Das mondäne St. Moritz hat einen, den ältesten des Landes. Davos hat einen und natürlich auch Arosa. Und selbst kleinere Kurorte müssen nicht mehr zurückstehen: Sedrun im Bündner Oberland hat einen und neuerdings auch Brigels. Nur das benachbarte Sagogn und die gegenüberliegende Talschaft Obersaxen müssen sich noch gedulden.

Doch Abhilfe naht: Der Golfplatz von Sagogn-Schluein ist im Bau. Im Frühling des kommenden Jahres schon sollen die ersten 13 Loch und die Driving-Range, wo Abschläge geübt werden können, bespielbar sein. Für das Frühjahr 2009 ist schliesslich die Eröffnung des «18-Loch-Champion-Course», so die Werbung auf der Website der Gemeinde, mit einer Gesamtlänge von knapp sechs Kilometern auf dem Plateau Ruinaulta geplant.

1 Golfplatz = 3 Bauernhöfe

Auch das nahe Brigels steckt schon mitten in den Planungen, um den 9-Loch- in einen vollwertigen 18-Loch-Platz auszubauen. Wohl gerade noch rechtzeitig, so könnte man meinen, wenn man dem atemlosen Werben der Verantwortlichen zuhört.
Die Golf-Euphorie scheint ungebrochen - zumindest bei den Promotoren. Allein seit Jahresbeginn sind in der Schweiz vier neue Golfclubs gegründet worden; 93 gibt es nun insgesamt. Rund 30 Clubs sind in den letzten zehn Jahren entstanden - eine stattliche Zahl mit einem beeindruckenden Landverbrauch: Im Schnitt bedeckt ein 18-Loch-Platz gut 50 Hektar. Das entspricht der Fläche von drei mittelgrossen Landwirtschaftsbetrieben. Und noch scheint man nicht an der Spitze angekommen. Galt in den neunziger Jahren die Zahl von 100 Golfplätzen für die Schweiz als unrealistisch, wird diese «magische Marke» laut Schweizerischem Golfverband ASG in zwei Jahren wohl erreicht sein.

Grün ist die Hoffnung - kein Tourismusprojekt ohne Loch, keine Investitionen ohne Sandbunker, keine Entwicklung ohne Green. Eines der Hauptargumente des ägyptischen Investors Samih Sawiris für sein Tourismus-Resort in Andermatt: ein 18-Loch-Golfplatz, was denn sonst? Als sich die Bauern des Urserentals Ende letzten Jahres kurz widerspenstig zeigten beim Abtreten des dafür nötigen Lands - 120 Hektaren sind allein für das exklusive Ballspiel vonnöten -, stand die gigantische Investition von mehreren hundert Millionen Franken auf der Kippe. «Das Resort braucht unbedingt einen 18er-Golfplatz, das erwarten die Gäste», mahnte Sawiris Berater Franz Egle in der Presse. Das sehen andere ähnlich. «Wir haben im Winter eine gute Auslastung. Im Sommer aber sind wir unternutzt. Wir wollen uns als Golfregion positionieren und erhoffen uns eine Aktivierung des Sommertourismus», sagt Adrian Maissen, Präsident des Fördervereins Golfplatz Sagogn-Schluein.

«Eine Art Disneyland»

«Man darf die volkswirtschaftliche Bedeutung einer Golfanlage nicht verkennen», sagt Thomas Kollegger, Gemeindepräsident von Alvaneu. Das Dorf an der Albulastrasse baute Mitte der neunziger Jahre nach einigen Turbulenzen um einen risikofreudigen Investor und dessen Bank den ersten neuen Golfplatz im Kanton Graubünden. Im Unterschied zu anderen, vergleichbar grossen Dörfern, die heute Plätze bauen, wurde der Bau der Golfanlage aber an die Reaktivierung des Schwefelbads von Alvaneu gekoppelt, das in den sechziger Jahren eingegangen war. Rund 60 Personen, zum Grossteil Einheimische in Teilzeitanstellung, haben heute dank Bad und Golf und den zugehörigen Restaurations- und medizinischen Betrieben Arbeit. Einer davon ist der Sohn des Bauern, der den grössten Teil der Fläche zur Verfügung gestellt hatte: Er ist nun Greenkeeper.

