nehmen, die frohe Botschaft gleich selbst zu verkünden: 97,5 Prozent der Züge seien seit dem Fahrplanwechsel pünktlich unterwegs. Das war im Januar. Damals war die Festlaune nach dem Start noch nicht verflogen. Doch der Kater setzte bald ein: Im Februar legte ein Computerabsturz in Zürich das halbe Bahnnetz lahm, dann setzte eine Pannenserie ein – Loks fielen aus, in mehreren Stellwerken traten Störungen auf.

Nach einem halben Jahr zeigt sich: Die Bahn 2000 bringt der Schweiz zwar mehr Zug, doch das erweiterte Angebot hat auch eine Kehrseite. Tritt eine Störung auf, wirkt sie sich beim dichteren Fahrplan viel stärker aus. «Weil das Parlament wichtige Infrastrukturbauten gestrichen hat, fahren die SBB jetzt dauernd an ihrer Belastungsgrenze. Das ist das Los von Bahn 2000», sagt Edwin Dutler, Präsident der Bahnkundenvereinigung Pro-Bahn. Doch das ist nicht der einzige Schwachpunkt.

Ärgernis Nr. 1: Stehplätze
Trotz ausgebautem Angebot finden immer noch zu viele Reisende keinen Sitzplatz. Am schlimmsten ist es während der Morgenspitze zwischen sieben und acht Uhr. So müssen Passagiere zwischen Koblenz und Baden oder von Aarau nach Olten stehen. Eine Situation, die auch den Kanton als Auftraggeber im Regionalverkehr ärgert. «Zu Spitzenzeiten haben nicht alle Reisenden einen Sitzplatz. Vielerorts genügt die Infrastruktur nicht, um die Züge zu verlängern oder zusätzliche Züge anzubieten», sagt Walter Zimmermann, Leiter der Sektion öffentlicher Verkehr des Kantons Aargau. Um die Situation zu entschärfen, mussten die Kantonsschulen Aarau und Wettingen gar den Beginn der ersten Schulstunde verschieben.

SBB-Mediensprecher Roland Binz gibt sich gelassen: «Wo es möglich war, haben wir mit Zusatzkompositionen Abhilfe geschaffen. Jetzt stellen wir keinen systematischen Mangel an Sitzplätzen im Fernverkehr mehr fest.» Doch noch immer müssen Pendler zu Spitzenzeiten auf den Strecken Zürich–Bern, Zürich–Basel und Lausanne–Genf stehen.

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Ärgernis Nr. 2: Geschönte Statistik
Sagenhafte 96 Prozent der Züge fahren jetzt pünktlich. Damit ist die Bahn laut ihrer eigenen Statistik pünktlicher als noch vor dem Fahrplanwechsel. Als pünktlich gelten Züge, solange sie nicht mehr als fünf Minuten Verspätung haben. Gemessen wird an ausgewählten Bahnhöfen. Was die Statistik verschweigt: Die SBB müssen, um den neuen Fahrplan stabil zu halten, häufiger Züge schon vor dem Zielbahnhof wenden oder sie gleich ganz ausfallen lassen: im Schnitt jeden 170. Zug.

Jetzt setzen die Kantone bei den SBB Druck auf. «Wir wollen wissen, auf welchen Linien die kritischen Züge fahren», sagt Walter Niklaus, zuständig für den öffentlichen Verkehr im Kanton Luzern, stellvertretend für die Zentralschweizer Kantone. Sie verlangen eine «linienscharfe» Statistik mit präzisen Daten statt verschwommener Durchschnittswerte. So wollen sie verspätungsanfällige Linien wie die Strecke Luzern–Langnau–Bern erkennen, um reagieren zu können.

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Ärgernis Nr. 3: Geschlossene Toiletten
Seit kurzem finden Passagiere an den WC-Türen immer häufiger einen Aufkleber mit der Aufschrift «unbenützbar». «Das gab es vor dem Fahrplanwechsel nicht in diesem Ausmass», sagt Jürg Tschopp, Spezialist für öffentlichen Verkehr beim Verkehrs-Club der Schweiz (VCS). Wagen seien tagelang mit defekten Toiletten unterwegs. SBB-Sprecher Binz spricht von Einzelfällen und schiebt den schwarzen Peter den Passagieren zu: «Es kommt immer wieder vor, dass Leute Dinge in die Toilette werfen, die zu einer Verstopfung und zur automatischen Schliessung führen.» Einzelfälle? Christof Pfeiffer, Vorstandsmitglied von Pro-Bahn, fand in einem Schnellzug nach Chur erst die sechste Toilette benutzbar vor.

Ärgernis Nr. 4: Zu wenig Personal
Den knappen Personalbestand der SBB bekommen Reisende besonders bei Störungen zu spüren. So verspäteten sich Ende April wegen einer Signalstörung bei der unbesetzten Station Sihlbrugg 125 Züge. Grund: eine defekte Sicherung. «Die SBB würden nicht sehr wirtschaftlich arbeiten, wenn sie bei jedem der 28'400 Signale Personal abstellen würden, das darauf wartet, dass eine Störung auftritt», sagt Mediensprecher Binz. Insgesamt verzeichnet die Bahn pro Monat zwischen 25'000 und 30'000 Verspätungsminuten wegen so genannter «Sicherungsanlagen» wie Stellwerken, Signalen und Barrieren. Pro-Bahn-Präsident Dutler fordert jetzt, dass die Bahn wieder mehr Leute vor Ort anstellt.

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Auch in anderen Bereichen ist das Personal knapp. «Die Angestellten beim Rollmaterialunterhalt sind ziemlich unter Druck», erklärt Peter Lauener, Mediensprecher der Eisenbahnergewerkschaft SEV. Im Schnitt hat jeder Angestellte mehr als 18 Tage Überzeit angehäuft.

Ärgernis Nr. 5: Schlechte Information
Die schlechtesten Noten bekommt die Bahn regelmässig dafür, wie sie bei Störungen informiert. «Dass die Information der Fahrgäste im Störungsfall sehr schlecht funktioniert, wissen inzwischen selbst die SBB», sagt der Aargauer ÖV-Leiter Walter Zimmermann. Tatsächlich wollen die SBB bis Ende Jahr umfangreiche Massnahmen umsetzen: von Lautsprecherdurchsagen über zusätzliche Notfallarbeitsplätze in Zürich bis hin zur speziellen Schulung von 260 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Vorerst allerdings dürften die SBB-Verantwortlichen aufatmen können: Der Sommer steht vor der Tür – und die Hitze macht es einfacher, bei Störungen eine Begründung zu finden.

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