Die Nase ist zu, die Niesanfälle sind heftig. Hinter der Stirn hockt ein pochender Schmerz, auch der Kiefer tut weh, und das Gesicht ist auf der rechten Seite leicht geschwollen. Hinzu kommt ein fiebriges Gefühl und Schlappheit. Kurzum: Ich fühle mich malad. Früher wäre dies ein typischer Fall für den Hausarzt gewesen. Jetzt stehe ich in der Zuger Bahnhof Apotheke, die den Service Netcare anbietet – ein seit April 2012 auf zwei Jahre angelegtes Projekt des Apothekerverbands Pharmasuisse, des Zentrums für Telemedizin Medgate und des Krankenversicherers Helsana. Die Idee: Bei Bagatellfällen brauchen Patienten nicht mehr den Hausarzt aufzusuchen oder die Notfallstation eines Spitals. Sie gehen stattdessen für die Erstkonsultation in eine von schweizweit 200 Apotheken – zu erkennen am grünen Logo mit Bildschirm und Stethoskop. Kommt der Apotheker oder die Apothekerin alleine nicht weiter, wird über Video ein Arzt zugeschaltet. Die Wartezeit hierfür beträgt im Schnitt 20 Minuten.

Mit spezifischen Fragen vorbereitet

Die Zuger Apothekerin Ivona Zengaffinen tippt bei mir auf Sinusitis, Nasennebenhöhlenentzündung, und schlägt eine vertiefte Beratung vor. Sie bittet mich dafür in einen kleinen Nebenraum. Ich bin erleichtert, dass ich nicht alles im Verkaufsraum vor dem Personal und anderen Kunden ausbreiten muss. Aus einem Ordner fischt die Apothekerin einen wissenschaftlich erarbeiteten Fragebogen, den sie mit mir Punkt für Punkt durchgeht: Müssen Sie bestimmte Medikamente nehmen? Haben Sie chronische Erkrankungen? Sind Sie schwanger? Haben Sie Schwellungen am Körper? Augenschmerzen? Sehstörungen? Wurden Nasenpolypen festgestellt? Welche Symptome zeigen sich seit ein paar Tagen? Hatten Sie die Beschwerden schon öfter? Schliesslich sind wir bei der Empfehlung „Besprechung mit Medgate“ gelandet. Ich stimme zu, den Videoarzt beizuziehen. Und, dass die Apothekerin dabei bleiben kann. Auf Wunsch hätte ich mit dem Arzt auch alleine sprechen können.

Kurze Zeit später erscheint Medgate-Arzt Philipp Füglistaler formatfüllend und gestochen scharf auf dem Computerbildschirm, während ich mein Konterfei kleinformatig rechts unten betrachten kann. Mit meinem «Cyber-Doc» zu kommunizieren, ist befremdlich, auch deshalb, weil der direkte Augenkontakt fehlt. Der Doktor fragt ebenso systematisch und nachvollziehbar wie die Apothekerin und gibt mir schliesslich ein paar Anweisungen, mich selbst zu untersuchen. Drei Untersuchungen sind es, von denen zwei normalerweise er ausführte, sässe ich direkt vor ihm. „Drücken Sie mit dem Zeigefinger oberhalb der Augenbrauen ganz fest. Tut das weh?“ Tut es. „Jetzt klopfen Sie richtig fest unterhalb der Augen. Tut das weh?“ Tut es nicht. „Und nun beugen Sie den Kopf vornüber und bleiben fünf Sekunden so. Spüren Sie mehr Druck und tut es stärker weh?“ Ziemlich.

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Die Vermutung wird erhärtet: Sinusitis. Der Arzt verschreibt schmerzlindernde Tabletten, die zudem abschwellend wirken, einen kortisonfreien Nasenspray und Kochsalztropfen. Und empfiehlt, die Nasenschleimhaut immer schön zu befeuchten, zum Beispiel mit Kräuterdampf. Philipp Füglistaler fragt, ob ich mit einem Rezept einverstanden sei, das er umgehend in die Apotheke faxe. Ich bejahe dies und mache mit ihm einen Telefontermin ab. Er werde sich, wie auch die Apothekerin, drei Tage später melden und sich nach meinem Zustand erkundigen.

