Das Schild im hinteren Bereich der Halle verheisst nichts Gutes: «Achtung! Ferromagnetisches Material wird zum Wurfgeschoss», steht darauf. Wer hier mit Werkzeug hantiert, dem fliegen Hammer, Zange und Schraubenzieher alsbald um die Ohren. Handwerker arbeiten gerade an der Lüftung. Der Gast geht in Deckung.

Beat Meier steht aufrecht. Der grossgewachsene, schlanke Mann mit den grauen Fransen, die über seine in tiefen Höhlen liegenden Augen hängen, zeigt auf den Grund für die Warnung: einen zylinderförmigen, etwa drei Meter hohen weissen Behälter. Es gibt noch vier weitere, kleinere davon in der Halle. Damit ihnen niemand zu nahe kommt, ist um sie herum ein Band gespannt. Allzu gefährlich kann es nicht sein, wenn dafür ein Fetzen Plastik ausreicht. An einem Tisch zwischen zwei dieser Zylinder sitzt einsam und unversehrt ein Doktorand, um ihn herum Kabel, Computer, Heliumtanks und Fresszettel voller Formeln.

So also sieht es aus, da, wo die Zukunft entsteht. Wie in einem Rohbau, nur ohne Staub, Lärm und Baustellengezeter. Während Beat Meier, Professor für Physikalische Chemie, von einer Ecke der Halle zur anderen rennt, in einem Höllentempo seine Arbeit erklärt, pfeift draussen ein kalter Wind durch die Häuserschluchten des ETH-Campus Hönggerberg. Studenten, Professoren und Doktoranden, Handwerker, Putzfrauen und Hausdienstmitarbeiter huschen eilig über den Platz. Die Zukunft wartet nicht.

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Alzheimer, BSE und Co.

Der von viel Beton, Stahl und Glas geprägte Campus ist schon morgens belebt. Der Physikturm ähnelt einem riesigen Roboter. Die Gebäude heissen HCI, HIL oder HPH, und Unkundige verirren sich trotz Signalisation ständig, weil kein Mensch sich diese Kürzel merken kann. Noch ist es ein weiter Weg bis zur «Science City», dem geplanten «Stadtquartier für Denkkultur».

Beat Meier wirkt wie ein grosser Junge in einem riesigen Spielzimmer. Die seltsamen Zylinder sind extrem starke Magnete. In ihnen steckt ein Magnetfeld, das über 100000-mal stärker ist als dasjenige der Erde. Die Forscher untersuchen mit ihnen die Struktur von Molekülen. Dafür schieben sie Proben von Proteinen hinein. Die einzelnen Atome in den Molekülen besitzen einen sogenannten Kernspin: In den starken Magneten drehen sich die Atome wie kleine Kreisel. Stört man diese Bewegung zum Beispiel durch Radiowellen, lässt sich indirekt die Umgebung der Atome und damit ihr Abstand zueinander messen. Kernspinresonanzspektroskopie nennt sich dieses Verfahren. Weil die Struktur häufig Aufschluss über die Funktion gibt, kann es mitunter bei der Entwicklung neuer Medikamente helfen.

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Ein aktuelles Forschungsgebiet bei Meier sind die Proteine, die sich bei Alzheimer oder BSE im Gehirn ablagern. «In der Biologie funktioniert vieles nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip. Wenn wir wissen, wie das Schloss aussieht, kann die Wissenschaft auch einen passenden Schlüssel entwickeln», erklärt Meier. Heute und morgen wird das allerdings nicht der Fall sein. Wissenschaft braucht Zeit.

Vor 153 Jahren wurde die ETH in Zürich gegründet. Damals hiess sie noch Polytechnikum, und unter der grünlich schimmernden Kuppel oberhalb des Centrals bauten Ingenieure an der industriellen Zukunft des Landes. Seither ist die Hochschule inhaltlich und räumlich gewachsen. Zwischen den beiden Standorten am Hönggerberg und im Zentrum verkehrt stündlich ein Pendelbus. Unter den von Gottfried Semper erbauten Gewölben sitzen heute nicht mehr junge Männer mit Bleistift und Zirkel, sondern Studierende mit Laptops und Automatenkaffee. Sie starren auf Diagramme, Tabellen, Formeln, lesen am Computer wissenschaftliche Texte oder aber klicken sich mit konzentrierten Mienen durch die virtuellen Welten irgendwelcher Onlinespiele.

