Wenn Barack Obama nicht mehr weiterweiss, lässt er sich beraten. Und sogar Wladimir Putin soll manchmal auf die Meinung anderer Leute hören. Politiker, Firmen und Behörden lassen sich von Fachleuten coachen – und auch Herr und Frau Schweizer: Bis zu 250-mal pro Tag klingelt im Beratungs­zentrum des Beobachters das Telefon. Die Beraterinnen und Berater haben so viel zu tun wie noch nie.

Wir suchen in allen Lebenslagen Rat – und holen uns diesen immer häufiger bei Experten. Wie kleide ich mich am besten? Die Stilberaterin weiss es. Wie ver­kaufe ich mich im Geschäftsleben optimal? Der Karrierecoach hilft. Wie erziehe ich mein Kind richtig? Die Erziehungsberaterin kann helfen. Der Umgang mit dem Haustier ruft ebenso nach Beratung wie die ­Suche nach der inneren Ruhe. Wir holen uns Unterstützung fürs Kompostieren oder für mehr Lebenssinn. Inzwischen benötigen wir ­sogar Beratung, um herauszufinden, wo wir uns am besten beraten lassen. Früher waren Grosseltern, Eltern und Freunde die erste Anlaufstelle, heute scheint deren Wissen nicht mehr auszureichen.

Die Gründe dafür sind so vielfältig wie die Beratungsangebote selbst. Soziologieprofessor Rainer Schützeichel von der Universität Bielefeld hat sich mit der «beratenen Gesellschaft» auseinandergesetzt. Er verbindet den Boom von Angeboten mit der heutigen Multioptionsgesellschaft: «Wir müssen uns häufiger entscheiden und haben viel mehr Möglichkeiten als ­unsere Eltern und Grosseltern.»

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Heute ist die Qual der Wahl grösser

Früher wurde der Sohn des Bäckermeisters Bäcker. Heute können Jugendliche unter unzähligen Berufen wählen. Einst blieb man ein Leben lang bei derselben Firma und bei demselben Lebenspartner, heute locken die ganze Welt und die Auswahl. Dabei machen Optionen das ­Leben bekanntlich nicht unbedingt ein­facher. Zu ­jeder Frage, zu jeder Option gibt es Berge von Informationen. Die Folge: Das eigene Wissen und das des privaten Umfelds erblassen ob der Komplexität.

Soziologe Schützeichel sieht ­einen ­weiteren Aspekt: «Heute herrscht das Bild vor, jeder sei für sich selbst verantwortlich. Ob wir erfolgreich sind oder nicht, hängt stark von unseren Entscheiden ab. Das ­erzeugt Druck und verunsichert neben der steigenden Komplexität und den vielen Optionen zusätzlich.» Da liegt es schon fast auf der Hand, dass sich der Mensch Hilfe beim Experten holt.

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Das hat er allerdings schon immer getan – nur in anderer Form als heute. Bereits im 15. Jahrhundert kamen die ersten Ratgeberbücher in Umlauf. Ab etwa 1660 boomte im deutschsprachigen Raum die sogenannte Hausväterliteratur, die sich an gebildete Landgutbesitzer richtete. Die ­damaligen Autoren – meist protestantische Pfarrer – wussten, was für ihre Leser richtig war und was nicht. In den Schriften ging es um konkrete Anweisungen, wie mit Vieh und Land umzugehen sei. Auch Regeln für Ehe und Kindererziehung fanden so den Weg in die Familien. Als Zusatz gab es in den schmalen Bänden Kochrezepte.

Später verbreiteten sich die moralischen Vorstellungen und konkreten Anweisungen, wie Frau und Mann sich in ­allerlei Situationen zu verhalten hatten, über Kalender und Wochenschriften. Aufklärerischen Rat entnahmen die Leser auch dem 1788 erschienenen Werk «Über den Umgang mit Menschen» – heute als Knigge bekannt –, das Anleitungen gab für den richtigen Umgang in der Familie, im Beruf und mit Persönlichkeiten.

