Einfach traumhaft! Die Sonne scheint, und es hat 50 Zentimeter Neuschnee. Andermatt, Ende November. Wohin man schaut nur Powder – Pulverschnee. Die Freerider jubeln. Der erste schöne Tag im Urserental seit langem.

«Traumhaft, aber auch supergefährlich», erklärt Bergführer Stefan Jossen. Er leitet den zweitägigen Lawinenkurs der Bergschule Uri. Je schöner die Verhältnisse und je frischer der Neuschnee, desto harmloser präsentiert sich der Berg – und dann seien die Gefahren schwer zu erkennen, macht er den Kursteilnehmern klar (siehe «Risiko minimieren», Seite 49). Der Walliser Jossen ist ein Profi; er war auch schon mit Schauspieler Bruce Willis im Tiefschnee unterwegs.

Auf dem Gemsstock, 2960 Meter über Meer, zeigt der 39-Jährige der achtköpfigen Gruppe das Panorama und die beliebtesten Variantentouren. Durchs Felsental hinunter gibt es zum Beispiel mehrere Routen nach Hospental. Doch heute ist so eine Tour zu riskant. Das Lawinenbulletin zeigt Stufe 3, das heisst, dass die Lawinengefahr erheblich ist.

Dennoch steigen einige Tourenskifahrer mit ihren Fellen auf den Grat auf. Jossen, der seit 15 Jahren als Bergführer arbeitet, hält diese Routenwahl für unglücklich. Er selber würde so eine Tour bei den heutigen Verhältnissen unterlassen: «Prävention heisst eben auch, verzichten zu können.»

Bei Mulden hilft ein Airbag nichts


Immer wieder kommen auch Bergsteiger-profis in Lawinen ums Leben. Bergführer Jossen geriet auch schon mal in ein Schneebrett, konnte sich aber selbst befreien. Marco, der mit zwei Arbeitskollegen am Lawinenkurs teilnimmt, schauderts. Der 31-jährige Informatiker boardet seit drei Jahren. Da es ihm zu viele Leute auf den Pisten hat, will er lernen, wie man einigermassen sicher abseits vom Rummel fahren kann.

Im Durchschnitt gibt es in der Schweiz jährlich 25 Lawinentote, letzten Winter waren es 21. Ein Bergsteiger, sieben Skitourenfahrer, ein Tourensnowboarder, neun Variantenskifahrer und drei Variantensnowboarder kamen ums Leben. Generell haben 90 Prozent aller Verschütteten die Lawinen oder Schneebretter selbst ausgelöst. «Ausbildung ist die beste Präventionsmethode», sagt Birgit Ottmer vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos. «Das Allerwichtigste ist, einen Lawinenunfall zu vermeiden. Denn jede Lawine stellt eine akute Lebensgefahr dar.» Notfallgeräte wie zum Beispiel ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) seien keine Lebensversicherung.

Im Kurs sind alle Teilnehmer mit LVS, Lawinenschaufel, Lawinensonde und Schneeschuhen ausgerüstet. Die meisten fahren zudem mit einem ABS-Rucksack, einem Lawinen-Airbag-System: Der geöffnete Airbag verhindert eine Verschüttung bei auslaufenden Hängen – das Lawinenopfer bleibt eher an der Oberfläche liegen und ist somit einfacher zu finden. Bei Mulden, Löchern oder Gletscherspalten hilft aber auch ein Airbag nichts.

«Ziel ist, gar nie in eine Lawine zu geraten», bläut Jossen der Gruppe immer wieder ein: «Bei erheblicher Lawinengefahr dürft ihr als ortsunkundige Freerider nicht allein ins Gelände!» Pascale, 30, und ihre Kollegin Isabelle, 26, schauen sich verwundert an.

«Ich fahre eigentlich oft bei erheblicher Lawinengefahr», sagt Pascale. Die Baslerin ist Geschäftsleiterin eines Outdoor-Kleiderladens und war schon auf mehreren Touren abseits der Pisten dabei. Bei schönem Wetter und guten Schneebedingungen gelte ja meist diese Gefahrenstufe.

