Als Treffpunkt ist der ICN 1529 von Zürich nach St. Gallen ausgemacht. «Er wird Sie im Speisewagen erwarten», hat die Pressesprecherin geschrieben - selbstverständlich unter dem Vorbehalt, dass sich das Programm nicht ändere. Das Programm hat sich geändert. Martin Kallen steht schon eine halbe Stunde vor der Abfahrt in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofs. Statt einen ungestörten Morgen im Büro zu verbringen, ist er früher aufgebrochen und hat unterwegs noch eine Delegation aus der Ukraine getroffen. Nun geht es nach St. Gallen, zum Werbeclub Ostschweiz für ein Referat. Bis dorthin hat - nimmt sich - der Chief Operation Officer der Euro 2008 Zeit für Journalistenfragen.

Beobachter: Herr Kallen, an der WM 2006 in Deutschland feierte ein ganzes Land vier Wochen lang Party. Sie haben hohe Vorgaben für die Euro 08 in der Schweiz und in Österreich.
Martin Kallen: Richtig, die Messlatte liegt hoch. Entsprechend stark wird unser Event beachtet. Über die Eishockey-WM 2009, die ebenfalls in der Schweiz stattfindet, erscheint kaum je ein Zeitungsbericht.

Beobachter:Sie sagen also, dass man die Euro 08 zu wichtig nimmt?
Kallen: Manchmal wird etwas sehr viel Polemik gemacht, ja.

Beobachter: Das Thema berührt halt die Leute.
Kallen: Klar, und das ist für uns von der Uefa auch positiv. Aber eigentlich haben wir als Organisatoren ja nur die Aufgabe, 31 Fussballspiele zu planen und durchzuführen. Doch heute müssen wir uns auch um Themen wie Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Markenschutz und so weiter kümmern. Das Ganze hat grosse Dimensionen angenommen.
Es dauert keine fünf Minuten, bis sich Fussballfunktionär Kallen rhetorisch warmgelaufen hat. Die Uefa als mächtige Organisation, die viel Geld umsetzt und überall bestimmt, wo es langgeht? Martin Kallen hat nur auf das Stichwort gewartet: David gegen Goliath, das mache sich halt immer gut, sagt er. Es sei einfach, gegen die angeblichen Fussballbonzen zu wettern, «die am Genfersee sitzen und Geld scheffeln». Die Uefa habe in den Stadien das Sagen, sonst nirgends. Nirgends? Irgendwann später am Abend - die Rede ist gerade von Ambush Marketing, also unerlaubter Werbung mit der geschützten Marke «Euro 2008» - wird Kallen die Kopie einer Zeitungsseite hervorkramen, ein Inserat der Stadt Genf mit einem der Uefa nicht genehmen Logo: «So geht das ja wohl nicht.»

Martin Kallen, der Euro-Manager. Am Blackberry, den er nie wollte und dem er heute nach eigenen Worten verfallen ist, beantwortet der 44-Jährige Anruf um Anruf, E-Mails schaut er bestenfalls kurz an. «Ich hasse E-Mails», sagt er. «Die meisten Leute brauchen sie nur, um Arbeit abzuschaufeln.» Viel mehr als «yes», «no» oder «ok» stehe kaum einmal in seinen Antworten. Der Blackberry, diese Mischung aus Handy, Agenda und Mail-Empfänger, ist die einzige technische Konzession an den Habitus des Managers, einen Laptop hat Kallen nicht dabei. Stattdessen zieht er aus der leicht zerknitterten Nylontasche mit dem Aufdruck «Uefa Euro 2008 Austria-Switzerland» Mäppchen um Mäppchen, die er im Zug durchgearbeitet hat: Risikoanalyse («Da steht vieles drin, von dem wir alle hoffen, dass es nie eintritt»), Personalbriefing, eine Zusammenstellung über Marketingaktivitäten an den grossen Fussballturnieren der letzten Jahre.

