Seth Abderhalden aus Luzern liebt Steaks und Entrecôtes, «am liebsten saignant», und zum Frühstück Rührei mit Speck. Auch Schokoriegel stehen ganz oben auf seinem Speisezettel, Früchte dagegen weit unten.

Ganz anders seine Partnerin Iris Hausheer: Sie isst mit Vorliebe Gemüse, Früchte, Salat und zum Frühstück Birchermüesli. «Ich mag den Anblick von rohem Fleisch nicht und habe Angst vor Fleischskandalen», erklärt sie ihre vegetarische Neigung.

«So klischeehaft es tönt, aber das Essverhalten dieses jungen Paars ist absolut typisch für die Mehrheit der Frauen und Männer», sagt der deutsche Soziologe und Sportmediziner Jörg Zittlau. Frauen stehen auf Pflanzliches, und Männer mögens blutig. In einer Studie bei Mittelschülern in St. Gallen wurde die Frage «Essen Sie Gerichte ohne Fleisch?» von einem Drittel der 15- bis 18-jährigen Mädchen mit Ja beantwortet. Aber nur drei von 100 befragten Jungen gaben an, fleischlos zu essen.

Augenfällig sind die klassischen Geschlechterrollen beim Grillieren: Während er – normalerweise ein absoluter Küchenmuffel – draussen mit der Grillzange hantiert, kümmert sie sich drinnen um die Salate. Männer essen nicht nur gern Fleisch, sie fühlen sich auch verantwortlich für die Zubereitung der «Beute». «Der einstige Meister des Fleisches und Feuers ist Jäger geblieben, auch wenn er heute im Büro arbeitet», bringt es Zittlau auf den Punkt.

Fleisch – der Inbegriff von Stärke?


Dabei haben Männer und Frauen in etwa den gleich hohen Eiweissbedarf, Schwangere brauchen sogar doppelt so viel. «Zudem haben Frauen einen höheren Eisenbedarf als Männer, weil sie durch die Menstruation regelmässig Blut verlieren», sagt die ernährungspsychologische Beraterin Heike Hinsen-Isler aus Thun. Während bei Männern Eisenmangel selten vorkommt, leiden viele junge Frauen darunter – eigentlich sollten sie das grössere Stück Fleisch verzehren, denn Eisen aus Fleisch wird besonders gut vom Körper aufgenommen.

Aber nichts da. Egal, ob Rinderwahnsinn, Warnung vor dem Cholesterin oder ständiges Baucheinziehen – weder durch ökologische, medizinische oder optische Argumente lassen sich die Herren der Schöpfung in ihrer Fleischeslust bremsen. Der Grund liege im Unterbewusstsein und der Überlieferung, sagt Zittlau. «Männer erhoffen sich, dass die Stärke des erlegten Tieres beim Essen auf sie übergeht.»

Wie zu Beginn der Menschheitsgeschichte. Das Sammeln und Zubereiten von Wurzeln, Kräutern und Beeren war Aufgabe der Frauen. Die essen noch heute rund einen Viertel mehr Gemüse pro Tag, während jeder vierte Mann gemäss Bundesamt für Statistik regelmässig dankend auf Gemüse, Obst und Salat verzichtet.

Trotzdem ist bei den Frauen ernährungstechnisch bei weitem nicht alles in Butter. «Weit schlimmer als die Unterschiede beim Essen von Fleisch oder Gemüse ist die ständige Unzufriedenheit der Frauen mit ihrem Körper», sagt Ernährungsberaterin Hinsen-Isler. Das gilt besonders bei der jungen Generation. Ältere Frauen geniessen das Essen mehr, während junge Frauen Gemüse statt stärkereiche Beilagen auf den Teller häufen und Fruchtsalat zum Dessert nehmen. Hauptsache, das Essen ist leicht verdaulich, kalorienarm und kein Grund für ein schlechtes Gewissen.

Geschlechterannäherung auf Indisch


Doch was führt zur kulinarischen Versöhnung von Frau und Mann? Seth und Iris wussten es wohl intuitiv: Ihr erstes Rendezvous führte sie in ein indisches Restaurant, wo Pflanzen- und Fleischesser gleichermassen auf ihre Kosten kommen. «Wer lediglich ihm eine Gaumenfreude machen will, hat leichtes Spiel und kocht die Lieblingsgerichte aus seiner Kindheit», empfiehlt Soziologe Zittlau. Männer essen halt gern, was sie schon lange kennen. Sei es nach dem Rezept aus Mutters Küche oder nach Art der Feuerstelle im Neandertal.

Buchtipps

  • Jörg Zittlau: «Frauen essen anders, Männer auch»; Ullstein-Taschenbuch, 2004, Fr. 14.80
  • Michael Klonovsky, Uli Martin: «Welcher Wein zu welcher Frau? Ein politisch unkorrekter Ratgeber»; Gräfe und Unzer, 2001, Fr. 31.70
  • Heike Hinsen-Isler: «Wege zum Wohlfühlgewicht. Ernährungs-Psychologie für den Alltag»; Zytglogge, 2003, 38 Franken
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