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«Wir sollen an uns arbeiten»

Im 20. Jahrhundert wird die Beratung persönlicher und individueller. Ab den siebziger Jahren gehören besonders in den USA Psychotherapien zum guten Ton. Dann erobern die sogenannten Coaches die zusehends Orientierung suchende Gesellschaft. «Das war insofern etwas Neues, als es im Vergleich zur Psychotherapie günstiger und schneller war», sagt der Basler Historiker Peter-Paul Bänziger, der den Wandel der Sexualität untersucht hat. «Im 20. Jahrhundert wurde der Mensch zunehmend aufgefordert, über Sex in der Form von mehr oder weniger schnell lösbaren ‹Pro­blemen› zu kommunizieren. Zuvor stand das Thema weniger und vor allem nicht in dieser Weise im Fokus.» Laut Bänziger ­lernen wir inzwischen gerade bei Sexualfragen schon früh, «dass wir ‹an uns arbeiten› sollen».

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Während früher die Ratschläge meist nur ­eine Option offenliessen, muss man heute seinen Weg selbst finden – die Beratung gibt oft Hilfe zur Selbsthilfe. Bänziger: «Früher hiess es: In ­einen Garten gehören diese und jene Blumen, und er muss nach Schema X um­gegraben werden. Heute muss der Garteninteressierte vor allem eruieren, welcher Gartentyp er ist.»

Das vergessen viele beim Gang zur ­Beratung: Der Rat führt nicht immer dazu, dass sich die Frage beantworten lässt oder sich die Lebenssituation verbessert. Man ist heute auch für den Erfolg der Beratung selbst verantwortlich, stellt Soziologe Rainer Schützeichel fest. «Experten zeigen Hintergründe und Optionen auf, empfehlen vielleicht eine Variante. Aber die Entscheidung, wie gehandelt wird, liegt allein beim Ratsuchenden.» Wenn es dann nicht klappt, kann man den Berater meist nicht belangen. Um unprofessionelle Angebote zu verhindern, entstehen Berufsverbände für die zahlreichen Beratungsbereiche, die versuchen, Qualitätsstandards aufzustellen und zu kontrollieren.

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Das Internet hat dem Boom der persönlichen Beratung bislang nichts anhaben können – obwohl dort Antworten auf fast alles zu finden sind. Aber oft stehen online nur Tipps von Unbekannten bereit. Oder Antworten auf Standardfragen, wie sie auch Zeitschriften und TV-Shows bieten. «Ratschläge aus dem Internet oder aus dem Fernsehen nehmen wir einfach zur Kenntnis. Beim individuellen Anliegen soll und kann nur der persönliche Berater weiterhelfen», so Schützeichel.

Das zeigt sich auch im Beobachter-Beratungszentrum. Die Ratsuchenden haben, wenn sie anrufen, oft bereits viel Wissen gesammelt und fragen sehr spezifisch.

Für den persönlichen Coach spricht laut Schützeichel auch die Vertrauens­basis: «Wenn wir uns auf eine Beratung eingelassen haben, überprüfen wir kon­stant, ob das Vertrauen noch berechtigt ist und wir uns gut beraten fühlen.»

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Beratung hilft uns, Zeit zu gewinnen

Doch welche Auswirkungen hat der Beratungsboom auf die Gesellschaft? Der Soziologe sieht in Beratungen und Coachings einen neuen Kanal, über den Wissen vermittelt wird. «In vielen Fällen bringt das dem Einzelnen etwas.» Er hält dieser Form der Auseinandersetzung mit einem Problem auch zugute, dass sie vermutlich entschleunigend wirke. «Wenn man nicht sofort entscheiden will, eignen sich Coachings gut, um etwas mit gutem Grund auf­zuschieben.» Allerdings sieht er auch Gefahren: «Wer ständig Rat von Experten holt, verliert möglicherweise irgendwann das Vertrauen ins eigene Wissen.» Aus­serdem öffneten sich Leute in Beratungen und ­gäben Kontrolle ab.

Zu stören scheint das wenige, der Boom ist ungebremst. Rainer Schützeichel prophezeit, dass es künftig schwieriger wird, sich Beratungen zu entziehen. «Wenn man auf das Angebot verzichtet und danach ­etwas nicht rundläuft, wird man zu hören kriegen: ‹Selber schuld!›»

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