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Die Vorzüge des Roboters

Der Spieltrieb ist für Forscher elementar. Bei Roland Siegwart, Professor am Institut für Robotik und Intelligente Systeme, stecken die Studenten im ersten Jahr Legosteine zusammen. «Ideal, um zu lernen, wie Systeme funktionieren», erklärt der Mann, an dem alles rund und nichts kantig wirkt und der irgendwie nicht so recht in diese von langen, schmalen Gängen geprägte Umgebung passen will. Roland Siegwarts Labor liegt im gegenüberliegenden Gebäude, die Einbauschränke machen den Korridor noch enger und erdrücken einen fast. Bullaugenförmige Fenster sind darin eingelassen, hinter jeder Scheibe sitzen kleine Roboter.

Es ist kurz vor Mittag, in den Räumen auf der rechten Seite des Gangs riecht es nach Süss und Sauer – wie jeden Tag. «Wir sitzen genau über dem Glasdach der asiatischen Mensa», sagt Roland Siegwart und rümpft die Nase. Womöglich beneidet er hin und wieder seine metallenen Kreationen, denen solche Unannehmlichkeiten erspart bleiben. Riechen können seine Roboter nämlich (noch) nicht. Und auch sonst hinken sie dem Menschen bisweilen noch weit hinterher. Siegwarts Schützlinge können fliegen, gehen oder fahren. Sie inspizieren selbständig Energieanlagen, überwachen Waldbrandgebiete oder fahren Auto. Einen zuvor nie gesehenen Stuhl als Sitzgelegenheit zu erkennen wäre aber schon zu viel verlangt.

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Horrorszenarien von Robotern, die dereinst die Weltherrschaft übernehmen, bringen den Forscher zum Schmunzeln. Viel naheliegender ist es, dass Roboter künftig als Pflegende in Altersheimen zum Einsatz kommen. Eine Vision, die selbst den medizinfeindlichsten Menschenfreund in die Arme des Anti-Aging-Arztes treibt. «Stellen Sie sich vor, Sie können Ihren Toilettengang nicht mehr selbständig verrichten. Ist es angenehmer, wenn Ihnen eine menschliche Pflegeperson dabei hilft oder wenn das eine Maschine tut?», wirft Siegwart ein. Der Mann bringt einen ins Grübeln. Der Magen meldet Hunger. Es ist Zeit, sich nach Essbarem umzusehen.

Die Futterkrippen der ETH sind mindestens so hierarchisch gegliedert wie der wissenschaftliche Betrieb. Die profane Mensa befindet sich ganz zuunterst im Haus, das vornehme «Dozenten-Foyer» liegt mit Blick über ganz Zürich im obersten Stock. Unten Budget, oben Sélection. In einem aber unterscheiden sich die Verpflegungsstätten nicht: Die Warteschlange reicht bis zum Lift, und um zwanzig nach zwölf ist Menü eins ausverkauft. Babylonisches Sprachgewirr erfüllt den Raum. Schweizerdeutsch, Hochdeutsch, Englisch, Italienisch, Französisch und allerlei Mischformen vermengen sich zu einem undefinierbaren akustischen Brei, der die in jeder PR-Broschüre hochgelobte Internationalität der Schule erlebbar macht.

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Roboter zum Runterschlucken

Bradley Nelson drückt auf die Taste an der Kaffeemaschine, greift in den Kühlschrank und reicht dem Gast die Milch. Lässig hält er seine Tasse in der Hand, nimmt noch im Gehen einen ersten Schluck, bietet in seinem Büro einen Stuhl an und meint: «I am Brad. So, what do you want to see?» Man könnte ihn mit seinem Rotschopf für einen Iren halten. Seine unverkrampfte Nonchalance und sein Akzent verraten aber den Amerikaner.

Zu sehen gibt es hier ausser elektronischen Bauteilen, Mikroskopen und einer noch von der Halloween-Feier stammenden geschundenen Schaufensterpuppe nicht viel. Das liegt in der Natur der Sache: Die meisten von Nelsons Produkten sind kaum einen Millimeter gross. Seine Biomikroroboter haben auf einer Fingerkuppe Platz. Es sind winzige Maschinen, die geschluckt oder injiziert werden, um dann im menschlichen Körper bestimmte Aufgaben zu erledigen.

