Dieses Gefühl frühmorgens auf der Autobahn stadtauswärts. All die Autofahrer, die einem auf dem Weg zur Arbeit entgegenkommen. Und selber hat man das gute Gefühl: «Ich habe jetzt Feierabend.» Daniel Boglic geniesst dieses Gefühl bis zu zehnmal pro Monat. Als Schichtleiter im Callcenter der Payserv AG betreut er nachts Kundinnen und Kunden, die Probleme mit ihrer Kreditkarte haben. Von 23 Uhr bis 6 Uhr morgens sitzt er, den Kopfhörer mit Mikrofon aufgesetzt, vor dem Bildschirm – freiwillig: «Wenn ich in der Nacht arbeite, dann fühle ich mich irgendwie aussergewöhnlich», sagt er. «Um meine erste Nachtschicht habe ich regelrecht gebettelt.»

Mehr als eine halbe Million Erwerbstätige machen gemäss der schweizerischen Arbeitskräfteerhebung regelmässig oder zeitweise die Nacht zum Arbeitstag. Die Nachtarbeiterinnen und Nachtarbeiter in Fabriken und Spitälern, die Lokführer, Nachtportiers und Polizeibeamten haben Verstärkung erhalten. Immer häufiger brennen die Lichter auch in den Büros von Dienstleistungsfirmen rund um die Uhr. Bereits entfallen 80 Prozent der Nacht- und 70 Prozent der Sonntagsarbeit auf den Dienstleistungssektor, Tendenz steigend. Die traditionellen Büro- und Geschäftszeiten haben ausgedient, die Schweiz entwickelt sich zur Nonstop-Gesellschaft.

«Es herrscht immer mehr die Erwartung, dass man überall und jederzeit alles erhalten kann», sagt Karin Frick, Leiterin der Research-Abteilung beim Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) in Rüschlikon ZH. «Das bedingt aber, dass die Menschen besser verfügbar sind.» Für Frick ist deshalb klar: «Die Flexibilisierung ist einer der wichtigsten Megatrends unserer Zeit.» Feste Strukturen lösten sich auf, hat die Trendforscherin festgestellt: «Die Tagesabläufe werden immer individueller. Man passt sich der Umgebung an, die von einem zeitliche Flexibilität verlangt.» So sei es heute in zahlreichen Berufen selbstverständlich, dass auch nach der traditionellen Feierabendzeit um 17 Uhr per E-Mail gestellte Anfragen beantwortet würden.

Anzeige

Besonders gefragt für Nachteinsätze sind Informatiker. Neben den Berufen im Gesundheits- und im Transportwesen stellen sie mittlerweile die drittgrösste Gruppe von Nachtarbeitern, noch vor den Angestellten im Gastgewerbe. Wenig erstaunlich: Mit der immer stärkeren Vernetzung der Gesellschaft – in Schweizer Büros und Haushaltungen existierten Ende 2000 rund 4,7 Millionen Computer mit 1,3 Millionen Internetanschlüssen, 4,1 Millionen Telefonanschlüsse und 4,6 Millionen Mobiltelefone – erwarten die Konsumentinnen und Konsumenten auch, dass diese Geräte einwandfrei funktionieren. Wie schnell es ins Geld gehen kann, wenn die Computersysteme aussteigen, zeigte die Panne im Mobiltelefonnetz der Swisscom Ende Juli 2001: Für Wiedergutmachungen an erboste Kunden und ausgebliebenen Umsatz bilanzierte das Unternehmen 30 Millionen Franken – die Rechner waren dabei nur zehn Stunden ausser Betrieb.

Anzeige

Viele wollen nachts einkaufen
Weil für die Installation von neuer Soft- und Hardware oder Reparaturen die Computersysteme aber oft ganz oder teilweise abgeschaltet werden müssen, kann dies nicht am Tag geschehen – die Verluste wären zu hoch. Für die Techniker und Programmierer ist daher Arbeit zu geschäftsarmen Zeiten angesagt, und diese liegen in der Nacht.

