Schweizerinnen und Schweizer lieben die Erinnerung an schöne Tage: Jährlich werden über 15 Millionen Filme verknipst und 430 Millionen Bilder entwickelt. Mit gut 60 Fotos pro Einwohner und Jahr liegt die Schweiz hinter den USA und Japan weltweit an der Spitze.

Gegen Ende der Sommerferien herrscht wieder Hochbetrieb in den Fotolabors. Rund 40 Prozent der Filme werden hierzulande über den Versandhandel entwickelt. An zweiter Stelle folgen eine Hand voll Grosslabors und dann erst, mit einem Marktanteil von knapp einem Viertel, die klassischen Fachhändler.

Doch unterscheiden sich die diversen Dienstleister qualitativ überhaupt? Um dies herauszufinden, testete der Beobachter in den Agglomerationen Bern und Zürich 14 Fotolabors – darunter drei Migros-Filialen, drei Läden der Schnellentwicklungskette Minit und acht Fachhändler. Alle erhielten dieselben drei Negative mit typischen Ferienmotiven: 20 Abzüge im gängigen Format 10 mal 15 Zentimeter auf Glanzpapier, lautete der Auftrag.

Fotoprofis stehen vor einem Rätsel
Punkto Preis und Service unterschieden sich die Händler wenig voneinander. Den Experten fiel jedoch auf, dass einige Abzüge Flecken aufwiesen. Die Vermutung lag nahe, dass es sich dabei um fehlerhafte Massenware aus Grosslabors handelte. Doch auch die von Fachhändlern gelieferten Abzüge waren betroffen. Rückfragen bei den Händlern führten auf die richtige Spur: Alle beanstandeten Bilder waren mit einem bestimmten Typ der verbreiteten Agfa-Minilabs belichtet worden.

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Ein Minilab ist ein weitgehend automatisiertes Labor im Kleinformat – gedacht für den schnellen Einsatz bei Fachhändlern. Agfa gehört auf diesem Gebiet weltweit zu den grössten drei Anbietern.

Hinter vorgehaltener Hand verwiesen die Händler auf einen Kollegen: Fritz Kunz (Bild), Inhaber eines Fotofachgeschäfts in Bern. Für rund 250'000 Franken hatte er sich vor zwei Jahren ein MSC100-Gerät von Agfa angeschafft. Doch was die Maschine ausspuckte, schmerzte das Auge des Fachmanns: Flecken tauchten auf den entwickelten Bildern auf – kreis- oder bananenförmig, manchmal von blossem Auge sichtbar, manchmal bloss unter Kunstlicht. Nächtelang pröbelte der Perfektionist an seiner Anlage. Ohne Erfolg.

Die von Agfa vorgegebenen elektronischen Testreihen zeigten normale Werte an, doch die seltsamen Effekte verschwanden nicht. Die ersten Kunden reklamierten, doch auch die Techniker von Agfa konnten das Problem nicht lösen. Schliesslich stellte Kunz ein Ultimatum: Entweder die Maschine funktioniere einwandfrei, oder er steige aus. Ende 1999 liess Agfa die Maschine abholen. Seither streiten die Parteien um Schadenersatzzahlungen.

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Dass Fritz Kunz nicht einfach eine «Montagsmaschine» bekommen hatte, ist klar – ansonsten hätten die Agfa-Techniker den Apparat einfach repariert oder ersetzt, statt monatelang daran herumzutüfteln. Und dann hätte der Beobachter-Test auch nicht ähnliche Resultate bei anderen Händlern zutage gefördert.

Agfa will von Problemen jedoch nichts wissen. «Das Phänomen spielt einzig für Profifotografen oder allenfalls sehr gute Amateure eine Rolle», sagt Rainer Leifermann, Direktor bei Agfa Schweiz. «Für die allermeisten Leute sind die angeblichen Flecken gar nicht sichtbar.» Auch die Lebensdauer der Bilder sei davon nicht tangiert. Von einem Mangel könne also keine Rede sein.

Hinter den Kulissen aber nimmt Agfa das Problem ernst. In einem Schreiben an die Münchner Zentrale listet der zuständige Agfa-Techniker auf, was er alles ausprobiert hatte: «Rollen der Abquetscheinheit vor Trocknerraum gewechselt, Rollen am Trocknerrack ausgewechselt, ganze Abquetschvorrichtung gewechselt, ganzes Trocknerrack gewechselt, Strabirack Nr. 4 gewechselt, Trocknerracktemperatur auf 70° erhöht» – genützt hat alles nichts. «Nach dem Entwickeln sehen die Bilder einwandfrei aus. Nach ein paar Tagen jedoch entstehen die typischen bananen- oder kreisförmigen Flecken.»

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Werner Meyer, Agfa-Kadermann und bis vor einem Jahr zuständig für den Belichter, spricht von schwieriger Wartung der Abquetschwalzen, unterschiedlicher Wasserqualität und von heikler Einstellung der richtigen Trocknertemperatur. Doch die wirkliche Ursache des Problems kennt auch er nicht. Sichtbar sei der Effekt jedenfalls nur unter UV-Licht oder auf grossen schwarzen Bildflächen.

Agfa anerkennt Mängel nicht
Für Urs Tillmanns, Herausgeber des Fachmagazins «Foto-intern», ist diese Erklärung ungenügend. «Es kommt eindeutig zu einer mechanischen Verletzung im Geräteinnern», analysiert er die Fleckenbildung. «Meiner Meinung nach kann eine falsche Handhabung durch den Anwender ausgeschlossen werden.»

Diesen Befund stützt auch die Eidgenössische Materialprüfungsanstalt. Zwar konnte auch der dort zuständige Physiker nicht angeben, wie die Flecken entstehen. Fest steht aber, dass eine «nachträgliche Manipulation» an den Bildern «ausgeschlossen» sei.

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Fachhändler Kunz sei der Einzige, der reklamiert habe, sagt jedoch der Agfa-Anwalt. Und Agfa-Direktor Rainer Leifermann ergänzt, es habe «keine anderen ernsthaften Rückmeldungen» gegeben.

Die Händler sind da anderer Meinung. So hatte etwa der Berner Fotofachhändler Jürg Meier mehrfach mit den Agfa-Technikern telefoniert. Diese hatten an seinem Gerät verschiedene Experimente durchgeführt, die Rollen ausgewechselt, doch der Streifeneffekt konnte nicht beseitigt werden. Meier: «Das Problem ist offensichtlich nicht lösbar.» Trotzdem will Meier nicht rechtlich gegen Agfa vorgehen. «Ich habe nur vereinzelt Reklamationen erhalten. Offenbar merken es die meisten Kunden nicht.»

Ein anderes Fachgeschäft im Berner Seeland rät der Kundschaft einfach, halbmatte Bilder statt Glanzabzüge herstellen zu lassen. Der Streifeneffekt tritt nur bei Glanzbildern auf.

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Experten schätzen, dass weltweit rund 18'000 Maschinen der betroffenen Typen im Einsatz stehen, davon rund 70 in der Schweiz. Und Agfa verkauft das Gerät weiter. Direktor Rainer Leifermann: «Weil wir keinen Mangel sehen, haben wir auch keinen Grund, die bisherigen Käufer zu informieren oder den Verkauf zu stoppen.»