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Nelsons Team hat etwa schiffchenförmige Roboter entwickelt, die sich ins Auge spritzen lassen, um dort verstopfte Blutgefässe zu behandeln. Gesteuert werden sie über Magnetfelder von aussen. Die Vorstellung, dass winzige Roboter sich im eigenen Körper zu schaffen machen, löst mulmige Gefühle aus. Und als der Forscher von anderen Mikrorobotern erzählt, die einzeln geschluckt werden und sich dann im Körper selbständig zu einem funktionalen Ganzen zusammensetzen, wähnt man sich vollends in einem Science-Fiction-Film. «Doch ein Roboter ist im Grunde nur Elektronik, und an implantierte Herzschrittmacher hat sich die Menschheit längst gewöhnt», so Nelson. Er pflegt viele Kontakte zu Medizinern, unterstützt aber auch die Grundlagenforschung der Biologen. So haben die Robotiker winzige Messgeräte entwickelt, mit deren Hilfe die Kollegen das Flugkontrollsystem von Fruchtfliegen untersuchen. Eine Fliege wird auf den Sensor des Fruchtfliegenanalysators geklebt und dann in verschiedenen Situationen beobachtet. So wollen die Biologen etwa Zusammenhänge zwischen der Hirnaktivität und der Biomechanik aufdecken.

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Trockenrudern für einen höheren Zweck

Drüben im ETH-Hauptgebäude werden jetzt die Stehtische gedeckt. Die Apéro-Zeit bricht an. Fast täglich wird hier irgendetwas begossen, und nicht selten trifft man dabei auf uneingeladene Gäste. Häppchentourismus ist an der ETH schon fast ein Breitensport. Robert Riener rudert derweil. Links und rechts zieht die Landschaft vorbei, am Ufer stehen Zuschauer, sie klatschen und rufen, das Boot des Gegners ist Zentimeter im Vorsprung. Riener wird ihn niemals einholen. Der Professor für Sensomotorische Systeme sitzt auf dem Trockenen. Landschaft, Zuschauer, Wasser: Alles um ihn herum ist virtuell, programmiert, auf Leinwände projiziert, auch der schnellere Gegner. Das Einzige, was wirklich existiert, ist das Boot, das Ruder und Riener selber. Trotzdem fühlt sich das Rudern echt an. So echt, dass sogar die Profis, die mit dem aus München stammenden Professor zusammenarbeiten, begeistert sind.

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In seinem Labor versucht Riener, Mensch und Maschine zu vereinen. Der Simulator steht im Keller und füllt den halben Raum. Der Rest ist ein geordnetes Chaos von Werkzeug, Steckern, Kabeln, Computern. Einer von Rieners Leuten schraubt an einer Schaltung herum, zwei andere diskutieren ein technisches Problem. Herzstück des Rudersimulators ist ein Elektromotor, der über Seile Druck auf das Ruder ausübt und so den Wasserwiderstand simuliert. Die Konstruktion eignet sich als Trainingsgerät für Anfänger, Profis und Wiedereinsteiger, unterschiedlichste Bedingungen lassen sich einstellen, die Forscher können sogar den Einfluss von Zuschauerreaktionen auf den Ruderer messen.

Robert Rieners Hauptinteresse gilt aber der Medizin. An der Uniklinik Balgrist erproben Schlaganfallpatienten und Querschnittgelähmte zwei Geräte für die Rehabilitation von Arm- und Beinbewegungen. «Die grösste Herausforderung ist es, die schwerfällige Maschine dazu zu bringen, sich dem feinfühligen und nicht immer gleich agierenden Menschen anzupassen», erklärt Riener. Nur so kann der Patient seiner aktuellen Form entsprechend gefördert werden. Seine Bewegungen kann der Patient auf einem Bildschirm sehen. So können ihm auch spielerische Aufgaben wie etwa Ping-Pong-Spielen gestellt werden. «Wenn Rehabilitation Spass macht, erhält man auch bessere Resultate», so Riener.

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Fliegende Hämmer, fahrtüchtige Roboter, Chirurgen zum Schlucken und Therapeuten aus Aluminium: Der Tag an der ETH vergeht in Windeseile. Vor der Polybahn bildet sich eine Menschenschlange. Sie wollen runter, zurück ins Heute, zurück ins richtige Leben. Sie schimpfen über den Vorgesetzten, den Dozenten, den Formularfetischismus oder die Leistungsvereinbarung fürs neue Jahr. Wenn man es recht bedenkt, ist der Weg vom Elfenbeinturm in die Realität gar nicht so verdammt weit.