Der Ton, den die Lokomotivführer in einem Brief an SBB-Chef Benedikt Weibel anschlagen, ist höflich. Doch der Inhalt klingt dramatisch: «Wir können es uns heute noch nicht vorstellen, wie bei den knappen Personalressourcen ein geordneter Betrieb ab dem Fahrplanwechsel stattfinden soll. An das Handling von Störungsszenarien wagen wir erst gar nicht zu denken», schreiben sie.

«Neue Umstände haben zu grosser Verunsicherung und Unzufriedenheit beim Lokpersonal geführt», steht im offenen Brief, den Peter Merz, Zentralvorstand des Lokomotiv-Personal-Verbands, abgefasst hat. Hauptgrund der Kritik: Lokomotivführer der Divisionen Güterverkehr und Personenverkehr dürfen sich nicht mehr gegenseitig aushelfen.

Wenn jetzt eine Grippewelle kommt…
Mit der Trennung will die Bahn laut SBB-Mediensprecher Roland Binz Geld sparen: «Mit der vereinfachten Organisation und Logistik sowie der Spezialisierung kann die Produktivität gesteigert werden.» Doch während die Bahnplaner diese Regel ab dem 12. Dezember konsequent umsetzen wollen, schütteln die Lokführer über die schon länger angestrebte strikte Abgrenzung nur die Köpfe. «Wir sehen keinen Sinn in dieser sturen Trennung», sagt ein Betroffener.

Die Kritik seiner Zugpferde kommt für SBB-Chef Benedikt Weibel zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, denn diesen Sonntag starten die SBB mit Bahn 2000, dem dichtesten Fahrplan ihrer Geschichte. Seit Wochen wirbt die Bahn auf ihren Bahnhöfen mit dem Slogan «Mehr Zug für die Schweiz».

Die verheissungsvolle Bahnwelt aus dem Werbeprospekt sieht für die Angestellten anders aus. Ausgerechnet zum Start von Bahn 2000 verbieten die SBB ihren Lokführern, die Sonntagsfahrt mit Passagieren gegen eine Nachtschicht mit Güterwagen an einem Werktag zu tauschen. Mehr Zug heisst deshalb aus Sicht der Lokführer von Personenzügen vor allem mehr Sonntagsarbeit. Sie werden gerade mal noch 20 freie Sonntage im Jahr haben – das gesetzliche Minimum.

Mit der strikten Separierung von Lokführern von Güter- und Personenzügen verlieren nicht nur die Einsatzplaner an Flexibilität. Die knappe Personaldecke werden auch die Passagiere zu spüren bekommen, warnen die Lokführer. So fürchten sie, dass es während der nächsten Wintersportferien zum Eklat kommen könnte, falls zum hausgemachten Personalengpass noch eine Grippewelle kommt.

Dem widerspricht SBB-Mediensprecher Roland Binz: «Die SBB verfügen über genügend Personal für den Betrieb von Bahn 2000 – auch über genügend Lokführer.» Laut Binz ist auch die grosse Mehrheit der Mitarbeiter motiviert, den neuen Fahrplan umzusetzen.

«Chronische Reformitis»
Bereits bei der letzten Umfrage unter den SBB-Angestellten bildeten die Lokführer bei der Bewertung der Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen das Schlusslicht. Dazu beigetragen hat auch eine «schwere chronische Reformitis», an der die SBB leiden, wie es Ernst Leuenberger, der Präsident des Eisenbahnpersonalverbands, ausdrückt. Reorganisationsprojekte würden überstürzt umgesetzt. Dabei würden eingespielte Teams auseinander gerissen, und gleichzeitig werde Personal abgebaut.

Bleibt es beim eingeschlagenen SBB-Kurs, gibt es bald kein Zurück zur alten Regelung mehr. Denn spätestens nach fünf Jahren ohne Fahrpraxis auf einem Loktyp dürfen sich Lokführer nicht mehr in einen entsprechenden Führerstand setzen.

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