«Herzlich willkommen im SEV!», las die verdutzte Trudi Locher, 86, im Schreiben des Schweizerischen Eisenbahn- und Verkehrspersonal-Verbands (SEV), das zehn Tage nach dem Tod ihres Mannes bei ihr eintraf.

Nach einer Beileidsfloskel ging der SEV rasch zum Geschäftlichen über. Mit dem Tod ihres Mannes sei sie automatisch Mitglied geworden; der persönliche Ausweis liege bei, ebenso eine Broschüre über Tätigkeit und Leistungen der Bähnlergewerkschaft.

Trudi Locher kramte die Statuten des SEV hervor und fand dies zu ihrer Überraschung bestätigt. Sie erfuhr auch, dass der Mitgliederbeitrag - über dessen Höhe sich die Statuten ausschweigen - direkt von der Rente abgezogen werden könne. Doch die Witwe hatte im Gegensatz zu ihrem Mann nie eine Beziehung zum SEV gehabt; mit 86 reizte sie auch die Aussicht nicht, im SEV-Hotel Brencino in Brissago günstige Ferien zu verbringen.

Willkommener Geldsegen

SEV-Sprecher Peter Moor verteidigt das überfallartige Vorgehen der Gewerkschaft: «Viele Frauen haben zusammen mit ihren Männern über Jahrzehnte an den Anlässen der Gewerkschaft teilgenommen - sie schätzen diese Kontakte.» Grund genug für den SEV, pro Jahr rund hundert Witwen und Witwer anzuschreiben. Die Mitgliedschaft koste rund CHF 7.80 pro Monat, genau könne er das nicht beziffern, weil die Sektionsbeiträge unterschiedlich seien.

Immerhin, um eine Zwangsmitgliedschaft handelt es sich nicht; die Kündigung - Anruf genüge - sei innerhalb von 90 Tagen möglich, ergänzt Moor. Davon steht im Brief allerdings nichts. Kein Wunder, denn bei rund hundert Aufnahmeschreiben an Hinterbliebene pro Jahr kann der SEV mit mehreren tausend Franken Mitgliedsbeiträgen rechnen.