Müssiggang ist aller Laster Anfang – dieser Spruch spiegelt unser gestörtes Verhältnis zur Musse. Obwohl wir kürzere Arbeitszeiten haben als frühere Generationen, tun wir uns immer schwerer damit, zur Ruhe zu kommen. Es gehört zum guten Ton, viel zu arbeiten und auch in der Freizeit möglichst aktiv zu sein. Einfach mal nichts zu tun, schaffen viele nicht mehr. Stattdessen versuchen wir, immer mehr in den gleichen Zeitraum zu pressen. Der Basler Philosoph Stefan Brotbeck nennt das in der Titelgeschichte unseres Autors Markus Föhn die «Unkultur des Erledigungsmodus» – als wäre das Leben eine gigantische To-do-Liste, die es abzuarbeiten gelte.

Freie Zeit ist nicht mehr etwas, was man einfach geniessen kann, sondern ein Potenzial für weitere Aktivitäten. Wie absurd das ist, hat Heinrich Böll mit seiner «Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral» auf den Punkt gebracht: Ein Tourist fragt einen in der Sonne dösenden Fischer, warum er nicht mehrmals täglich ausfahre.

Der Fischer sagt, dass er bereits genug gefangen habe. Der Tourist malt ihm aus, wie er mit mehr Fängen expandieren kann: einen Motor kaufen, dann ein zweites Boot, schliesslich einen Kutter, ein Kühlhaus bauen, eine Räucherei und so weiter. Am Ende müsse er nicht mehr selbst arbeiten, sondern könne einfach in der Sonne dösen. «Aber das tue ich ja schon jetzt!», sagt der Fischer.

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Matthias Pflume, stv. Chefredaktor.

Quelle: Getty Images

«Viele schaffen es nicht mehr, einfach mal nichts zu tun.»

Matthias Pflume

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Auch die Langeweile, die hässliche Schwester der Musse, ist besser als ihr Ruf. Studien zeigen, dass Langeweile die Kreativität fördert. Aber dank Smartphones ist es kein Problem, in jeder Situation die Langeweile zu verscheuchen. Ein Experiment, bei dem es darum ging, sich entweder 15 Minuten zu langweilen oder sich selbst Stromstösse zu versetzen, kam zu einem verblüffenden Resultat: Die Mehrheit der Männer und ein Viertel der Frauen wählten die Stromstösse.

Wir spüren durchaus, dass das Herumhetzen nicht guttun kann. Und dabei geht es nicht nur um die Gesundheit. Wer ständig auf das nächste Ziel fokussiert ist, dem entgeht eine Menge an kleinen Freuden und überraschenden Erkenntnissen. Der Schriftsteller Franz Hohler lenkt den Blick immer wieder auf das Bemerkenswerte im Unscheinbaren. Auf der «Schlusspunkt»-Seite drucken wir drei kurze Texte Hohlers ab. Am Ende eines Jahres, das von Flüchtlingsdramen und Terror dominiert war, können sie uns zeigen, dass es wichtige Dinge gibt, die man ebenfalls in sein Bewusstsein lassen sollte. Dazu muss man aber einen Gang zurückschalten.

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Ich wünsche Ihnen deshalb, dass über die Feiertage wenig los ist – und Ihnen vielleicht sogar langweilig wird.

Der neue Beobachter ist da

Lesen Sie die vollständige Titelgeschichte «Faul gewinnt – Warum wir uns mehr Zeit und Ruhe gönnen dürfen» sowie die drei Kurzgeschichten von Franz Hohler in der aktuellen Beobachter-Ausgabe.

Weitere Themen des Hefts: Scheidung – Zwei Paare erzählen, wie sich nach einem Scheidungskrieg wieder zusammen rauften. Eisklettern – Ein frostiges Hobby. Truvada – Was taugt die «Pille davor»?

Der Beobachter 26/2015 erscheint am Donnerstag, 24. Dezember. Sie erhalten die Ausgabe am Kiosk, als E-Paper oder im Abo.

Quelle: Getty Images

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