50 Jahre Schweizer Fernsehen? Nicht nur zeitlich, auch emotional ist die Distanz zu jenem 20. Juli 1953 gross, als hierzulande TV-Geschichte geschrieben wurde: Der Blick in die Röhre ist heute so selbstverständlich wie der Morgenkaffee, Dutzende von Sendern aus aller Welt stehen rund um die Uhr zur Verfügung, nackte Haut gehört zum Programmalltag und selbst politisch Brisantes erschreckt kaum mehr.

Ganz anders war das in den Anfangsjahren des Fernsehens. Als Mitte der fünfziger Jahre die ersten Bilder über die Schweizer Schirme flimmerten, kamen neben Freude bald auch Ängste auf. Politik und Verwaltung befürchteten, das «staatstragende» neue Medium könnte von der Linken zur Manipulation missbraucht werden. Wenn man in Bundesbern Missbrauch witterte, griff sogar der Bundesrat ein. «Es kam in jenen Jahren ab und zu vor, dass uns der zuständige Departementsvorsteher direkt anrief und zusammenstauchte», sagt TV-Direktor Peter Schellenberg, damals als Jungjournalist beim Fernsehen DRS tätig. Wie grotesk diese Ängste aus heutiger Sicht wirken, zeigt ein Blick ins Archiv.

«Schädliches» Brecht-Stück

Ein emsiger Fernsehzuschauer in der Frühzeit des Mediums war der Jurist Armin Riesen, Generalsekretär im Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement und rechte Hand des damaligen Bundesrats Ludwig von Moos, der am äussersten Rand des katholischen Konservatismus politisierte. Riesens Aktennotizen zu missliebigen Fernsehsendungen machen einen beträchtlichen Teil eines Dossiers im Bundesarchiv Bern aus: «Fernsehen: Entgleisungen und kommunistische Einflüsse» heisst unmissverständlich sein Titel.

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Solche Einflüsse ortete Riesen Anfang der sechziger Jahre vor allem im Westschweizer Radio aber nicht nur: «Unerfreulich sind leider auch gewisse Tendenzen im schweizerischen Fernsehen», schrieb er in einem längeren Bericht.

Gemeint war damit die Ausstrahlung von Bertolt Brechts Stück «Galilei», eine Aufführung, die das Fernsehen DRS aus Deutschland übernommen hatte. «Wenn es schon problematisch erscheint, diesen Autor einem avisierten und zahlenmässig relativ beschränkten Theaterpublikum zu zeigen, wie viel schädlicher kann die Wirkung auf das breite Fernsehpublikum sein, das wohl zum grössten Teil über die politischen Tendenzen des Demagogen Brecht gar nicht im Bild ist», kritisiert Riesen und zitiert den damaligen Berner Theaterdirektor Walter Oberer: «Es kann nicht Aufgabe eines von der öffentlichen Hand subventionierten Kulturinstituts sein, einen Repräsentanten des kommunistischen Terrorsystems zu unterstützen.»

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Ärgerlich fand Riesen auch die Anlage einer Sendung zu den englischen Wahlen 1966. Bei dieser schweizerisch-österreichischen Gemeinschaftsproduktion hätten unter der Leitung von Hans O. Staub Journalisten aus verschiedenen Ländern die Wahlen kommentieren sollen, darunter auch zwei aus dem Ostblock.

Die Bundesanwaltschaft hatte dagegen nichts einzuwenden. Doch Riesen monierte in einer Notiz an Bundesrat von Moos: «Erfolgt durch die geplante Sendung nicht in gewisser Hinsicht eine Einmischung in englische politische Fragen? Was würden wir sagen, wenn in einer Sendung über Schweizer Wahlen sich kommunistische Journalisten aus Oststaaten ebenfalls über unsere innenpolitischen Verhältnisse äussern würden?» Riesen empfahl seinem Chef, «dieses Problem» im Bundesrat zur Sprache zu bringen.

