Beobachter: Gemäss unserer Umfrage sind die SBB zu teuer, zu schmutzig und zu unsicher. Was sagen Sie dazu?
Paul Blumenthal: Ihre Umfrage zeigt noch mehr: Wir haben freundliches und kompetentes Personal, gutes Rollmaterial, und wir sind auf dem richtigen Weg.

Beobachter: Also alles bestens?
Blumenthal: Natürlich nicht. Aber Ihr Fazit ist in der Verkürzung falsch. Unsere Züge sind nicht schmutzig, weil wir zu teuer sind. Das hat andere Gründe. Und die Probleme mit der Sicherheit können nicht allein den SBB angelastet werden. Und nochmals: Die guten Noten für unsere Angestellten freuen mich. Ich muss dem Personal gratulieren, wie gut es den Wandel vom Staatsbetrieb zum kundenorientierten Unternehmen mitgemacht hat. Dieses Niveau wollen wir in Zukunft zumindest halten.

Beobachter: Der Reihe nach: Sechs von zehn Leuten beurteilen Ihre Fahrpreise als «eher hoch» bis «sehr hoch».

Blumenthal: Wir fragen in unserer Marktforschung nicht nur nach dem Preis, sondern immer nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis. Und da schneiden wir gut ab. Unser Ziel ist es, die Stammkunden mit guten Angeboten zu bedienen. Der Preis für das Generalabonnement ist ein Hammer. Auch wer ein Halbtaxabonnement hat, fährt zu tragbaren Preisen.

Beobachter: Aber ein ganz normales Retourbillett Zürich–Bern kostet 77 Franken. Das ist doch happig.

Blumenthal: Stimmt, für Gelegenheitsfahrer mag die Bahn teuer erscheinen. Wir könnten natürlich diese Preise senken und dafür die mehr als zwei Millionen Stammkunden mehr belasten. Aber genau das wollen wir nicht.

Beobachter: Nun steigen aber fast alle Preise – das Generalabonnement ist bereits teurer geworden. Haben Sie kein schlechtes Gewissen?
Blumenthal: Nein, denn wir investieren sehr viel Geld in neues Rollmaterial. In den neunziger Jahren waren es jährlich 200 bis 250 Millionen Franken, in den nächsten vier bis fünf Jahren sind es im Schnitt sogar mehr als 400 Millionen. Es gibt wohl keine Investition, die kundenfreundlicher und direkter wirksam ist. Zudem bauen wir unseren Fahrplan laufend aus – die täglich gefahrenen Kilometer haben innert vier Jahren um 13 Prozent zugenommen. Klar ist aber auch, dass die Leistung und die Qualität stimmen müssen.

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Beobachter: Das klappt nicht überall. In vielen Zügen liegen Abfall und Zeitungen herum. Die Note 6,5 für die Sauberkeit wird Sie kaum befriedigen.
Blumenthal: Einverstanden, das ist ungenügend. Aber wir arbeiten daran. Die neuen Züge im Fernverkehr werden in den grossen Zentren unterhalten – damit haben wir sie relativ gut im Griff. Dort, wo es bisher nicht geklappt hat, werden seit einigen Wochen systematisch mobile Equipen eingesetzt, die den Zug unterwegs reinigen. Schwieriger ist es, die dezentralen Regionalzüge in den Griff zu bekommen. Hier versuchen wir jetzt, enger mit dem Personal zusammenzuarbeiten, das die Bahnhöfe reinigt.

Beobachter: Unrat ist nur ein Teil des Problems. Hinzu kommen aufgeschlitzte Sitze, zerkratzte Scheiben, versprayte Züge.
Blumenthal: Ich gebe es ganz ehrlich zu: Das Thema Vandalismus ist frustrierend. Schlimm ist die Situation vor allem mit den Sprayereien in den Regionen Basel, Lausanne–Genf und Jurasüdfuss. Für unser Personal ist es eine Sisyphusarbeit. Aber jammern nützt nichts: Wir haben jetzt begonnen, die Züge nachts zusammen mit privaten Firmen zu überwachen.

