Wenns ums Fliegen geht, ist Verena Kipfer in ihrem Element. Die Aufzählung der Reisen, die die 51-jährige Schwerstbehinderte unternommen hat, ist beeindruckend. Trotz spinaler Muskelatrophie, einer fortschreitenden Krankheit, die zu Muskelschwächen führt und die gleichen Auswirkungen wie eine Lähmung hat, bereiste die aufgeschlossene Frau schon die ganze Welt.

Sie lebte über ein Jahr in Brasilien, war in Syrien, Bahrain, Peru, Israel, fast überall in Europa. Allein auf den Philippinen war sie schon dreimal. Obwohl sie auf einen Elektrorollstuhl angewiesen sei, erklärt sie, sei Fliegen für sie ein Klacks: «Man braucht ein Arztzeugnis und muss die Grösse des Rollstuhls angeben.»

«Mit dem Service, den wir Ihnen bieten, werden Sie sich in der KLM-Economy-Class direkt wie zu Hause fühlen»: Die niederländische Fluggesellschaft weiss laut eigenem Prospekt, was Passagiere wünschen. Mit entsprechend freudiger Erwartung buchte Verena Kipfer ihre Reise nach Manila bei KLM.

Die ausgebildete Sozialtherapeutin ist seit Geburt erkrankt, kam mit 16 in den Rollstuhl. Seit sie 20 ist, kann sie nicht mehr stehen. Die Flugreisen hat sie aber immer gut bewältigt. Nur einmal gab es Schwierigkeiten, weil ein Pilot sich weigerte, ihren Rollstuhl wegen der Nasszellenbatterien zu transportieren. «Seither habe ich Trockenbatterien», erzählt sie. Fortan hatte sie nie mehr Probleme gehabt – bis zum KLM-Flug im vergangenen Oktober.

KLM ändert plötzlich die Meinung
Die Schweizer Paraplegiker-Stiftung half bei der Finanzierung der Reise. Der Hinflug, mit Air Alps von Bern nach Amsterdam, dann mit KLM über Kuala Lumpur nach Manila, klappte tadellos. Von Kuala Lumpur nach Manila durfte sie sogar Business-Class fliegen und war begeistert. 

Aber dann, nach zwei schönen Wochen in Manila, bahnt sich das Unheil an. Beim Check-in soll sie ein Formular unterschreiben, das sie zuvor noch nie gesehen hat: eine Bestätigung, dass sie während des Fluges nicht auf Hilfe angewiesen sei. Die behinderte Frau braucht aber eine kleine Hilfeleistung: Sie hat einen Katheter und füllt den Urin vom Beutel in PET-Flaschen ab. Bei einem langen Flug muss jemand die diskret in Plastiktüten verpackten Flaschen auf der Toilette leeren. «Auf anderen Flügen haben die Flight-Attendants das gemacht», erklärt Kipfer. Sie ist ehrlich und unterschreibt das Formular nicht.

Trotzdem wird Verena Kipfer in die Maschine gebracht, bekommt sogar einen besonders guten Platz. Dann, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, taucht ein Mann vom Bodenpersonal auf und teilt ihr mit, dass KLM sich weigere, sie zu transportieren: aus Sicherheitsgründen, weil sie nicht gehen oder stehen könne, und aus hygienischen Gründen wegen der Urinflasche. Vor den Augen der übrigen Passagiere setzt er die entsetzte und hilflose Frau auf einen Karren und bringt sie aus dem Flugzeug. «Loaded off», ausgeladen, wird nüchtern auf dem Ticket vermerkt.

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Das Geld behält die Fluggesellschaft
Verena Kipfer ist verzweifelt, muss weinen, weiss nicht, wie weiter. Lange wartet sie im Flughafengebäude im Ungewissen. Endlich bringt KLM die Frau per Taxi ins Hotel und bezahlt für die erste Nacht. Erst nach mehreren Telefonanrufen in die Schweiz kann die erschöpfte Frau um zwei Uhr morgens einschlafen.

Es braucht drei bange Tage, zwei Spitalbesuche, viele Faxe und vor allem die Hilfe des Schweizer Konsuls, Hans-Peter Wyss, bis Verena Kipfer mit einer Begleitperson endlich mit Pacific Airways und Swiss zurück in die Schweiz fliegen kann. «Das Ganze war für mich ein Alptraum und – wie ich erst jetzt merke – ein Trauma», schildert die von der entwürdigenden Erfahrung noch immer Gezeichnete ihre Verunsicherung ob der Willkür, der sie sich ausgeliefert fühlte.

Die Auskunft des Rechtsdienstes für Behinderte bringt keinen Trost: Eine Fluggesellschaft ist nicht verpflichtet, Personen, die auf Hilfe angewiesen sind, zu transportieren. Letztlich entscheidet der Flugkapitän. 1446 Franken hatte Kipfer für den KLM-Flug bezahlt. Die Airline weigert sich, das Ticket oder die Folgekosten zu erstatten. Dem Bordpersonal sei es verboten, beim Entleeren der Urinflasche zu helfen, teilt KLM mit. Punktum. Erst als sich das Reisebüro für Kipfer einsetzt, zahlt KLM wenigstens 430 Franken zurück.

Auch Verena Kipfers Arzt Dieter Michel ist über das Vorgehen von KLM irritiert. Der Chefarzt am Salem-Spital in Bern weiss, dass die Fluggesellschaften auf Behinderte und deren Probleme unterschiedlich reagieren: «Von Kulanz bis Nulltoleranz», stellt er fest. Er ist der Ansicht, dass das Ausschütten einer Urinflasche kein Fachpersonal erfordert und durch Flight-Attendants möglich ist. «Ich erachte es als Dienst am Mitmenschen mit einer Behinderung, der zudem diskret ausgeführt werden kann», sagt der Arzt.

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Verena Kipfer gibt nicht auf
Trotz ihrer bitteren Erfahrung hat Verena Kipfer weitere Reisepläne. Sie möchte im Herbst nach Brasilien. Die tapfere Frau macht sich nichts vor. «Ich weiss nicht, wie lange ich noch die Kraft haben werde», sagt sie. Und sie hofft, dass ihre nächste Fluggesellschaft jene Behauptung, mit der auch KLM wirbt, wahr werden lässt: Passagiere mit eingeschränkter Mobilität sind an Bord herzlich willkommen.