«Rotes Nest» im Genfer Studio

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1968 wurde Riesen durch eine Warnung des Genfer Staatsrats Henri Schmitt aufgeschreckt, dass das Genfer TV-Studio «stark mit kommunistischen bzw. kommunistenfreundlichen Elementen durchsetzt sei». So werde etwa der Politiker Jean Vincent von der Partei der Arbeit sehr oft für Sendungen beigezogen. Riesen betrachtete diese «Unterwanderung» als Problem, dem die Bundesanwaltschaft, aber auch die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) «im Hinblick auf die Aufgaben des psychologisch-politischen Staatsschutzes Beachtung schenken muss».

Die Aktennotizen des Beamten Riesen illustrieren eine geradezu paranoide Fixierung auf gewisse Sendungen. Eine davon behandelte 1970 das umstrittene Zivilverteidigungsbuch, das Verhaltensregeln für die Bevölkerung im Kriegsfall enthielt und dessen Autoren hinter jeder Hausecke eine linke Revolution witterten.

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Nur schon die Tatsache, dass das Fernsehen zusammen mit dem «Sonntagsjournal» von Ringier eine gemeinsame Meinungsumfrage durchführte, fand er «reichlich stark». Aber wie die Resultate in der Sendung umgesetzt wurden, war für ihn schwer erträglich. Da sah man in einer Sequenz, wie ein Zivilverteidigungsbuch ins Klosett fliegt, und «analoge Tendenz in andern Bildern». Riesens Fazit: «Schon die Art, wie die Resultate der Umfrage in Form von Karikaturen präsentiert wurden, liess die negative Haltung gegenüber dem Zivilverteidigungsbuch durchscheinen.»

Auch Satire hatte es in den frühen Jahren des Schweizer Fernsehens nicht leicht. In einem Bericht zum Telefongeheimnis wurde ein «Fernsehmann als Telefonmonteur verkleidet vor einer öffentlichen Telefonkabine aufgestellt mit dem Auftrag, Telefonbenützern zu erklären, er müsse hier als Beamter eine Vorrichtung zur Abhörung der Telefongespräche installieren», berichtete Nationalrat Walo von Greyerz 1966 in einer Kleinen Anfrage. Ob dies zutreffe, wollte er vom Bundesrat wissen, und wenn ja, ob eine solche Vortäuschung, «die allenfalls sogar eine Amtsanmassung darstellt», mit den Konzessionsbedingungen vereinbar sei.

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Im Entwurf zur Antwort des Bundesrats wird der Sachverhalt insofern korrigiert, als der Mitarbeiter des Fernsehens nicht als Telefonmonteur verkleidet war, sondern «die blaue Schürze der Fernsehleute trug, an der allerdings das Kennzeichen des schweizerischen Fernsehens entfernt worden war». Im Übrigen sei die Sendung geeignet gewesen, «ganz falsche Auffassungen zu verbreiten». Der Bundesrat brachte in einer Aussprache mit den Spitzen der SRG «sein Missfallen an dieser Sendung zum Ausdruck» und bat, «so heiklen Themen künftig eine gründlichere Bearbeitung zu widmen».

Kritisch gleich linksgerichtet

Mehr als einmal brachten gewisse Sendungen das Blut von Politikern in Wallung, die Mühe damit hatten, dass das Fernsehen mit kritischem Journalismus begann. Sie setzten kritisch mit links gleich und erhoben rasch die Forderung, das «Programm sei von untragbaren und linksintellektuellen Mitarbeitern zu säubern», wie es in einer Debatte im Nationalrat 1968 tönte. Doch TV-Direktor Guido Frei weigerte sich, solchen Forderungen nachzukommen.

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Dank seiner Standhaftigkeit machten etliche dieser «untragbaren» Mitarbeiter Karriere. Wie etwa Peter Schellenberg: Nach 39 Jahren beim Deutschschweizer Fernsehen, 16 Jahre davon an dessen Spitze, geht er Ende Jahr in Pension.

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