Wer ausser Haus arbeitet, isst im Tram, im Zug, im Stehen und im Gehen, vor laufendem Bildschirm oder über die Zeitung gebeugt am Arbeitsplatz. Manche gehen über Mittag ins Restaurant, zum Take-away oder besuchen die Betriebskantine. Nur noch wenige Berufstätige verbringen ihre Mittagspause zu Hause am Familientisch. Das Mittagessen soll vor allem rasch über die Bühne gehen, und kosten darf es auch nicht viel. Dieser Sittenwandel hat schwerwiegende Konsequenzen: Trotz Lightprodukten und Fitnessboom sind mehr als ein Drittel aller Schweizerinnen und Schweizer übergewichtig. Und mehr als die Hälfte empfinden ihre Essgewohnheiten im Arbeitsalltag als wenig bis gar nicht befriedigend.

Kathrin Huser ist eine von ihnen. Die 47-Jährige schleppt seit Jahren ein paar Kilos zu viel mit sich herum. «Obwohl ich eigentlich gar nicht so viel esse», beteuert die Treuhänderin. Weil Huser in einem Kleinbetrieb arbeitet, will sie ihre Mittagspause nicht allein im Restaurant verbringen. So liest sie am Bürotisch die Zeitung, verdrückt einen Becher Quark und spült mit viel Kaffee ein Eingeklemmtes hinunter. Kommt sie Stunden später nach Hause, fühlt sie sich ausgelaugt und müde.

Das Problem: Huser isst nicht zu viel, sondern zu wenig. «Unsere innere Uhr ist nicht auf einen kleinen Snack am Mittag programmiert», sagt Barbara Fendrich. Die Luzernerin ist Naturheilpraktikerin für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Ernährungsfragen. Viele Berufstätige würden wie Kathrin Huser über Mittag zu wenig oder zu viel vom Falschen essen. «Vor allem junge Frauen achten auf die Kalorien und bestellen sich über Mittag einen Salatteller», erklärt die Ernährungsspezialistin.

Doch Rohkost ist nicht einfach verdaulich. Sie liefert auch wenig Wärme und deckt nicht den gesamten Nährstoffbedarf. Aber gerade das Hirn braucht Kohlenhydrate, um einwandfrei zu funktionieren. Die Folge: Zwei Stunden nach dem Essen kommt bereits wieder das erste Hungergefühl auf, und die Leistung lässt spürbar nach. Wer dann zu Süssem statt zu Vollkornprodukten oder Früchten greift, regt den Appetit auf Zuckerhaltiges nur noch mehr an.

Wenn der Rhythmus nicht stimmt

Die Hauptschuld an schlechten Essgewohnheiten und Übergewicht trägt laut Barbara Fendrich eindeutig der allgemeine Zeitmangel: Weil alles schnell gehen muss, verzichten viele auf ein nahrhaftes Frühstück. Dabei liefert gerade ein «Zmorge» aus Vollkornprodukten, Nature-Joghurt, Käse und Früchten die dringend benötigte Energie für den Tag.

Die überschüssigen Pfunde vieler Menschen rühren also häufig nicht von zu vielen Kalorien her, sondern von einem ungünstigen Ernährungsrhythmus: Wie die meisten Berufstätigen nimmt Kathrin Huser ihre einzige warme und nahrhafte Mahlzeit nach einem anstrengenden Arbeitstag am Abend ein. Für den Stoffwechsel eine Katastrophe, denn während der Nacht arbeitet die Verdauung auf Sparflamme. Die Kalorien wandern – in Zucker umgewandelt – direkt in die körpereigenen Fettdepots. Nach einem opulenten Abendessen hat Huser zudem nach dem Aufstehen noch keinen Hunger. Das grosse Zuckerloch macht sich dann im Verlauf des Vormittags in Form von Lust auf Süsses bemerkbar. Ein Teufelskreis!

«Wer sich gesund ernähren möchte und leistungsfähig sein will, sollte auf keinen Fall auf das Frühstück verzichten», rät Ernährungsspezialistin Fendrich. «Beim Mittagessen sollte man sich genussvoll satt essen.» Sie empfiehlt ein leichtes, aber komplettes Menü. Dazu gehören etwas Kohlenhydrate, Eiweiss (am besten gegrilltes Geflügel, Tofu oder Fisch), Salat oder Gemüse. Eine Suppe als Vorspeise wärmt und regt die Verdauung an.

Das Prinzip «Lust und Laune»

Thomas Hegglin machts richtig, denn er hört auf seinen Bauch: Der 39-jährige Kommunikationsfachmann weiss das breite Angebot rund um den Zürcher Hauptbahnhof gesundheitsfördernd zu nutzen. Je nach Lust und Laune stellt er sich beim Thai-Imbiss an oder schöpft sich am Salat- und Gemüsebuffet im Restaurant einen bunten Teller zusammen. Gewichtsprobleme kennt Hegglin nicht – obwohl er weder Kalorien zählt noch auf gewisse Nahrungsmittel verzichtet. Abwechslung und Lust am Essen seien ihm wichtig, betont er. Und: «Ich mache eine bewusste Essenspause und achte auf kleine Portionen. Dafür gönne ich mir hin und wieder ein Stück Schokolade.» So einfach ist das.

Buchtipp

Erica Bänziger, Sonia Goretzki, Ole Petersen: «Fit im Job. Frische Rezepte für den beruflichen Alltag»; Edition Fona, 2002, 112 Seiten, Fr. 29.90

Quelle: Agentur Gettyimages
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