Mitte April trafen sich die Schweizer Biobauern im Theatersaal Olten, um eine wegweisende Entscheidung zu treffen: Soll es in Zukunft UHT-Milch in Knospe-Qualität geben oder nicht? Vorausgegangen war eine jahrelange Diskussion. Denn beim Ultrahochtemperatur-Verfahren UHT wird die Milch auf 150 Grad erhitzt, um sie länger haltbar zu machen. Dabei werden alle Bakterien abgetötet und die Milcheiweisse viel stärker verändert als bei der Pasteurisation. In den Richtlinien von Bio Suisse, der Dachorganisation der Biobauern, steht aber klipp und klar: «Knospe-Produkte werden schonend hergestellt. Eine unnötige Verarbeitung ist unzulässig.»

Kritische Biobauern sprechen deshalb von toter Konservenmilch und argumentieren, dass mit dem UHT-Verfahren Grundsätze des Biolandbaus über Bord geworfen würden. Sie fragen sich: «Wieso soll ich meine Milch nach strengen Richtlinien produzieren, wenn die Qualität nachher kaputtgemacht wird?»

Doch die Befürworter haben ein starkes Argument: den Markt. Denn heute geht jeder zweite Liter Milch in UHT-Qualität über den Ladentisch. Bei Kaffeerahm und anderen Rahmsorten ist UHT längst Standard. Convenience, zu Deutsch Bequemlichkeit, ist bei den Konsumenten gefragt. Dank UHT-Verfahren liesse sich also mehr Biomilch absetzen. Nur eben: Ist es mit der Knospe zu vereinbaren?

Das Resultat an der Bio-Suisse-Generalversammlung war knapp: Die Bauern entschieden sich mit 70 zu 63 Stimmen für die UHT-Biomilch. Christof Dietler, Geschäftsführer von Bio Suisse, ist erleichtert: «Das war eine sozialpolitische Frage: Geht Bio zusammen mit Convenience?» Die Bauern haben entschieden: Es geht.

«Klar, dass es Bio Suisse freut», sagt Ex-Präsident Ernst Frischknecht, «sie steigert so ihre Lizenzeinnahmen.» Er beurteilt das Ganze kritisch: «Die Knospe war bis anhin das einzige europäische Label, das auch Vorschriften zur Verarbeitung der Produkte beinhaltete. Diesen Vorsprung gibt Bio Suisse jetzt ab.» Für Frischknecht ist UHT ein unnötiges Verfahren, das Biomilch zu einem ungesunden Produkt macht und das Vertrauen der Konsumenten in die Knospe schmälert.

Anzeige

Gefreut über den Entscheid hat sich Grossverteiler Coop, der Bio Suisse zu diesem Schritt angeregt hatte: Ab Herbst will er UHT-Biomilch verkaufen. Bereits heute macht Bioqualität bei Coop 43 Prozent des Milchabsatzes aus. Aber auch Gemüse, Eier und Brote in Bioqualität finden regen Zuspruch bei der Kundschaft.

Die Zahlen zeigen: Bio ist eine Erfolgsgeschichte. Seit 1998 schreibt der Bund in der Bioverordnung vor, was den Namen Bio verdient. Heute bewirtschaften schon über 6000 Bauern ihren Hof nach biologischen Richtlinien, Tendenz steigend. Der Verkauf von Bioprodukten wird noch in diesem Jahr die Milliardengrenze überschreiten.

Bio ist gut fürs Image
Zurückzuführen ist das rasante Umsatzwachstum auf den Verkauf von Bioprodukten durch Migros und Coop. Die beiden Grossverteiler machen heute zusammen knapp drei Viertel des Biogesamtumsatzes aus. Am meisten zum letztjährigen Wachstum beigetragen hat Coop, die ihre Bioprodukte mit dem Knospe-Label verkauft. Die Zuwachsrate von 26 Prozent lag weit über den Erwartungen.

«Der Erfolg beflügelt uns», sagt Coop-Pressesprecher Jörg Birnstiel. «Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht.» Coop setzt weiter auf Bio und betont das auch gern. Ein grosser Teil des Werbebudgets wird für die Naturaplan-Linie mit den rund 750 Knospe-Produkten eingesetzt. Dabei machen diese Produkte trotz hoher Zuwachsraten bis anhin gerade sechs Prozent des gesamten Food-Umsatzes aus.

Auch die Migros ist gross ins Biogeschäft eingestiegen und freut sich über die zweistellige Zuwachsrate beim Verkauf von Produkten mit dem hauseigenen Label Migros Bio. Bei Schweizer Erzeugnissen ist das Label der Knospe gleichwertig. Für importierte Produkte gilt die etwas weniger strenge EU-Bioverordnung.