Bilanz meiner ersten Video-Sprechstunde: ungewohnt, aber sec und unkompliziert. Ausserdem fällt die in Praxen oft lästige und lange Warterei weg. Und: Ich musste nicht erst einen Termin vereinbaren. Dies werten nach Angaben von Ivona Zengaffinen auch ihre Kundinnen und Kunden als Vorteil. Nachgefragt werde Netcare überwiegend von Neuzuzügern, die in Zug keinen oder noch keinen Hausarzt haben. Oder von Geschäftsleuten auf Reisen.

Der Hausarzt wird nicht ersetzt

Netcare sieht sich als Ergänzung zum Hausarzt. Ersetzen wolle und könne man diesen nicht, betonen die Projektverantwortlichen. Aus gutem Grund, denn der Telemedizin sind Grenzen gesetzt: Der Webdoktor sieht seinen Patienten nicht in natura, kann ihn nicht mit allen Sinnen erfassen. Zudem kennt er ihn weder persönlich, noch weiss er etwas über seine Krankengeschichte. „Das Vertrauensverhältnis fehlt“, sagt Jacques de Haller von der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte, FMH. Grundsätzlich wertet er Netcare als brauchbare Idee, allerdings nur bei einfachen, klar einzugrenzenden Beschwerden. Das Angebot könne – neben Medizin-Callcenters – durchaus helfen, Hausärzte und Notfallstationen zu entlasten. Zwar biete Netcare keinen Notfalldienst, doch Apotheken seien länger geöffnet als Arztpraxen. Das sei von Vorteil, wenn Patienten abends oder am Wochenende etwas plage.

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Für insgesamt 24 Krankheitsbilder bietet Netcare Beratung an. Akne oder Ekzeme gehören dazu, darüber hinaus akuter Durchfall, Harnweginfektionen, Verbrennungen, Warzen oder Zeckenbisse. Die Apotheker und Apothekerinnen sind für diese Erstkonsultationen mehrere Tage geschult worden. In der Regel verlaufen die Beratungen laut Pharmasuisse nach folgenden drei Mustern: Es wird ein rezeptfreies Arzneimittel verkauft, bestimmte Verhaltensweisen wie Zuwarten empfohlen. Oder der Telemediziner wird beigezogen. Oder man rät dem Patienten, doch besser zum Arzt oder in die Notfallstation zu gehen. Mehr als zwei Drittel der Fälle endeten mit Variante eins. Variante zwei wurde bei einem Drittel angewendet. Letzteres entkräfte das Argument, den Apotheken gehe es bei der neuen Dienstleistung nur darum, den Absatz an rezeptpflichtigen Medikamenten zu steigern, heisst es bei Pharmasuisse.

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Ob das Projekt tatsächlich hilft, die Kosten im Gesundheitswesen zu senken, soll eine Studie zeigen, die das Pilotprojekt begleitet. Wer sich in der Apotheke beraten lässt, bezahlt 15 Franken. 48 Franken kostet die Videokonsultation. Für Helsana-Versicherte ist die gesamte Abklärung kostenlos. Einzelne Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Beratung per Tele-Doktor. Zum Vergleich: Eine Viertelstunde beim Arzt kostet ohne Notfallzuschlag zwischen 35 und 40 Franken.

Wie versprochen, fragen Arzt und Apothekerin bei mir ein paar Tage später telefonisch nach, wie es geht – ein guter Service. Ich kann Erfreuliches berichten: Das fiebrige Gefühl und die Mattheit sind verflogen, die Kopfschmerzen auch. Und die Nase ist – weitgehend – frei. Die Apothkerin rät dennoch, «dran zu bleiben». Sie empfiehlt zusätzlich zu den vom Arzt verordneten Präparaten eine spezielle Nasenspülung und ein pflanzliches Mittel gegen entzündete Nasennebenhöhlen. Das überlege ich mir noch und mache einstweilen fleissig Kopf-Dampfbäder mit Kamille.