Der Abend ist fortgeschritten, als Denis* und Timo* beschliessen, eine Home-Party in Diessenhofen zu besuchen. Am Hauptbahnhof Winterthur kauft jeder sein Billett am Automaten. Die Nacht wollen sie in Diessenhofen verbringen und erst am nächsten Morgen nach Winterthur zurückkehren. Es lohnt sich, so denken sie, eine Tageskarte zu lösen. Weit gefehlt: Am Sonntagmorgen geraten die beiden in eine Kontrolle. Als sie ihre Tickets zücken, kommt das böse Erwachen: Die Tageskarte, die sie vor zwölf Stunden lösten, ist ungültig. Sie kassieren 100 Franken pro Nase. In der Ostschweizer Regionalbahn «Thurbo» gelte die Tageskarte pro Kalendertag, so die Erklärung der Kontrolleurin, und nicht wie im Zürcher Verkehrsverbund pro 24 Stunden.

Tatsächlich, wer beim Lösen des Billetts am Automaten das Kleingedruckte beziehungsweise zwischen den Zeilen liest, findet den Vermerk: gültig bis zum nächsten Morgen um fünf Uhr. Die zwei Jugendlichen hätten also vor fünf Uhr morgens zurückreisen müssen, um keine Busse zu riskieren. Dann aber hätten sie noch ein Ticket für den Nachtzuschlag gebraucht. Denn zwischen 22 und 5 Uhr können höhere Tarife gelten. Diese und andere Fallen schnappen zu, wenn sich der Bahnkunde nicht auskennt. Und das kann leicht geschehen. Denn schweizweit gelten 20 unterschiedliche Tarifsysteme, allein im Kanton Solothurn sind es fünf. Kein Wunder, bietet man hier und in anderen Schweizer Städten unterdessen Kurse für Senioren an, in welchen man den Umgang mit Billettautomaten lernt.

Überforderte Kunden

Dass Kunden überfordert sind, bestätigt Hans Höhener. Er ist Ombudsmann des Verbands öffentlicher Verkehr (VöV). «Beschwerden betreffen hauptsächlich die komplizierten Automaten und das unübersichtliche Tarifsystem», so Höhener. Regelmässig bringt er Kundenprobleme an Treffen mit Verantwortlichen zur Sprache. Damit sich nachhaltig etwas ändert, müssten sich die 20 Verbünde mit den SBB als grösstem Player auf ein System einigen, meint er. Einer raschen Lösung stehen aber die Kosten und der Schweizer Föderalismus mit seinen historisch gewachsenen Systemen im Weg. Oder auch einfach die Tatsache, dass die Verantwortlichen selber ein GA besässen und die Probleme gar nicht kennten, meint Höhener.

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Der ÖV muss einfacher werden. Das fordern auch Politiker. Der Solothurner Nationalrat Stefan Müller-Altermatt gelangte mit diesem Anliegen schon vor über einem Jahr an den Bundesrat. «Der Kauf eines Billetts wird für den Kunden mitunter zum Spiessrutenlauf», begründete er. Der Kunde werde gleich doppelt geprellt: Er müsse sich im Dickicht der Tarifsysteme zurechtfinden und finanziere ein ineffizientes System.

Die Zukunft solls richten

Vertröstet werden Kunden auf die Zukunft. «Eine Reise, ein Ticket», heisst die Strategie des VöV. Doch wie sieht es damit aus? Auf Mitte nächsten Jahres wollen die SBB den SwissPass einführen: eine Chipkarte, die vorerst für General- und Halbtaxabos eingesetzt wird. In einem zweiten Schritt könnte der SwissPass mit Abos anderer Verbünde oder Skiabos aufgeladen werden. Das allein wäre aber noch keine Vereinheitlichung des herrschenden Durcheinanders im Tarifsystem. Die Lösung liege in weiterer Zukunft, weiss Reto Schärli, Mediensprecher der SBB. Sie heisst E-Ticketing mit Monatsrechnung und würde das Billett überflüssig machen. Mit einer Chipkarte könnte der Kunde im öffentlichen Verkehr automatisch ein- und auschecken und erhielte am Ende des Monats eine Rechnung für die zurückgelegten Strecken. Dieses System wurde in Holland teilweise eingeführt.

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Doch noch winken Experten ab. Laut Reto Schärli ist etwa die Frage, wo die Chiplesegeräte installiert würden, noch nicht geklärt. Vorerst muss sich der Kunde wohl oder übel noch im Dschungel der Tarifsysteme durchschlagen und allenfalls eine Busse in Kauf nehmen. So wie Timo und Denis. Denn die Kontrolleurin ist nicht kulant. Das Argument, dass die Tageskarte gleich viel kostet wie zwei Einzeltickets, lässt sie nicht gelten. Denis bezahlt seine Busse sofort. Timo gibt sich nicht geschlagen. Er reklamiert bei der «Thurbo». Seine Busse wird auf 40 Franken reduziert.

*Name geändert