Anzeige

Der Bioboom bei den Grossverteilern scheint dabei nicht auf Kosten der Pioniere zu gehen. Die Bioläden und die Bauern, die ihre Produkte selber vermarkten, können ihren Gesamtumsatz nach wie vor halten oder gar steigern.

Im internationalen Vergleich erreicht die Schweiz einen Spitzenwert. Rund 55 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizer kaufen Bioprodukte. Pro Kopf geben sie doppelt so viel dafür aus wie die Deutschen. Und die einheimischen Konsumenten sind bereit, für biologische Erzeugnisse tief in die Tasche zu greifen. Milchprodukte sind bis zu 15 Prozent teurer als konventionelle, Brote etwa 20 Prozent und Obst und Gemüse bis zu 50 Prozent. Bei Letzterem sind die Preise der beiden Grossverteiler etwa gleich hoch wie in Bio- oder Reformgeschäften.

Dafür erwarten die Konsumenten von Bionahrungsmitteln in erster Linie, dass sie gesünder sind und weniger Chemie enthalten als herkömmliche Produkte, wie eine repräsentative Umfrage ergab. Aber sind Bioprodukte tatsächlich gesünder? «Mein Bauch sagt ja», drückt sich Urs Niggli vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FibL) vorsichtig aus. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass Bioprodukte deutlich weniger Pestizidrückstände oder Verunreinigungen durch gentechnisches Material aufweisen. Weitere Studien weisen darauf hin, dass Bioprodukte mehr Nahrungsfasern und wertvolle Mineralstoffe enthalten als konventionelle. Doch die Versuchsreihen laufen noch nicht lange genug, um endgültige Schlüsse ziehen zu können.

Veränderte Essgewohnheiten
Auch die Behauptung, Bio schmecke besser, ist wissenschaftlich noch nicht bewiesen, obwohl einige Tests darauf hindeuten. In einer dreijährigen Studie hat das FibL Golden-Delicious-Äpfel aus Bio- und traditioneller Produktion miteinander verglichen. Bioäpfel schmeckten den Testessern signifikant besser. Und bei einem Geschmackstest der Fachstelle für Gemüse in der landwirtschaftlichen Schule Wülflingen ZH wurden Biorüebli bevorzugt.

Anzeige

Bei der UHT-Milch wird für den Kauf wohl nicht der bessere Geschmack ausschlaggebend sein, sondern die längere Haltbarkeit. Denn unsere Essgewohnheiten haben sich stark verändert. Man hat weniger Zeit zum Kochen, gebrauchsfertige Nahrung gehört zum Alltag – auch in Bioqualität. Allein im letzten Jahr hat Bio Suisse 854 Gesuche für neue Produkte bewilligt. Coop und Migros verkaufen heute Biospätzli, Biochips und Biofertigsaucen. Mit Erfolg: Die Biofertigpizza ist Marktleader bei den Frischpizzen von Coop.

Doch wo liegt der Unterschied? 95 Prozent der Inhaltsstoffe müssen biologisch sein. Zudem werden die Produkte nur in der frischsten Form verarbeitet, Farbstoffe und Konservierungsmittel fehlen, und Zusatzstoffe sind nur bedingt zugelassen. So enthält eine Biorahmsauce auch wirklich Rahm und nicht – wie sonst üblich – eine Mischung aus Magermilch, raffiniertem Palmfett, Wasser, Emulgatoren und noch einen Rest Rahm.

Vielen Biobauern gefällt die Erweiterung des Angebots. «Man darf die Bio-landwirtschaft nicht zum Dogma erklären. Sie muss sich an den neuen Ernährungsgewohnheiten orientieren», sagt Biobauer und Nationalrat Ruedi Baumann.

Johannes Pfenninger von Bioterra, der Schweizerischen Gesellschaft für biologischen Landbau, beobachtet den Bioboom und die rasante Entwicklung von Bio Suisse kritisch: «Der Druck der Grossverteiler wird steigen, weitere Verarbeitungsschritte zuzulassen. Bio Suisse muss aufpassen bei dieser Gratwanderung zwischen Convenience und Bio.»

Claudia Capaul, Präsidentin der Schweizer Bergheimat, passt die Tendenz zu Biofertignahrung nicht. «Es muss doch nicht jedes Produkt auch in Bioqualität geben. Bio heisst doch auch, bewusst auf gewisse Nahrung zu verzichten», sagt die Vertreterin der Biobergbauern. «Die Knospe wird unglaubwürdig mit Convenience-Produkten.»

