Lieber zehn Tage ohne Sex als einen Tag ohne "Big Brother"», schreibt Roland Bauherr. Simone Leuthold erklärt: «"Big Brother" is watching you and I’m watching "Big Brother".» Bereits Wochen vor Sendebeginn füllt sich die Homepage «bigbrother.ch» mit leidenschaftlichen Quotes.

«100 Tage! Vollkommene Abgeschiedenheit. Und die Schweiz schaut zu! Wer nimmt diese Herausforderung an?» Der Schweizer Privatsender TV3 haute bei der Kandidatensuche mächtig auf die Pauke. Ob der Erfolg auf diese Tonlage oder auf die Quoten des deutschen Vorbilds zurückzuführen ist, werden wir nie erfahren. Sei es, wie es sei: Es meldeten sich 7800 Interessierte – prozentual zur Bevölkerung 14 Mal mehr als in Deutschland und Italien; acht Mal mehr als in Holland; mehr als doppelt so viele wie in England.

Für Daniel Hell, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, ist dieses Resultat «nicht unbedingt erstaunlich. Unsere Gesellschaft ist darauf ausgerichtet, die Wirklichkeit in Zahlen zu fassen. Offensichtlich entwickelt sich jetzt eine Gegenbewegung: die Erlebniskultur. Die Orte, wo über das Befinden gesprochen wird, werden interessanter.» Der Psychiater bezweifelt jedoch, ob unter den Augen der Kameras innere Auseinandersetzungen stattfinden können – dies gelte für die «Eingeschlossenen» wie auch für jene, die vor dem Fernseher «Anteil nehmen».

Da ist Thomas Spielmann, der «Hauspsychologe» von TV3, optimistischer. Für ihn gleicht das Wagnis, 100 Tage im Container zu verbringen, dem Willen, «Asien oder Amerika zu entdecken: Die Menschen lernen hier, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden.» Wie Spielmann äusserte sich auch Jürg Wildberger, Geschäftsleiter von TV3, begeistert – zumindest auf dem eigenen Bildschirm. «"Big Brother" ist eine ganz neue Fernsehsprache», sagte er lächelnd: «In Deutschland kam jeder der Kandidaten als Gewinner heraus. Und auch für das Publikum war die Sendung ein Gewinn.»

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Freiheit gibts nur auf dem WC
Die Losung klingt einfach. «Leb dein Leben! Vergiss niemals: Du bist ein Einzelstück!», rappt eine Band auf der deutschen «Big Brother»-CD. Die Scheibe verkaufte sich über 500'000 Mal. Die schweizerdeutsche Variante nimmt den Erfolg schon vorweg: «Mir wei meh, mir wei meh, us em Wohncontainer gseh! Wien en Star! Wien en Star! Wunderbar!»

10 Menschen, 26 Kameras, 60 Mikrofone, knapp 160 Quadratmeter: «Wir zeigen alles», sagt «Big Brother»-Erfinder John de Mol: «Tabu ist nur die Toilette.» Infrarotgeräte übermitteln Bilder aus dem Schlafsaal, das Internet gewährt Einblick rund um die Uhr, und per Telefon kann sich die Fangemeinde Container-Gespräche und -Geräusche zu Gemüte führen.

«Big Brother» – big business. Bis heute haben neben dem Schweizer Sender Fernsehstationen in Portugal, Schweden, Spanien, Belgien, Frankreich, Kanada, Grossbritannien, Südafrika und Australien das Konzept gekauft. Sie alle hoffen auf das, was dem holländischen Pioniersender gelang: das Durchschnittsalter des Publikums zu senken – um dadurch die Werbeeinnahmen zu steigern.

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Reality-TV. Knallhart, gnadenlos, ungeschminkt – wie das Leben eben. Noch nicht lang ists her, da geisterten in den deutschsprachigen Kanälen Videos mit Feuersbrünsten, Autokarambolagen und währschaften Schusswechseln herum. Das Reality-TV der ersten Stunde, frisch aus den USA importiert, lud Amateurfilmer von Stadt und Land zur Einsendung spektakulärer Videodokumente ein. Das Format brachte hohe Quoten – der Mut der Freizeitfilmer wuchs: Da griff manch einer zur Kamera, anstatt erste Hilfe zu leisten.

Altbekannt – bis auf den Dialekt
Die Entwicklung ist gestoppt. «Big Brother» ist da. Die Magie von Reality-TV hat das Wesentliche wiedergefunden: den Alltag normaler Menschen. Kurt Felix, unser Grossmeister der Biederkeit, hielt in der «Schweizer Illustrierten» halb wohlwollend, halb zähneknirschend fest: «Die Sendung gehört zu den erfolgreichsten Projekten, die das europäische Fernsehen je hervorgebracht hat.»

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Die Freude am Kameraauge ist nicht naturgegeben. Ein Exkurs auf eine Neugier anderer Art soll dies belegen: 1994 gebar ein Gorillaweibchen eine Tochter im Zürcher Zoo. Die Presse drängte sich alsbald vor ihrem Fenster, von überall her haschten die Linsen nach einem Bild. Das Weibchen wurde immer unruhiger. Schliesslich musste der Fototermin abgesagt werden. Als Jahre später ein anderes Gorillaweibchen ein Baby zur Welt brachte, gewöhnte Tierpfleger Kurt Rathfelder die Mutter an seinen Fotoapparat. Jedes Mal, wenn er ein Bild knipste, bekam sie eine Belohnung. Mit dem Effekt, dass die Mutter seither, sobald eine Kamera im Publikum auftaucht, ihre Tochter holt und zufrieden posiert.

Zurück zu den Menschen. Rund 30 Millionen Zuschauer verfolgten das «Big Brother»-Spektakel täglich auf RTL2. Der Star der Veranstaltung, der ehemals arbeitslose Industriemechaniker Zlatko Trpkovski, liess sich bereits kurz nach seiner «Entlassung» den Auftritt in einer Disco mit 40'000 Franken bezahlen. Der Sieger kassierte 180'000 Franken.

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Knapp ein halbes Jahr vorher hatte der holländische Gewinner 250'000 Franken erhalten. Und für den Schweiz Sieger gibts nur noch 150'000 Franken. Die Anstrengung macht sich offenbar immer weniger bezahlt. Liegts daran, dass ernsthafte Neuigkeiten kaum zu erwarten sind?

«Big Brother» Deutschland ist eine Kopie von «Big Brother» Holland, und «Big Brother» Schweiz ist eine Kopie von beiden. Jürg Wildberger, auf eine Eigenleistung angesprochen: «Bei uns spricht man Schweizerdeutsch.»