Wer arbeitet, wenn andere schlafen, muss auch zu ungewöhnlichen Zeiten seine Bedürfnisse befriedigen können – dementsprechend wächst der Druck, auch in anderen Branchen die Präsenzzeiten zu flexibilisieren. Die GDI-Trendforscherin Karin Frick stellt fest: «Wer ausserhalb der normalen Bürozeiten arbeiten muss, erwartet, dass er auch länger einkaufen oder andere Dienstleistungen in Anspruch nehmen kann.» Callcenter-Schichtleiter Daniel Boglic kennt die Situation: «Wenn ich während der Arbeit Hunger habe, bestelle ich eine Pizza», sagt er. «Am Wochenende liefert der Kurier bis vier Uhr morgens.»

Anzeige

Und kaum liegen die letzten Pizzakuriere im Bett, klingelt der Wecker schon bei vielen Angestellten von Reinigungsfirmen. Längere Öffnungszeiten bei den Grossverteilern zwingen die Putzequipen immer häufiger zu Einsätzen im Morgengrauen: «Viele unserer 4000 Angestellten putzen nur als Nebenerwerb», sagt Urs Küffer, General Manager der ISS Facility Services AG. «Würden sie noch nach Ladenschluss putzen, so könnten sie die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit von elf aufeinander folgenden Stunden nicht einhalten.» Denn in der Regel müssen sie am nächsten Morgen wieder in ihrem Hauptjob antreten.

Doch immer öfter gibt es nicht einmal mehr einen Ladenschluss. Dank liberalisierten Gesetzen bieten immer mehr Tankstellen in ihren Verkaufsläden neben Öl und Scheibenwischerblättern auch Brot, Teigwaren und Bier an – rund um die Uhr. Die beiden ersten 24-Stunden-Läden ohne Tankstelle sind in Davos und St. Moritz in Betrieb, eine Filiale in Zürich ist geplant. Für Mitbesitzer Thomas Hofer ist klar: «Das Bedürfnis nach solchen Läden ist eindeutig vorhanden.»

Anzeige

Einen 24-Stunden-Service bieten auch die Winterthur-Versicherungen ihren Kundinnen und Kunden an. Noch ist allerdings die Nachfrage gering: Laut Firmensprecher Ruedi Steiner sind in der Nacht lediglich zwei Personen mit der Erledigung von Schadensfällen am Telefon beschäftigt. Tagsüber stehen 7000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Einsatz.

«Erreichbar 24 Stunden», wirbt auch der Winterthurer Anwalt Hans-Jacob Heitz via Internet für seine Dienstleistung. «Der Bürger hat heute auch ausserhalb der einst traditionellen Bürozeiten manchmal rechtlichen Rat nötig», sagt Heitz, der seine Dienstleistung als eine Art «Brandwache» für Menschen in rechtlicher Not versteht.

Gewerkschaften sind kritisch
Ob IT-Spezialistin oder Gebäudereiniger: Flexibilität ist gefragt, eine Entwicklung, die die Gewerkschaften mit kritischem Blick verfolgen. «Die Bedürfnisse der Beschäftigten werden wenig bis gar nicht berücksichtigt», sagt Mauro Moretto, Zentralsekretär der Gewerkschaft Unia. «Es zählen nur noch die angeblichen Bedürfnisse der Konsumentinnen und Konsumenten.» Und diese Bedürfnisse würden, so Moretto, «sehr einseitig dargestellt und masslos überschätzt».

Anzeige

«Mit 24-Stunden-Läden und ähnlichen Einrichtungen werden nicht Bedürfnisse befriedigt, sondern neue geschaffen», kritisiert auch Regula Rytz vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund. Und dazu böten die Behörden bei Bund und Kantonen bereitwillig Hand: «Nachtarbeit wird oft ohne Rückfragen bewilligt.» Die Klausel im Arbeitsgesetz, wonach Nachtarbeit nur gestattet wird, wenn ein «dringendes oder besonderes Bedürfnis» vorliegt, werde zu freizügig ausgelegt.

