Mit grosskalibrigen Waffen erschiesst man Dutzende von Zivilisten in der Wartehalle eines Moskauer Flughafens. Selbst auf die am Boden kriechenden und schwerverletzten Opfer darf hemmungslos geballert werden – jedenfalls in der ungekürzten Fassung, die hierzulande erhältlich ist. Bei der in Deutschland zugelassenen Version ist zumindest das Abschlachten wehrloser Menschen nicht möglich. Da muss der Spieler warten, bis Polizisten und das Militär den Flughafen stürmen. Dann aber kann er diese ungehindert abknallen.

Das Geschäft läuft: Mit 4,7 Millionen verkauften Exemplaren in den ersten 24 Stunden allein in den USA und Grossbritannien ist das Videospiel «Call of Duty: Modern Warfare 2» die bisher erfolgreichste Neuerscheinung. Wie der Hersteller Activision mitteilte, betrug der Umsatz 310 Millionen Dollar. Als das Spiel in den Handel kam, rechtfertigte sich der kalifornische Hersteller für das Gemetzel: Man wolle die abscheulichen Taten eines Terrornetzwerks glaubhaft abbilden. In Russland wurde das Spiel rund eine Woche nach Erscheinen verboten, und alle verkauften Exemplare wurden zurückgerufen. Eine Version ohne die Flughafenszene ist in Diskussion. In der Schweiz ist das Spiel unzensiert erhältlich – ab 18 Jahren.

Schlimmste Taten werden belohnt

Bereits im Vorgängerspiel – mehr als 14 Millionen Mal verkauft – sorgte eine Szene für Kopfschütteln: Man eroberte ein Frachtschiff und brachte die schlafende Mannschaft kaltblütig um. Exzessive Gewaltdarstellungen gehören längst zum Pflichtprogramm in zahlreichen beliebten Spielen: Es können Feinde mit der Motorsäge zerstückelt («Gears of War»), per Klaviersaite stranguliert («Hitman: Contracts»), mit dem Flammenwerfer verbrannt («Resident Evil 5») oder mittels Schwert geköpft («Ninja Gaiden 2») werden. Immer leistungsfähigere Grafikkarten und weitere technologische Fortschritte begünstigen die interaktiven Massaker am Bildschirm.

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Problematisch ist auch, dass ein Spieler für die Erfüllung brutaler Aufgaben belohnt wird. In «The Darkness» reisst man 300 Leuten das Herz aus dem Leib, um ein Abzeichen zu erhalten. In «Grand Theft Auto IV» soll man zehn Autos in zehn Sekunden in die Luft jagen. In «Rise of the Argonauts» gilt es, 25 Gegner aufzuspiessen. In «Brothers in Arms: Hell’s Highway» muss man zehn Rivalen in den Kopf schiessen oder fünf mit dem Panzer überrollen. Und in «Saints Row 2» bekommt Extrapunkte, wer in einer Grossstadt Amok läuft.

Die Schweiz ist liberal, wenn es um Killerspiele geht. So mobilisierte im Juli 2007 das extrem brutale Prügelspiel «Manhunt 2» die Behörden in mehreren Ländern. Während Grossbritannien, Irland, Australien und Italien rigorose Verkaufsverbote durchsetzten, erzwangen die USA eine Kürzung des Inhalts. In der Schweiz verzichtete der offizielle Vertrieb nach den massiven Protesten im Ausland zunächst zwar auf die Einführung des Spiels, veröffentlichte es aber ein Jahr später trotzdem. Noch heute kann man «Manhunt 2» bei Citydisc bestellen.

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Die Branche setzt auf Medienkompetenz

Peter Züger, Präsident des Branchenverbands Swiss Interactive Entertainment Association (SIEA), hat für Verbote nicht viel übrig. Die Branche, die letztes Jahr 460 Millionen Franken erwirtschaftete, setzt lieber auf die Selbstregulierung des Marktes und auf die «Medienkompetenz in der Gesellschaft». Züger plädiert dafür, die Alterskategorien auf den Packungen gesetzlich zu verankern – um schärfere rechtliche Einschränkungen zu vermeiden. Denn subjektive Kriterien wie «guter Geschmack» seien nicht umsetzbar. Ohnehin «stellt die Branche jetzt schon sicher, dass nur ein Spiel erwerben kann, wer das geforderte Mindestalter mit einem Ausweis belegt».