Anzeige

Sie versteht auch nicht, dass im Winter Biotomaten von den Kanarischen Inseln in den Verkaufsregalen liegen müssen. Jacqueline Bachmann von der Stiftung für Konsumentenschutz sieht das nicht so eng: «Wieso soll man Bioprodukte nicht den Konsumgewohnheiten anpassen? Für den Aufpreis gibt es einen ökologischen Mehrwert, der sich auch auf die Verarbeitungsschritte, Transporte und Verpackungen erstreckt.» Tatsächlich sind Transporte mit dem Flugzeug bei allen Biolabels verboten. Man darf deshalb davon ausgehen, dass die kanarischen Biotomaten per Schiff und Strasse in die Schweiz gekommen sind.

Hinter den Import von Bioprodukten setzen Kritiker generell ein Fragezeichen. Wie zuverlässig werden die ausländischen Produktionsstätten kontrolliert? Wie wird sichergestellt, dass der Biorohstoff beim Transport und bei der Verarbeitung nicht mit konventionellem vermischt wird?

Pannen gibt es schliesslich immer wieder: So sorgten im Sommer 2000 Pestizidrückstände in Schweizer Bioweinen für Aufregung. Biotrauben und konventionelle Trauben waren in den gleichen Abfüllanlagen verarbeitet worden. Und im Winter 2001 wurde Labeltieren verbotenes Sojaschrot mit einem erhöhten Gentech-Anteil verfüttert, weil sich ein Labor bei der Deklaration geirrt hatte.

Bei importierten Waren geht Bio Suisse heute schon Kompromisse ein.

«Wir können bei Bioprodukten keine hundertprozentige Gentech-Freiheit mehr garantieren wegen der unvermeidbaren Verunreinigungen», sagt Geschäftsführer Christof Dietler. Albert Lehmann, grösster Hersteller von Biofuttermittel, beurteilt das strenger: «Bei der Verarbeitung und dem Transport sind Berührungen mit Tiermehlen, Medikamenten und gentechnisch veränderten Produkten sehr gut möglich, wenn in denselben Anlagen Bio- und konventionelle Produkte verarbeitet werden. Dies hat das FibL mit Studien belegt. Skandale sind programmiert.»

Anzeige

Lehmann hat deshalb zusammen mit anderen Produzenten die Marke Bio-Exklusiv gegründet, die die reine Bioproduktion bedingt. «Bio Suisse schreibt für die Verarbeitungsbetriebe nur Minimalanforderungen vor. Wir gehen mit den Qualitätsansprüchen zugunsten einer reinen Bioproduktion wesentlich weiter. Nur getrennte Warenflüsse garantieren eine reine Bioqualität.»

Biofleisch hat Absatzprobleme
Auch Demeter ist ein Label, das weiter geht als Migros Bio oder die Knospe. «UHT-Milch kommt für uns nicht in Frage», sagt Christian Butscher vom Verein für biologisch-dynamische Landwirtschaft (Demeter). Im Moment verhandelt er mit den Grossverteilern über die Einführung von nicht homogenisierter Demeter-Milch, die vor Gebrauch geschüttelt oder entrahmt werden muss.

Christof Dietler von Bio Suisse hat keine Angst vor einer Verwässerung der Biorichtlinien: «Wir wollen zusammen mit den Konsumenten wachsen und die Grenzen sorgfältig ausloten.» Seine Vision ist das Bioland Schweiz. «Eine Verdopplung des Umsatzes liegt sicher noch drin.»

Das nächste Ziel von Bio Suisse ist jetzt, den Absatz von Biofleisch zu fördern. Denn mit einem Marktanteil von 1,5 Prozent ist sein Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft. In erster Linie mangelt es an Verkaufsstellen. So ist Biofleisch in Metzgereien kaum zu finden. «Für Kleinbetriebe ist die Kontrolle zu aufwändig», erklärt Balz Horber vom Metzgermeisterverband das Zögern der Metzger.

Doch auch bei den Grossverteilern findet Biofleisch keinen reissenden Absatz. «Vielleicht ist einigen der Preis zu hoch», sagt Fausta Borsani, Projektleiterin Ethik und Umwelt bei der Migros. Christof Dietler nennt einen weiteren Grund: «Die Konkurrenz durch andere Nicht-Biolabels ist gross.» Wobei er klarstellt, dass Gütesiegel wie Natura-Beef sich nur auf die Tierhaltung bezögen. Biofleisch hingegen stammt von Tieren, die zusätzlich mit Biofutter aufgezogen würden.

Anzeige

Coop geht jetzt in die Offensive: Ab Herbst deklariert der Grossverteiler Biofleisch mit der Knospe und verkauft es mit Aufpreis. Zusätzlich wird die Anzahl der Verkaufsstellen für Biofleisch laufend erhöht. Ziel: Jedes 20. verkaufte Rindsplätzli soll ein biologisches sein.

Mitarbeit: Martin Müller