Die Euro 2008 wird Kallens vierte EM, nach Portugal 2004 die zweite als OK-Chef. In Sachen Fussball-Grossanlässe hört der leicht rundliche Mann mit der randlosen Brille buchstäblich das Gras wachsen.

Beobachter: Wir Schweizer neigen zum Stänkern. Nicht wenige stellen sich die Frage, was wir überhaupt von der Euro haben werden.
Kallen: Wenn man das Turnier schon hat - entweder macht man etwas daraus, oder man lässt es bleiben. Für die Uefa macht das eigentlich keinen grossen Unterschied - für uns ist wichtig, dass wir unsere Arbeit gut machen. Wobei ich als Schweizer schon finde: Die Euro ist eine einmalige Chance, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Beobachter: In der Schweiz gibt es viele Leute, die sich über die Euro aufregen.
Kallen: Mag sein, doch dagegen können wir wenig tun.

Beobachter: Das ist genau die Arroganz, die der Uefa nachgesagt wird.
Kallen: Das hat doch nichts mit Arroganz zu tun! Es können auch nicht alle etwas mit Kultur anfangen und bezahlen über ihre Steuern trotzdem jährlich einen Beitrag an sie. Da reklamiert auch niemand. Wir bringen einen Zirkus...

Beobachter: ...zu dem aber nicht alle eingeladen sind.
Kallen: Auch für den Zirkus brauchts Tickets.

Beobachter: Womit wir beim Thema wären: Was erzählen wir unseren Kindern, warum sie nicht an die Fussballspiele können, die direkt vor ihrer Haustür stattfinden?
Kallen: Das Ticketing ist ein grosses Problem für uns. Wir haben eine Million Eintrittskarten für die 31 Matches, etwas mehr als die Hälfte werden in Österreich verkauft, weil sie dort ein 50'000er-Stadion und ein Spiel mehr haben. Wir hatten über zehn Millionen Anfragen für die ersten 300'000 Tickets, allein in der ersten Tranche für das allgemeine Publikum, also für uns.

Beobachter: Wohl eher: für uns zwei vom Beobachter.
Kallen: Ich selber habe auch nicht Tickets im Überfluss, das hat nicht einmal Bundesrat Schmid. Da ist alles reglementiert. Selbst der Präsident hat nur sechs Tickets pro Match.

Beobachter: Zurück zu unseren Kindern - die müssen also die Tickets auf dem Schwarzmarkt im Internet besorgen.
Kallen: Faktisch läuft es darauf hinaus. Wir bekämpfen zwar den Schwarzmarkt, wo immer wir können, aber hundertprozentig unterbinden kann man das nicht - dafür sind die Dimensionen schlicht zu gross. Immerhin: Bis heute haben wir bereits 20'000 zweifelhafte Ticketbestellungen storniert.

Kallen, der König. Mit den Grossen in Österreich und der Schweiz ist Martin Kallen, der ehemalige Bahnbetriebsdisponent aus Frutigen, per du oder mindestens auf Augenhöhe. Beiläufig lässt er Namen fallen wie: «der Gusenbauer» (Alfred Gusenbauer, Österreichs Bundeskanzler), «der Schmid» (Bundesrat Samuel Schmid), «der Ralph» (Zloczower, Präsident des Schweizerischen Fussballverbands), «der Beppo» (gemeint ist Benedikt Weibel, Delegierter des Bundesrats für die EM). Nur bei einem verbietet die Ehrfurcht das Du: Michel Platini, ehemaliger Fussballstar und seit einem halben Jahr Uefa-Chef, ist schlicht «der Präsident».