Laut Gemeindepräsident Kollegger haben sich die Investitionen von total rund 25 Millionen Franken für Bad und Golf - ein Clubhaus ist derzeit im Bau - gelohnt, aber nur in der Kombination der beiden Angebote. Da Alvaneu einer der ersten neuen Golfplätze und der erste nach neuer Gesetzgebung gewesen sei, habe man viel Grundlagenarbeit geleistet und entsprechend auf viele Bedürfnisse von Raumplanung und Landschaftsschutz Rücksicht genommen. «Der Golfplatz ist eine besondere Art von Disneyland in alpiner Umgebung, dank dem wir uns einiges leisten konnten», erklärt Kollegger, dessen Herz indes stets mehr für das Bad geschlagen hat. Dank dem Golfplatz werde man die Auenlandschaft Zinols aufwerten und somit erheblichen ökologischen Mehrwert schaffen. Aber ob die Schweiz tatsächlich so viele Golfparks brauche, wie derzeit geplant sind, ist seiner Meinung nach fraglich. «Unser Golfclub würde gut noch mehr Mitglieder vertragen.»

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Golf jetzt auch für «Arme»

Laut einer Erhebung der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) aus dem Jahr 2003 ist die Golfplatzdichte, gemessen an der Landesfläche, in der Schweiz so hoch wie kaum sonstwo in Europa. Auf rund 500 Quadratkilometer kommt ein Golfplatz zu stehen − in Frankreich sind es mehr als 1'000 Quadratkilometer. Genau umgekehrt verhält es sich bei der Auslastung der Anlagen: Mit durchschnittlich 500 Mitgliedern pro Club ist die Belegung europaweit am niedrigsten.

«Das sind reine Luxusplätze», sagt SL-Geschäftsführer Raimund Rodewald. Deshalb müsse hinter den Bau von noch mehr Plätzen ein grosses Fragezeichen gesetzt werden. Im Bündner Oberland sei es versäumt worden, Bedarfsstudien zu erstellen, und nicht nur dort. Einzig das Tessin habe aufgrund der knappen Raumverhältnisse und der anderen Erholungsinteressen die maximale Golfplatzzahl beschränkt. «Wenn schon neue Golfanlagen, dann müssten sie maximal ausgelastet werden», findet Rodewald.

Dass dies funktionieren kann, zeigt die Migros, die vor rund zehn Jahren in Holzhäusern ZG den ersten Golfpark eröffnet und seither sieben Anlagen eingeweiht hat. Für Mai 2008 ist die Eröffnung des erweiterten Golfparks Waldkirch zwischen St. Gallen und Wil geplant. Er wird mit zwei 18-Loch- und einem 3-Loch-Platz - gemessen an den Löchern - die grösste Golfanlage der Schweiz sein und neben jenen in Otelfingen ZH und Holzhäusern eine der am besten ausgelasteten: Wurden in Waldkirch im Jahr 2001 noch 42'000 Runden gespielt, waren es 2006 bereits 76'000. Insgesamt sind auf Migros-Plätzen letztes Jahr mehr als 350'000 Runden gespielt worden. «Wir sehen noch immer Potenzial für den Golfsport», erklärt Andrea Ming vom Migros-Genossenschafts-Bund.

Die Migros hat die privaten Clubs mit dem markigen Slogan «Golf für alle» und dem Anspruch, den Elite- zum Volkssport zu machen, das Fürchten gelehrt. Die aggressive Strategie hat weitreichende Konsequenzen für die Clubstruktur. Nach Angaben des Verbands ASG geht die Tendenz hin zu freien Golfern; sie spielen, wann immer sie Zeit haben, und interessieren sich nicht fürs Clubleben, das traditionellerweise einen grossen Teil des ehedem elitären Sports ausmachte. Als Folge dieser Entwicklung verschwinden - sehr zum Leidwesen der Clubs - die langen und berüchtigten Wartelisten, die einst den Anwärtern viel Geduld und wegen der hohen Nachfrage auch viel Geld abverlangten.