Ein Schneeprofil liefert wichtige Infos


Das ist richtig. Geringe Lawinengefahr (Stufe 1) herrscht in der Wintersaison meist nur an fünf bis zehn Tagen, ansonsten liegen die Gefahrenstufen mehrheitlich im Bereich mässig (Stufe 2) und erheblich (Stufe 3). Stufe 4 und 5 (grosse respektive sehr grosse Lawinengefahr) sind selten. Laut Bergführer Stefan Jossen ereignen sich denn auch die meisten Lawinenunfälle bei «mässiger» und «erheblicher Lawinengefahr».

Ein weiteres Mittel zur Situationseinschätzung ist das so genannte Schneeprofil. Die Gruppe muss an einer sicheren Stelle ein Loch mit rund einem Meter Durchmesser bis auf den Grund graben. Je weiter nach unten gebuddelt wird, desto härter wird der Schnee. Das Unternehmen ist schweisstreibend, es wird geflucht. Allerdings besteht eine Lawine nur aus solch hartem, gepresstem Schnee: Wer eine verschüttete Person ausgraben will, braucht unbedingt eine Schaufel, viel Kraft und Geduld. «Ein kleines Schneebrett von 100 Kubikmetern wiegt bereits 25 Tonnen», gibt Jossen zu bedenken. Das fertige Profil zeigt die verschiedenen Schichten in der Schneedecke. Gut ist, wenn sie ineinander greifen und verzahnt sind. Dann ist die Schneedecke stabil. Am schlimmsten sind lockere Zwischenschichten wie Raureif oder lockerer Schnee auf Eislamellen.

Schattenhänge sind gefährlich


Jossen macht den Fingertest. Die Gruppe hat Glück: Die Eisschicht, die der Regen vor einigen Tagen hinterlassen hat, liegt weit unten. Jossen bezeichnet die Schneedecke als gut verfestigt. Quasi als Belohnung gibts eine Abfahrt auf der nicht präparierten Piste ins Tal Richtung Andermatt. Die ersten 200 Meter führen durch unberührten Tiefschnee. Die Teilnehmer jauchzen – das ist Freeriding!

Am nächsten Tag ists neblig und etwas wärmer; ein wenig Schnee ist gefallen. Die Lawinengefahr ist gesunken, das Bulletin gibt nur noch Stufe 2 an. Gruppenleiter Jossen erklärt weshalb: «Durch den gestrigen Sonnenschein und den leichten Temperaturanstieg hat sich die Schneedecke verfestigt.» Wo keine Sonne hinkommt, sind die gefährlichsten Hänge. Grundsätzlich gilt deshalb: Typische Lawinenhänge sind steil, schattig, kammnah und voll windverfrachteten Schnees.

Nachdem am Vortag der Einsatz der LVS-Geräte geübt wurde, soll nun ein so genannter Rutschblock erstellt werden. Wie das Schneeprofil gibt auch der Rutschblock Hinweise auf die Festigkeit der Schneedecke. Diesmal muss ein zwei Meter breiter Abschnitt bis auf den Boden gegraben werden. Mit Schnüren wird der Block «abgesägt». Ein Boarder muss in den Block hineinfahren und abbremsen. Tommy wagts: Der Block hält. Nacheinander müssen noch drei weitere in den Block hineinspringen – der Rutschblock hält noch immer, die Schneedecke ist gut verfestigt.

Bergführer Jossen erzählt, dass für ihn neben Rutschblock und Schneeprofil vor allem die Wettersituation und das Lawinenbulletin wichtige Puzzlestücke zur Beurteilung der Lawinensituation seien. Heute sind die Verhältnisse sicher genug, also wird eine Abfahrt durchs Felsental unternommen. «Geil», meint Stefan aus Zürich, «das hats voll gebracht!»

«Im Zweifelsfall verzichten!»


Der 24-jährige Chris aus London, der seit zweieinhalb Jahren in der Schweiz arbeitet, ist begeistert vom Kurs. Nun könne er wenigstens zum Teil die Gefahren selber abschätzen und werde nicht mehr so leichtsinnig in den Tiefschnee fahren wie bis anhin. Chris will sich ein Lawinenverschüttetensuchgerät kaufen: «Das ist sein Geld voll wert.» Es kostet etwa 460 Franken, ein zweitägiger Lawinenkurs je nach Anbieter um die 350 Franken. Gut investiertes Geld für mehr Sicherheit im Powder. Doch auch nach dem Kurs gilt: «Im Zweifelsfall verzichten!», wie Bergführer Jossen immer wieder betont.

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