«Am Morgen wurde der Wagen mit der Post jeweils in die Redaktion gerollt. Jeder Redaktor pflückte sich die Zuschriften aus seinem journalistischem Interessengebiet heraus. Am Schluss war der Wagen bis auf den so genannten ‹Bodensatz› leer», erinnert sich Lotti Hähnle. Sie nahm ihre Arbeit beim Beobachter im Jahr 1961 als Sekretärin auf. Später wurde sie als erste Frau in der Geschichte der Zeitschrift zur Redaktorin ernannt.

Das Bild mit dem Postwagen sagt viel über die frühere Arbeitsweise aus: 34 Jahre nach Gründung der Zeitschrift gab es noch keine feste Aufgabenteilung in der kleinen, mit starken Persönlichkeiten besetzten Redaktion. Jeder Redaktor verfasste Artikel und stand Hilfesuchenden mit Rat und Tat zur Seite. Die Beratung der Leserinnen und Leser war dabei nicht nur Selbstzweck. Sie diente in hohem Mass auch der journalistischen Arbeit.

Einzelschicksale (er)zählen
Dass sich so viele Leserinnen und Leser hilfesuchend an den Beobachter wandten, war alles andere als Zufall. Denn die Zeitschrift förderte den Dialog mit der Leserschaft seit ihrem Bestehen. Bereits in ihrer zweiten Ausgabe vom Februar 1927 startete sie eine Umfrage über den hohen Schnapsverbrauch in der Schweiz. Der intensive Austausch mit den Leserinnen und Lesern wurde zum Markenzeichen.

Genauso wie der engagierte Beobachter-Journalismus. Standen in den ersten Jahren noch sachlich-informative Beiträge («Was sind Vitamine?», «Allerlei Winke aus dem Haushalt») sowie die allgemeine Kritik an gesellschaftlichen Missständen im Vordergrund, griff die Zeitschrift mehr und mehr Einzelschicksale auf, um ein allgemeines Problem zu zeigen. Diese Form des anwaltschaftlichen Journalismus war neu in der Schweiz und fand erst viel später bei den übrigen Medien Verbreitung.

Wo guter Rat billig ist
Die Schilderung konkreter Beispiele und die stärkere Ausrichtung auf Beratungsthemen liess die Zahl der Anfragen Jahr für Jahr zunehmen. Es wurde immer schwieriger, die Anforderungen in journalistischer und beraterischer Hinsicht unter einen Hut zu bringen. Im Jahr 1990 wurden deshalb die Aufgaben in der Redaktion neu verteilt. Seitdem sind die Mitglieder der Textredaktion ausschliesslich journalistisch tätig, während die Redaktorinnen und Redaktoren des Beratungsdienstes sich vor allem der Beratung widmen und zusätzlich Ratgeberartikel verfassen.

Der nächste Schritt folgte zehn Jahre später: Die Umstellung vom schriftlichen auf den telefonischen Auskunftsdienst. Diese drängte sich auf, weil laut Umfragen die Mehrheit der Abonnentinnen und Abonnenten der Telefonberatung gegenüber der schriftlichen Beratung den Vorzug gab. Am 2. März 2000 nahm das neue Callcenter seinen Dienst auf. Seither können sich die Abonnentinnen und Abonnenten des Beobachters Montag bis Freitag von 9 bis 13 Uhr auf acht Gebieten kostenlos telefonisch beraten lassen: schnell und bequem. Das Echo auf das neue Angebot war äusserst positiv. Doch bedauern namentlich langjährige und ältere Abonnenten, dass sie sich nicht mehr schriftlich beraten lassen können. Für Hörbehinderte gilt selbstverständlich eine Ausnahme.

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Beratung ist und bleibt Vertrauenssache. Der Beobachter hat sich im Lauf seiner Geschichte durch sein soziales Engagement ein grosses Vertrauenskapital erarbeitet. Dies ist ein Geschenk – und eine Verpflichtung. Der Kampf um mehr Gerechtigkeit ist nach 75 Jahren nicht gewonnen. Er beginnt täglich neu.