Der umtriebige 44-Jährige geniesst die Aufmerksamkeit, die sein Amt mit sich bringt. Selbst wenn Kallen gelegentlich in den Medien angegriffen wird - sein Image sei okay, findet er: «Ich gelte als bodenständiger Typ, korrekt, ruhig.» Nicht zuletzt ist es der leichte Singsang seines Berner Oberländer Dialekts, der ihm Sympathiepunkte einträgt - der Ogi-Effekt. Im Zug nach St. Gallen lässt er sich geduldig fotografieren, kokettiert: «Die Leute werden auch meinen, ich sei ein ganz Wichtiger.» Sein Licht unter den Scheffel zu stellen ist jedoch nicht seine Art: «Ich habe einen Projektleiter, der hat den allgemeinen Überblick.» - «Und Sie?» - «Ich kenne jedes Projekt bis ins Detail.»

Ankunft in St. Gallen um 17.15 Uhr. Das Programm gerät ins Stocken. Die Frau, die Kallen abholen soll, ist nirgends zu sehen. Kallen gibt sich betont locker, klingt aber zunehmend gereizt. Schliesslich taucht die temporäre Chauffeuse doch noch auf, und der Uefa-Manager, der in einem Interview «Schauspieler» als Traumberuf angegeben hat, wechselt blitzschnell die Rolle - vom verärgert Wartenden zum beflissenen Charmeur. Das Referat vor den Mitgliedern des Werbeclubs Ostschweiz findet im gediegenen Auditorium einer Softwarefirma statt. 20 bis 30 solche Vorträge könnte er pro Monat halten - nur selten sagt er zu. Das heutige Treffen wurde von der UBS organisiert - «ÜBS», wie Kallen sagt. Und einem Hauptsponsor gibt man nicht leichtfertig einen Korb.

Der EM-Macher lädt die Präsentation auf den bereitgestellten Computer, blättert noch einmal kurz die ausgedruckten Folien durch. «50 Minuten, etwas lang, das Ganze», hat er am Nachmittag noch gesagt: «Ich weiss gar nicht, was ich da eigentlich erzählen soll.» Und ob er es weiss. Wie auf Knopfdruck spult er den Vortrag ohne Manuskript herunter. Er wechselt von Folie zu Folie, streut hier eine Anekdote ein, erwähnt da eine Zahl, von der er sicher sein kann, dass sie dem Publikum imponiert («Wir rechnen mit 34'000 Stunden Berichterstattung in den elektronischen Medien»).

Nach exakt 50 Minuten und einer kurzen Fragerunde ist auch dieser Termin abgehakt. Beim Ausgang verteilt ein UBS-Mann grüne Armbänder mit den Logos der Bank und der Euro und spricht von «Euphorie», die man damit transportieren wolle. Kallen streift sich den Bändel schicksalsergeben über das linke Handgelenk und verabschiedet sich. Die nachfolgende Zugfahrt durch die Nacht bietet Gelegenheit für ein paar grundsätzliche Fragen.

Beobachter: Machen Sie Ihren Job eigentlich gern?
Kallen: Klar, ich liebe Herausforderungen.

Beobachter:Machen Sie sich manchmal Sorgen, dass etwas schiefgeht?
Kallen: Nein, eigentlich nicht. Weshalb sollte ich?

Beobachter: Welches sind denn bei der Euro 2008 im Moment die grössten Baustellen?
Kallen: Keine, oder höchstens einige Details, die noch nicht passen. Aber es kann morgen plötzlich eine grosse Baustelle auftreten. Solange man nur auf Papier arbeitet, ist das kein Problem, an Konzepten und Plänen kann man stets etwas ändern - kommt man in die Umsetzungsphase, tuts weh.

Beobachter: Wir haben den Eindruck, dass Sie sich persönlich um sehr viel kümmern.
Kallen: Stimmt, das wirft man mir manchmal auch vor. Natürlich habe ich gute Leute, die für mich arbeiten. Aber gewisse Dinge sind nun mal Chefsache.

