Das Schreiben, das die 260’000 Kunden der Stadtzürcher Elektrizitätswerke (EWZ) in den letzten Wochen erhalten haben, klingt gut: Der Strom sei künftig ökologisch hochwertiger, der Preis bleibe aber «praktisch gleich».

Wer genauer nachrechnet, merkt aber, dass das EWZ die Wahrheit schönt. Vor allem wer bisher sparsam mit Strom umging und pro Jahr weniger als 2’000 Kilowattstunden bezog, zahlt ab Anfang Oktober mehr. Das liegt daran, dass der bisher nach Verbrauch gestaffelte Tarif vereinheitlicht wird. Für einen Kleinhaushalt bedeutet das eine Mehrbelastung von bis zu zehn Prozent.

EWZ-Sprecherin Jacqueline Verjee betont, dass die Zürcher Stromtarife so oder so günstiger seien als im schweizerischen Durchschnitt. Bei einem Jahresgewinn von nicht weniger als 59 Millionen Franken sollte das aber auch problemlos möglich sein.

Dreist ist der Trick bei der Stromwahl. Neu können die Kunden wählen, ob sie Strom aus Atom-, aus Wasser- oder aus Solarkraftwerken beziehen wollen. Wer auf das EWZ-Schreiben nicht reagiert, erhält aber automatisch den «Naturpower»-Strom aus Wasserkraft und nicht den billigeren Atomstrom.

Der Zweck heiligt die Mittel nicht

Die Preisdifferenz von einem halben Rappen pro Kilowattstunde sieht auf den ersten Blick klein aus, läppert sich aber zusammen: für einen durchschnittlichen Zwei-Zimmer-Haushalt auf 66 Franken pro Jahr, bei einer Vier-Zimmer-Wohnung auf 114 Franken.

In der Privatwirtschaft wäre dieses Vorgehen nicht zulässig, weil aus Stillschweigen kein Vertrag abgeleitet werden kann. Das EWZ argumentiert, das Stadtzürcher Parlament habe den neuen Tarif abgesegnet - aus politischen Gründen, weil erneuerbare Energien gefördert werden sollen. Das ist zwar löblich, sollte aber ohne Manipulation der Kunden geschehen.

Korrigendum
Für diesen Artikel lieferten die Elektrizitätswerke (EWZ) Zahlen, die sich als falsch erwiesen. Korrekt beträgt die Preisdifferenz zwischen Atom- und Wasserstrom laut EWZ-Berechnungen für einen durchschnittlichen Zwei-Zimmer-Haushalt Fr. 7.50 pro Jahr, für eine Vier-Zimmer-Wohnung Fr. 13.50. Wir bedauern den Fehler.

Quelle: Archiv
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