Warum werden Handel und Produzenten hierzulande mit Samthandschuhen angefasst? Bislang stützte sich der Bund in erster Linie auf das Strafgesetzbuch: Artikel 135 verbietet Ton- und Bildaufnahmen, die «grausame Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder Tiere eindringlich darstellen und dabei die elementare Würde des Menschen in schwerer Weise verletzen». Jedoch entpuppte sich der Artikel bei der konkreten Anwendung als unbrauchbar.

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Die Formulierungen sind zu schwammig

Roland Näf, Vizepräsident der SP im Kanton Bern, hatte den Geschäftsführer des Media-Markts Muri angezeigt, weil dort das Ballerspiel «Stranglehold» im Sortiment zu finden war. Im Juni 2008 sprach das Kreisgericht Bern-Laupen den Geschäftsführer vom Vorwurf frei, verbotene Gewaltdarstellungen zu vertreiben. In der Urteilsbegründung von Richterin Christine Schaer hiess es unter anderem, dass es aufgrund der Komplexität des Artikels 135 faktisch gar nicht zu einer Verurteilung kommen könne, weil die Kriterien zur objektiven Beurteilung eines elektronischen Spiels fehlen.

Roland Näf sieht das Problem in den unklar formulierten Bedingungen, die der Gesetzesartikel für ein Verbot verlangt. So könne in der Praxis nicht der Nachweis erbracht werden, dass ein Spiel «keinen kulturellen Wert hat, Gewalt eindringlich darstellt und erst noch die elementare Würde in schwerer Weise verletzt».

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Im April 2009 rief Näf die Vereinigung gegen mediale Gewalt (www.vgmg.ch) ins Leben. Sie will vor allem die Eltern darüber aufklären, «dass Gewalt am Bildschirm zum Verlust natürlicher Hemmungen und des Mitgefühls führt». Näf hält die bisherige Gesetzeslage für unzureichend und verlangt griffigere Regeln: «Wir fordern ein Verbot von Computerspielen, in denen die Anwendung von grausamer Gewalt gegen Menschen oder Tiere belohnt wird. Das würde auch heissen, dass Artikel 135 im Strafgesetzbuch angepasst wird.»

Bundesrat: «Kein Handlungsbedarf»

Der Berner Grosse Rat hatte einen entsprechenden Vorstoss für eine Standesinitiative bereits im April 2008 angenommen. Ein Jahr später folgte der Kanton St. Gallen mit einer ähnlichen Forderung. Er verlangt ebenfalls, gewaltverherrlichende Spiele zu verbieten und eine nationale Prüfstelle zu schaffen. Ein bundesrätlicher Bericht vom letzten Mai stellte hingegen keinen gesetzlichen Handlungsbedarf fest, da es keinen direkten Zusammenhang zwischen Killerspielen und gewalttätigem Verhalten gebe. Allerdings will der Bundesrat bis Mitte 2010 Massnahmen zur Förderung der Medienkompetenz und zu den Alterslimiten vorlegen.

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Altersangaben: In der Schweiz bloss Empfehlungen

In Deutschland existiert seit 1994 die sogenannte Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle. Die USK legt Alterseinstufungen (keine Beschränkung, 6, 12, 16, 18 Jahre) eigenständig fest. Lehnt die USK ein Produkt ab und will der Hersteller es dennoch veröffentlichen, kann es die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index setzen. Dann darf es weder beworben noch öffentlich angeboten werden.

Der Schweizer Verband SIEA (Swiss Interactive Entertainment Association) ignoriert die USK-Entscheide und akzeptiert nur Einstufungen der PEGI (Pan European Game Information). Das von der Spielindustrie finanzierte System gibt Altersempfehlungen heraus und ist in 30 Ländern präsent. Die Einstufungen sind bei uns nicht rechtlich bindend: Ladenbesitzer, die Spiele an Minderjährige verkaufen, die für diese nicht vorgesehen sind, können nicht belangt werden. Zwar verpflichtete die SIEA viele Händler zur Unterzeichnung eines Verhaltenskodex, der Konventionalstrafen vorsieht. In der Praxis ist dies aber eine Alibiübung.

www.usk.de
www.siea.ch
www.pegi.info