Egal, ob es einen ebenmässigen Teint hat oder rote Flecken: Eltern finden ihr Neugeborenes so schön wie kein anderes. Auch der niederländische Kronprinz Willem Alexander präsentierte seine Tochter Catharina Amalia den Fotografen als das «schönste Baby der Welt».

Glück und Stolz sind leicht verständlich. Nach langer Schwangerschaft mit Vorfreude und Hoffnungen, vielleicht auch Ängsten und Sorgen, erleben die Eltern das Neugeborene als Wunder der Natur. «Diese einzigartige Erfahrung löst in der Regel grosse Emotionen aus», sagt Peter Angst, Familientherapeut und Buchautor, «und diese sollte man unbedingt festhalten, sei es in Bildern oder mit Texten.»

Kinder hätten ja keine Erinnerung an diese Zeit, doch grosse Neugier für das, was damals passierte. «Ohne solche Dokumente kann bei ihnen der Eindruck entstehen, sie seien erst im Kindergarten zur Welt gekommen.»

Ein Dokument für die Kinder

«Wir haben von unseren drei einige Fotoalben gefüllt», erzählt Yvonne Meier aus Uster ZH. Nicole, 8, Tobias, 10, und Fabian, 12, würden sie immer wieder aus dem Regal nehmen und sogar ihren Freunden zeigen. Inzwischen sind viele der Fotos im Computer gespeichert, «aber wir machen regelmässig Papierabzüge davon», erläutert die dreifache Mutter, «das ist einfach praktischer.» Dabei erstellt sie jeweils mehrere Abzüge, die einen für die Eltern, die anderen für die Kinder. «Dann können sie damit machen, was sie wollen.»

«Eine bebilderte Dokumentation der eigenen Kindheit ist wichtig für das gesunde Aufwachsen», erklärt der Familientherapeut Peter Angst. Sie zeigen dem Kind die Zusammenhänge seiner Lebensgeschichte und helfen bei der Identitätsbildung: Womit spielte ich mit drei Jahren? Welche Frisur hatte ich mit acht, welche Kleider trug ich? Wie wirkten meine Eltern, als ich zehn war? Weshalb war mein Pate bei meiner Taufe zum letzten Mal auf einem Bild zu sehen?

«Ohne die Fotos und Videos aus der Kindheit würde mir etwas fehlen», findet die 15-jährige Rebecca, «dank ihnen habe ich viel über mich erfahren – aber auch, wie meine Eltern und Grosseltern früher waren.» Schon der dreijährige Yannick kramt regelmässig seine Fotos aus der Schachtel und betrachtet sie eingehend. «Die Bilder bedeuten ihm viel», stellt sein Vater Peter Franken fest. «Sie scheinen ihm eine gewisse Sicherheit zu geben.» Peter Angst kann dies nur bestätigen, «vor allem wenn die Bilder glückliche Momente oder Erfolgserlebnisse dokumentieren. Das stärkt das Selbstvertrauen und kann helfen, schwierige Phasen, etwa eine Krankheit, zu bewältigen».

Dies gelinge umso besser, wenn sich ein Kind nicht immer alleine sehe, sondern in seinem sozialen Umfeld, mit der Familie, den Freunden oder Nachbarn. «Solche Fotos vermitteln ein Wir-Gefühl», betont Peter Angst. «Bilderserien dagegen, auf denen ein Kind immer nur alleine ist, stimmen mich traurig.»

Ausserdem droht die Gefahr, dass sich der gesunde Elternstolz zum krankhaften Kinderkult wandelt, das Wohnzimmer zur «Hall of Fame» wird. «Immer im Rampenlicht zu stehen bedeutet Stress für ein Kind und führt über kurz oder lang zu Auffälligkeiten», sagt Angst. Die Kleinen könnten überaktiv werden und wollten ständig ins Zentrum drängen: «Wenn Eltern klagen, dass ihr Kind nichts mit anderen Kindern anfangen könne, deutet dies oft darauf hin, dass sie im Begriff sind, kleine Tyrannen und Egoisten zu züchten.»

Lieber Realität als Traumbild

Auch deshalb sollten sich Kinder wenn immer möglich in ihrer realen Umwelt sehen, und dies selbst schmutzig, fluchend, im Chaos versinkend. Stattdessen werden sie häufig als kleine Erwachsene abgebildet, ausstaffiert nach den Vorstellungen der Eltern mit Haargel und trendigen Kleidern. Videofilme dokumentieren nicht einfach die ersten Schritte des Sprösslings, sondern sind wie Kinofilme produziert.

Auch sonst geht oft die Verhältnismässigkeit verloren. Man organisiert keinen Kindergeburtstag für Gspäändli und Grosseltern, sondern Megapartys mit Zauberern, Clowns und 50 Gästen.

Kinder orientieren sich an den Haltungen und Werten ihrer Eltern. Deshalb, findet Peter Angst, «sollten sich Eltern weniger Gedanken darüber machen, wie ihre Kinder sein müssen, damit sie stolz auf sie sind». Viel wichtiger seien Gedanken darüber, was sie als Eltern vorleben könnten: «Am besten ist es, wenn Kinder auch auf ihre Eltern stolz sind.» Nur werden sie deswegen keine Bilder von Mama und Papa im Spielzimmer aufhängen.

Buchtipps

Peter Angst: «Verwöhnte Kinder fallen nicht vom Himmel»; Zytglogge-Verlag, 2003, 29 Franken

Hanne Tügel: «Kult ums Kind. Grosswerden in der Kaufrauschglitzercybergesellschaft»; Beck’sche Reihe, 1996, Fr. 15.90

Quelle: Archiv
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