Die Auslosung der Gruppen in Luzern von Anfang Dezember etwa. An diesem Morgen hat Kallen erfahren, dass Bundeskanzler Alfred Gusenbauer eine Pressekonferenz abhalten will. «Und wenn der Gusi eine Pressekonferenz will, dann bekommt er sie auch.» Überhaupt, die Politiker: «Da kümmere ich mich persönlich drum. Wenn es dort nicht hundertprozentig klappt, wenn einer keinen Parkplatz hat oder das Protokoll nicht eingehalten wird, dann habe ich ein Problem.»

Im Zug nach Bern trifft Kallen dann prompt einen Politiker, wenn auch keinen der ganz Grossen. Adrian Amstutz, SVP-Nationalrat und wie Kallen Berner Oberländer, sitzt im Speisewagen. Es ist ein Treffen unter alten Bekannten: «Gratuliere noch zu deinem Wahlresultat», begrüsst ihn Kallen, und Amstutz strahlt. «Hast du schon gehört? 0:2 für Kroatien», sagt Amstutz. Es ist der Abend, an dem die letzten Entscheidungen über die Teilnehmer an der Euro 08 fallen, und Kallen hat am Zwischenstand aus dem Wembley-Stadion keine Freude: «England wäre gut, die gehören irgendwie einfach dazu.» Und spülen eine Menge Geld aus TV-Rechten in die Kasse, wäre anzufügen. Das Handy vibriert erneut, der Pressechef ist dran: nur noch 1:2, ein paar Minuten später 2:2, damit wäre England qualifiziert. Kallen triumphiert, Amstutz, der die englischen Hooligans fürchtet, ist weniger begeistert. Wieder vibriert das Handy: «3:2 für Kroatien? Mach mich nicht fertig!» Und zu Amstutz: «3:2, England ist draussen.» Amstutz grinst.

Beobachter: Sind Sie eigentlich immer erreichbar?
Kallen: Rund um die Uhr. Aber nach zwei Uhr morgens ruft mich keiner mehr an.

Beobachter: Und das seit sieben Jahren - schlägt das nicht auf die Gesundheit?
Kallen: Ich hatte eine Rheumageschichte und bin übergewichtig, aber sonst ist da nichts.

Beobachter: Und wie lange machen Sie diesen Job noch?
Kallen: Bis im Sommer, dann sehen wir weiter.

Beobachter: Freuen Sie sich denn auf den Moment, wenn die Euro 2008 vorbei ist?
Kallen: Ich geniesse es jetzt noch bis dorthin.

Beobachter: Auch wenn Sie Niederlagen kassieren?
Kallen: Ich kassiere fast täglich die eine oder andere, aber das haut mich nicht um.

Beobachter: Und wie gehen Sie damit um?
Kallen: Verkraften, daran arbeiten, wieder herauskommen. So geht das.

Es ist Punkt 23 Uhr, als der Zug in Bern einfährt, und der letzte Termin des Tages steht noch an: ein Telefoninterview mit einem Radio. Martin Kallen übernachtet im Hotel, die Heimfahrt an den Genfersee lohnt sich nicht. Die nächste Sitzung beginnt am nächsten Morgen um 7.30 Uhr.

Vom FC Frutigen zur Uefa

Der Berner Oberländer Martin Kallen, 44, ist seit 2002 Chief Operating Officer bei der Euro 2008 SA, einer Tochterfirma des europäischen Fussballverbands (Uefa). Sein Werdegang ist untypisch für einen Manager mit einem 600-Millionen-Budget und 450 Angestellten: Ursprünglich Bahnbetriebsdisponent bei der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn, absolvierte er die Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule und war danach als Product Manager tätig, bevor er 1994 zur Uefa stiess. Die Euro 08, die am 7. Juni 2008 in Basel beginnt, ist nach Portugal 2004 die zweite EM, für die der YB-Fan als Cheforganisator die Verantwortung trägt. Kallens eigene fussballerische Karriere beschränkte sich auf einige Juniorenjahre beim FC Frutigen. Er ist verheiratet und lebt in Luins VD.

Anzeige