«Es kommt schon vor, dass hier einer für eine Ziehung einige Tausender liegen lässt.» Und der Kioskbesitzer in Zürich-Nord weiss auch, was die Spieler mit einem Lottosechser machen würden: «Die meisten träumen davon, nicht mehr arbeiten zu müssen.» Er selber spielt nur, «wenn wirklich viel Geld im Jackpot ist – so ab drei, vier Millionen». Ohne Lotto könnte er den Laden dichtmachen, sagt der Kioskmann. Kein Wunder: Er kassiert immerhin acht Prozent des Umsatzes.

18. August 1990: Mit den Zahlen 9, 12, 14, 38, 42 und 43 räumt ein Spieler den höchsten Gewinn in der Geschichte der Schweizer Lotterie ab: 18191215 Franken. Nach Abzug der 35 Prozent Verrechnungssteuer blieben ihm noch gut 11,8 Millionen Franken. Das Business pflegt Diskretion – deshalb ist die Identität des Glücklichen nicht bekannt. Das gilt auch für die meisten der 314 Personen, die bisher einen Millionengewinn einstrichen.

Grundsätzlich sind Lotterien hierzulande verboten. Das Gesetz sieht jedoch eine Ausnahme vor: Die Kantone können Bewilligungen für Lotterien erteilen. Das tun sie – und wie: Abgesehen von einigen privaten Tombolas in Festzelten, ist die Spielszene fest in kantonaler Hand: Die Westschweiz rechnet über die Loterie Romande ab, der Kanton Bern über die Organisation Seva; der Rest der Deutschschweiz sowie das Tessin gehören zur Interkantonalen Landeslotterie. Hinzu kommt noch das Sport-Toto, das zusammen mit den drei Organisationen die Gesellschaft Schweizer Zahlenlotto bildet.

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Mitglieder der Lotteriegesellschaft sind einzig die Kantone; der jährliche Gewinn von 350 Millionen fliesst in ihre Kassen – proportional zur Einwohnerzahl. Und die Kontrolle, wer vom Geldsegen wie profitiert? Die übernehmen die Kantone gleich selbst – von Gewaltenteilung keine Spur. Für Rolf Glauser, Marketingleiter Sport-Toto, ist das kein Problem: «Bei uns läuft alles sauber und transparent, da wird nichts gemauschelt.»

Ein Insider beschreibt den Ertrag aus dem Lotteriebusiness als «Sackgeld» für die Kantone. «Davon lässt der Bund die Finger.» Das Geld ist zwar zweckgebunden und darf nur gemeinnützig verwendet werden, «aber dieser Begriff kann weit gefasst werden». Nur ungern äussert sich das Bundesamt für Justiz. Mageres Resultat einer Beobachter-Anfrage: «Das Lotteriegesetz ist in Revision. Der Bund erwartet, dass dadurch mehr Transparenz geschaffen wird.»

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190 Franken verspielt der Schweizer pro Jahr – im europäischen Vergleich ist das eher wenig. Gleichwohl will die ausländische Lotteriekonkurrenz inzwischen mit der Schweizer Spielfreude Geld machen. Die Lotteriegesellschaft besetzte das Terrain schon vorher: 1997 erfolgte der Start zur Mittwochsziehung; und auch die Einführung des Lotto-Jokers hat laut Glauser deutlich gezeigt, dass «der Markt früher Lücken aufwies».

Die Lotteriegesellschaft verfolgt primär eine Devise: Vom Hoheitsgebiet wird rein gar nichts abgegeben. Das bekamen auch die Entwicklungshilfe- und Umweltschutzorganisationen Caritas, Helvetas, Pro Natura und WWF zu spüren: Ihre Pläne für ein eigenes Lotto bekämpfte die Lotteriegesellschaft bis vor Bundesgericht – und erhielt schliesslich Recht wegen eines blossen Formfehlers.

Relativ neu sind Geldspielangebote im Internet: Dort machen vornehmlich Firmen mit Sitz in der Karibik Millionenumsätze mit Spielfreudigen. «Da kommt ein Problem auf uns zu», sagt Jörg Häfeli, Dozent an der Schule für soziale Arbeit in Luzern. Häfeli, der das Projekt «careplay» gegen Spielsucht leitet: «In der EU gibt es Bestrebungen, solche Angebote in gesetzliche Schranken zu weisen. Die Schweiz muss diese Sache ebenfalls anpacken.»

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Spiel ohne Grenzen in den Kasinos
Ums ganz grosse Geld gehts schon bald auch an den einheimischen Roulettetischen: Demnächst will der Bundesrat entscheiden, welche Kasinobetreiber eine der begehrten A-Lizenzen für unbegrenzte Einsätze erhalten sollen. Was die Suchtexperten dabei am meisten beunruhigt: In den Kasinos stehen auch Geldspielautomaten. «Diese Geräte haben ein gewaltiges Suchtpotenzial, weil die Spielfrequenz sehr hoch ist», sagt Jörg Häfeli. «Je mehr da passiert und je schneller die Leute spielen können, umso leichter wird man süchtig.»

Im Gegensatz zu Lotto und Co. gibt es bei den Geldspielapparaten eine gesteuerte Auszahlungsquote von 90 Prozent. Häfeli: «Die Automaten sind so eingestellt, dass die Leute dranbleiben. Ein routinierter Spieler merkt sofort, wenn die Quote tiefer liegt. Und ein Süchtiger spielt an einem solchen Automaten nicht lange.»

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Der Fachmann ist zwar überzeugt, dass die Spielbankenkommission des Bundes das Suchtproblem zusammen mit den Kasinobetreibern «weitgehend unter Kontrolle halten wird». Aber die Gesellschaft müsse lernen, mit der Spielsucht zu leben. Jörg Häfeli: «Es ist sinnvoll, die Sucht in kontrollierte und überwachte Kanäle zu leiten, sonst rutschen süchtige Spieler einfach in die Illegalität ab.»

Im Moment können die Spieler ihre Sucht noch in Landbeizen diverser Kantone ausleben. «Ich finanziere mein Restaurant mit den Automaten», sagt ein Wirt aus der Region Aarau. Zahlen rückt er nicht heraus, klar ist aber: Ein gut positioniertes Gerät in einem Kasino spielt jährlich rund 400'000 Franken Gewinn ein. So viel liegt in einem Restaurant nicht drin, aber Hunderte von Wirten könnten ihre Lokale ohne die Automatenerträge dichtmachen.

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Nur logisch, dass ein Teil der Wirtezunft dem Jahr 2005 mit gemischten Gefühlen entgegensieht: Die Kästen müssen bis zu diesem Datum verschwunden sein. Das Spielbankengesetz verlangt, dass die Geräte nur noch in den lizenzierten Kasinos stehen dürfen.

Doch die Automatenhersteller wissen sich zu helfen: Unter dem Namen Tactilo haben sie eine neue Glücksspielvariante entwickelt: eine Art elektronisches Rubbellos. Der Trick: Diese Automaten unterstehen dem Lotterie- und nicht dem Spielbankengesetz. Für Spielsüchtige sind sie ein gefundenes Fressen.

Die Loterie Romande macht damit bereits 55 Millionen Umsatz pro Jahr. Zwar ist das Bundesamt für Justiz gar nicht glücklich: «Noch herrscht Uneinigkeit über die Rechtsnatur der Automaten.» Doch bis das geklärt ist, rollt der Rubel weiter.