Die Gesundheit leidet
«Nachtarbeit ist manchmal auch ein Bedürfnis der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, weil die Verdienstmöglichkeiten besser sind», kontert Boris Zürcher. Der Leiter des Bereichs Arbeitsmarktpolitik im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) vertraut auf den Markt und befürwortet daher «eine Politik, die den Unternehmen bei der Festlegung von Arbeitszeiten und -bedingungen im Rahmen des Arbeitsgesetzes möglichst viel Freiheit lässt». Dass die Schweiz in Europa eine der tiefsten Arbeitslosenraten aufweist, sei unter anderem dem relativ liberalen Arbeitsgesetz zu verdanken, ist er überzeugt.

Anzeige

Über solche Argumente kann Carlo Knoepfel, Leiter des Bereichs Grundlagen bei der Caritas, nur den Kopf schütteln. «Das ist eine rein ökonomistische Argumentation, die den arbeitenden Menschen völlig ausser Acht lässt», sagt er. Aus volkswirtschaftlicher Sicht sei die um sich greifende Nachtarbeit wohl rentabel, aber: «Die Auswirkungen auf das Familienleben, den Freundeskreis und die gesellschaftlichen Aktivitäten werden ausgeblendet.» Knoepfel plädiert dafür, die «externen Kosten» – etwa die Gefahr, dass Ehen wegen unregelmässiger Arbeitszeiten in die Brüche gehen – in die Rechnung einzubeziehen: «Das ergäbe ein anderes Bild.»

Im Visier haben die Gewerkschaften auch die Löhne der neuen Nachtarbeiterinnen und Nachtarbeiter. Dort öffnet sich nach Ansicht von Fred Henneberger von der Universität St. Gallen die Schere weit. Auf der einen Seite sieht der Arbeitsrechtsspezialist die hoch qualifizierten Angestellten aus der Computerbranche, die oft freiwillig Nachtschichten einlegen. Sie sind in den meisten Fällen gut bis fürstlich entlöhnt – nicht wegen ihres Einsatzes zu nachtschlafender Zeit, sondern weil sie nach wie vor gefragte Spezialistinnen und Spezialisten sind.

Anzeige

Ihnen stehen die Beschäftigten aus Niedriglohnbranchen gegenüber: Serviceangestellte, Putzpersonal und Angestellte im Detailhandel. «Viele dieser Beschäftigten arbeiten nicht unbedingt freiwillig in der Nacht», vermutet Henneberger. «Sie sind auf die Zulagen angewiesen.» Zulagen, die – im Gegensatz zu denjenigen in der Industrie, wo die Gewerkschaften eine starke Position haben – nicht eben üppig sind: Für weniger qualifizierte Arbeiten sind Stundenlöhne von 20 bis 25 Franken eher die Regel als die Ausnahme – Nachtarbeitszuschlag inbegriffen.

Für diesen knappen Obolus nehmen die Nachtarbeiterinnen und Nachtarbeiter einiges in Kauf, vor allem gesundheitliche Probleme. «Nachtarbeit ist Stress», sagt die Basler Chronobiologin Anna Wirz-Justice. «Wer den Schlafrhythmus stört, muss Veränderungen bei Stoffwechsel, Hormonproduktion, Körpertemperatur sowie bei der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit in Kauf nehmen». Und Stress kommt die Gesellschaft teuer zu stehen: Etwa acht Milliarden Franken, so stellten Westschweizer Forscher in einer Studie im Auftrag des Seco fest, kosten stressbedingte Arbeitsausfälle und Unfälle jedes Jahr.

Anzeige

Viele der neuen Nachtarbeiter fühlen sich allerdings überhaupt nicht gestresst. «Ich bin immer erreichbar, weil ich es so will», sagt Software-Spezialist Mike Hill. «Ich bin ein Nachtmensch», meint DJ und Barfrau Zsu Zsu (Bild). «Wenn ich durch die Nacht fahre, fühle ich mich irgendwie frei», erklärt auch Pizzakurier David Hafner. Also alles doch kein Problem? «Für junge Menschen kann Nachtarbeit tatsächlich lustig sein», sagt die Chronobiologin Anna Wirz-Justice. «Eine gewisse Zeit lang.»