Beobachter: Vandalismus trägt dazu bei, dass sich viele Leute abends in den Zügen und Bahnhöfen nicht mehr sicher fühlen. Das ist wenig förderlich für das Image der Bahn.
Blumenthal: Da haben wir in der Tat ein Riesenproblem am Hals. In einigen Gegenden der West- und Nordwestschweiz wird sogar unser Personal verprügelt. Dort gibt es offenbar einen neuen Sport: Wer ist Herr und Meister im Zug? In Notfällen ist die Polizei zwar rasch zur Stelle. Wir wären aber froh, wenn sie mit ihrer Präsenz vorbeugend wirken könnte. Aber hier überrollt uns die Sparlawine der letzten Jahre. Es hat zu wenig Polizisten.

Beobachter: Die Sparlawine lösten aber auch die SBB aus. Sie haben massiv Personal von den Zügen und Bahnhöfen abgezogen. Ein Fehler?
Blumenthal: Nein. Wir haben in den Regionalzügen Personal abgezogen, das nur für die Betreuung und Information der Kunden da war. Heute brauchen wir aber Leute, die Polizeiaufgaben übernehmen können.

Beobachter: Vielleicht wären die Rowdys gar nicht gekommen, wenn die Züge immer begleitet gewesen wären.
Blumenthal: Das glaube ich nicht, denn die SBB sind mit diesem Problem nicht allein. Wir sind keine Insel in der Gesellschaft und können die Welt nicht verbessern. Aber wir müssen versuchen, die Auswirkungen auf unseren Betrieb in den Griff zu bekommen. Einfach ist das nicht, aber es gibt Ansätze.

Beobachter: Nämlich?
Blumenthal: Zwischen Lausanne und Genf haben wir Züge versuchsweise mit Videokameras ausgerüstet. Das ist ein möglicher Weg. Ferner wird die Bahnpolizei als Teil der neuen Firma Securitrans in den kritischen Regionen verstärkt. Geplant sind auch mehr Schwerpunktkontrollen. Und nicht zuletzt wollen wir die Regionalbahnhöfe umgestalten – einheitlich, hell und kundenfreundlich.

Beobachter: Ein weiteres Resultat der Umfrage:
Die Leute wollen mehr als dürftig ausgestattete Verpflegungswägeli.
Blumenthal: Das Problem ist erkannt. Wir machen eine Korrektur und werden wieder ein qualitativ sehr gutes Verpflegungsangebot präsentieren können.

Beobachter: Das heisst es aber schon lange von Seiten der SBB.
Blumenthal: Wir wollten nichts übers Knie brechen. Jetzt aber wird das neue Konzept konkret. Der Ansatz, den wir im ICN gewählt haben, wird ausgebaut und auf den Doppelstockzug übertragen. Das heisst: In der Mitte des Zuges gibt es eine zentrale Verpflegungszelle. Es soll aber auch möglich sein, im Take-away-System etwas zu holen. Zudem werden die Verpflegungswagen von diesem zentralen Ort ausschwärmen und die Leute am Platz bedienen.

Beobachter: Und wann geht es los?
Blumenthal: Im nächsten Frühjahr beginnt ein Feldversuch, damit die Abläufe in der Praxis erprobt werden können. Sobald die Sache läuft, können wir innerhalb eines Jahres alle 26 Doppelstockbistros neu organisieren und umgestalten. Denn klar ist auch, dass wir die «Kantinenatmosphäre» der Wagen ändern müssen. Beim ICN haben wir ausserdem beschlossen, dass alle Züge mit Speisewagen ausgerüstet werden. Ende 2004 werden somit 44 ICN mit Verpflegungswagen im Einsatz sein. Das zeigt: Wir reden nicht nur, wir tun auch etwas.