Die Schweiz hat seit November ein neues Radio: DRS 4 News, einen reinen Nachrichtensender, der nicht über UKW empfangen werden kann, dafür rund um die Uhr über digitale Empfänger, Internet, Kabel oder Satellit. «Digital Audio Broadcasting» (DAB) heisst die neue Technologie. Noch kennen und hören erst wenige die DAB-Sender. Das Ziel der Radiodirektion ist ein Marktanteil von 0,5 Prozent. Zum Vergleich: DRS2 kommt auf rund fünf, DRS1 auf 40 Prozent.

DRS4 startet ambitiös: Anstatt primär Wiederholungen von bestehenden DRS-Sendungen auszustrahlen, wie es das Fernsehen mit SF info macht, gestaltet man mehrheitlich ein eigenes Programm. Zulieferer von Beiträgen sind Journalisten aus den DRS-Fachredaktionen, etwa Inland- und Wirtschaftsjournalisten. Und die machen sich grosse Sorgen: Wegen der «gefrässigen News-Maschine» DRS4 würden alle anderen Nachrichtensendungen, auch «Info3» und «Echo der Zeit», rasant an Qualität verlieren. Für die Hörer bedeute dies, dass sie von Radio DRS schlechter als bisher informiert würden.

Keine Zeit für intensive Recherchen

Im September erläuterten DRS-Mitarbeiter die Gründe für ihre düstere Prognose in einem gemeinsamen Brief an Chefredaktor Rudolf Matter. Darin steht, dass neu über die Hälfte ihrer Pensen zur Verarbeitung von Agenturmaterial, für Koordinationsaufgaben und zur Abbildung von Tagesaktualität besetzt sei. Um intensiver zu recherchieren und sich im jeweiligen Fachgebiet auf dem Laufenden zu halten, bleibe indes nicht mehr genug Zeit. Die Belegschaft fürchtet um die Glaubwürdigkeit von Radio DRS: «Sie ist unser Kapital und legitimiert die Finanzierung durch Gebühren. Sie kann nur gesichert werden, wenn wir weiterhin qualitativ hochstehende journalistische Arbeit leisten können.»

Chefredaktor Rudolf Matter antwortete seinem Team in einer E-Mail: «Ich halte diese Befürchtungen im Zusammenhang mit DRS 4 News nicht für begründet.» Die Fachredaktionen hätten zusätzliche Unterstützung gekriegt. Die reiche aber nicht aus, sagt ein Mitarbeiter: «Bereits jetzt beansprucht DRS4 weit mehr Kapazitäten von den Fachredaktionen als geplant. Und die Journalisten sind gezwungen, für den neuen Sender Schnellschüsse zu produzieren - bei DRS4 ist die journalistische Qualität bereits jetzt teils weit unter DRS-Niveau. Noch gravierender ist, dass wegen DRS4 auch die Beiträge für ‹Echo der Zeit› und andere Sendungen nicht mehr in der gleichen Qualität gemacht werden können.»

Der Chefredaktor wehrt sich

So schlechte Stimmung habe er im Hause Schweizer Radio noch nie erlebt, sagt ein langjähriger Mitarbeiter. Verantwortlich für die Misere ist für die Kritiker Chefredaktor Rudolf Matter. Die Vorwürfe sind hart: «Er nimmt in Kauf, dass die besten Leute gehen. Sendungen wie ‹Echo der Zeit› und die dortigen fundierten Hintergrundbeiträge interessieren ihn nicht. Ihm genügt der oberflächliche Häppchenjournalismus.» Gegenüber dem Beobachter sagt Matter: «‹Echo der Zeit› und ‹Rendez-vous› werden so weitergeführt wie bisher. Es hat keine Veränderungen gegeben, und es wird keine geben.»

In der Bundeshaus-Redaktion haben trotzdem drei von sechs Journalisten gekündigt. Einer davon ist Rolf Camenzind. Er sagt: «Die Befürchtungen, dass die Qualität leidet, halte ich für plausibel.» Das Markenzeichen von Radio DRS sei immer die Relevanz der Beiträge gewesen, aber «jetzt geht man dazu über, auf den Sender zu stellen, was man gerade hat». Dass er jetzt nach vielen Jahren den Sender verlasse, sagt Camenzind, sei nicht wegen DRS4, aber «die Schwelle, diesen Schritt zu tun, lag dadurch tiefer».

Anzeige