Die Probleme sind hausgemacht – die grössten zumindest. Denn die Strategie der SRG-Führung bestand seit Jahrzehnten vor allem darin, das Monopol auf sprachregionaler Ebene abzusichern. Man verhinderte mit allen politischen Mitteln, dass sich weder im Fernsehen noch im Radio eine private Konkurrenz auf Augenhöhe etablieren konnte. Und so ist die Schweiz wohl das einzige Land weltweit, das auch heute noch ein nationales Radio- und Fernsehmonopol hat. Dass sich dies mit dem Grundgedanken der Demokratie nicht verträgt, ist das eine. Aber es führt auch dazu, dass die SRG alle Bedürfnisse gleichzeitig abdecken muss – und dies ist für sie alles andere als banal.

In Deutschland etwa wurde gezielt ein duales System geschaffen, in dem neben den öffentlich-rechtlichen Sendern auch private Stationen funktionieren können. Das Ziel, dass dadurch unterschiedliche Programmfarben entstehen, wurde weitgehend erreicht. Während ARD und ZDF ein Schwergewicht auf Information und Fiktion setzen und in diesen Bereichen absolut führend sind, konzentrieren sich die Privatsender vor allem auf Unterhaltung und tummeln sich dort teils in seichtesten Gewässern.

Zum Zwitter verdammt

In der Schweiz soll die SRG alle Bereiche gleichzeitig abdecken, weil ja niemand anders da ist. Natürlich geht dies nicht gut. Nach aussen verkündet man ständig den Service public und die «Idée Suisse», um so das System mit den höchsten europäischen Gebühren zu rechtfertigen. Die Realität sieht anders aus. Die SRG ist heute ein Hybrid, ein Zwitter von privatem und öffentlichem Fernsehen und Radio. Sie präsentiert Sendungen, die im Ausland allein und ausschliesslich auf Privatsendern laufen. Dazu gehören nicht nur das hirnlose «Deal or No Deal», sondern alle amerikanischen Serien und die meisten Spielfilme, die neben dem aktuellen Sport allein das Programmangebot von SF2 ausmachen.

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Dies ist unter den heutigen Strukturen nicht einmal zu kritisieren. Es ist der Preis für das inländische Monopol. In einer idealen Welt mit einer einheimischen Konkurrenz könnte sich die SRG auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren. Im Leistungsauftrag wären dann vor allem Informations-, Kultur- und Sportsendungen aufgeführt. Die schale Unterhaltung und das blosse Abnudeln ausländischer Serien und Filme würde man einem möglichst gut aufgestellten nationalen Privatsender überlassen, mit dem man sich zumindest ansatzweise im Informationsbereich messen könnte, um so ein Mehr an Meinungsvielfalt zu erreichen.

Es wäre grossartig, wenn die neue, künftige Führung der SRG diesen Weg gehen würde. Das wäre gut für die Schweiz und gut für die SRG. Ein inländischer Wettbewerb würde die SRG aufrütteln und sie auf ihre Grundaufgaben zurückführen. Aus dem Hybrid könnte ein wahrer Service public entstehen. Doch zurzeit ist genau das Gegenteil im Gang. Das Projekt Konvergenz soll die SRG noch stärker zentralisieren. Die Monopolisierung wird auf die Spitze getrieben mit allen negativen Nebenwirkungen. Die Konvergenz kann zu einer gewaltigen Hypothek werden, die Armin Walpen seinem gewählten Nachfolger Roger de Weck im letzten Jahr seiner überlangen Amtszeit aufs Auge drückt.

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Stark auch ohne Monopol

Die Idee, dass die SRG Hand zu einer echten Konkurrenz bieten würde, wirkt weltfremd. Aber der Stabwechsel an der Spitze erscheint als die letzte Chance, dieses Ziel zu erreichen. Und Roger de Weck ist der richtige Mann, um neue Strategien zu verfolgen. Natürlich müsste die Politik mitspielen, die lange voll auf Monopollinie getrimmt worden ist. Eine nüchterne Analyse würde ergeben, dass das Totschlag-Argument des sprachlichen Minderheitenschutzes eben zu kurz greift. Die SRG bliebe auch ohne totales Inlandmonopol in ihrer Substanz ungefährdet. Dazu ist sie zu stark verankert.

Und zudem kann man die SRG locker noch um einiges effizienter machen. Als ehemaliger Chef von Sat.1 weiss ich, wovon ich rede. Ich habe selbst erlebt, wo man ansetzen muss. Wenn man aus den Schützengräben herauskriecht, ergeben sich immer überraschende Perspektiven. Die SRG hat jetzt eine grossartige Chance, mit den verlorenen Jahren der Walpen-Ära zu brechen und alles auf den Prüfstand zu stellen. Alles. Ich bin überzeugt, dass man auf Dinge stossen wird, an die bisher niemand gedacht hat und die diese wichtige Institution weiterbringen werden. Und wir Billag-Kunden, für die das ja alles produziert wird, bekämen mehr für unser gutes Geld.

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Roger Schawinski ist Chef des Zürcher Privatradios Radio 1.

Foto: Andre Albrecht/Ex-Press

Quelle: Thilo Rothacker