«Es gibt Clubs, auch grössere, die wegen des Wegfalls der Wartelisten schon heute finanzielle Probleme haben», sagt John C. Storjohann, Generalsekretär der ASG. Nicht selten sind bei privaten Clubs Einlagen von 30'000 Franken und mehr zu entrichten, neben der Jahresgebühr, die gut noch einmal 5'000 Franken betragen kann. Bei der Migros hingegen kostet die Mitgliedschaft zwischen 3'000 und 5'000 Franken, eine Jahresgebühr 1'800 bis 2'500 Franken. Die sogenannte Greenfee, die Spielgebühr für Nicht-Clubmitglieder, liegt auch am Wochenende unter 100 Franken. Kein Wunder, fand der Golfboom der letzten Jahre vor allem bei der Migros statt.

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Das Gastgewerbe ist enttäuscht

«Ich verstehe gut, dass sich die Kurorte entwickeln wollen; heute will jedermann Golf spielen», sagt Storjohann, der auf eine erfolgreiche Amtszeit zurückblicken kann: Als er vor 27 Jahren Verbandssekretär wurde, gab es in der Schweiz gerade mal 27 Plätze und 8'500 Golfer. Im Jahr 2000 kamen auf 70 Plätze rund 36'000 Spieler. Nun geht man von 80'000 bis 90'000 aktiven Spielern aus - davon sind aber etwa die Hälfte freie Golfer ohne Club-Zugehörigkeit. «Ich habe schon ab und zu meine Zweifel, wenn ich sehe, wo nun überall planiert wird», sagt Storjohann. «Man kann nur hoffen, dass sich die Gemeinden im Bündner Oberland nicht verrechnet haben - und hoffen, dass genug Einheimische Golf spielen.» Denn ob ein Platz nur mit den Einnahmen von Touristen überleben kann, ist seiner Meinung nach fraglich.

Doch nicht nur die Clubs kommen in Schräglage. Auch für die Gewerbetreibenden in den betroffenen Regionen klingen die Heilsversprechen der Promotoren im Rückblick meist etwas hohl. Gastgewerbetreibende in der Surselva etwa erklären hinter vorgehaltener Hand, dass sie vom versprochenen Golfplatztourismus nichts verspüren. «Die sogenannten Sportler fahren am Morgen früh mit dem Auto an, spielen eine oder zwei Runden, trinken eine Cola im Clubhaus - und sind auch schon wieder weg», fasst einer zusammen. Die lokale Wertschöpfung ist, ausser ein paar Franken Greenfee, gleich null.

Dennoch ist der Trend ungebrochen, nicht zuletzt, weil die Landwirtschaft immer stärker unter Druck gerät. Gemäss Landschaftsschützer Raimund Rodewald vergolden viele Bauern ihr Land mit dem Verkauf an Golfplatzbetreiber, statt es einem benachbarten Bauern zu übergeben, der es zum Überleben gut gebrauchen könnte. «Damit erweisen sie der Landwirtschaft einen Bärendienst», so Rodewald. Wenigstens vergandet das Land nicht, möchte man erwidern. Doch der Preis für die Umgestaltungen ist hoch.

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«Fremdkörper in der Landschaft»

Gemäss Rodewald ist ein Golfplatz eine «designte Rasenlandschaft». Abgesehen von den alten Anlagen in St. Moritz, Davos, Arosa oder Lenzerheide gebe es in der Schweiz kaum einen Platz, der nicht als Fremdkörper in der Landschaft auffalle, sagt er. Die meisten Plätze seien Kunstprodukte, die ausser einigen zumeist isolierten Lebensräumen Inseln fernab der gewachsenen Kulturlandschaft seien. «Das zeigt sich vor allem im Lauf der Jahreszeiten, die keinen Ausdruck finden im Bild von Sandbunker und kurzgeschorenem giftgrünem Rasen», erklärt Rodewald. Bedenklich ist der Golfboom auch aus einem anderen Grund: Der Golfplatz ist eine privatisierte Landschaft, wo der Zugang etwa für Wanderer stark eingeschränkt ist, nicht nur aus Sicherheitsgründen. So wird das geltende Grundrecht auf freien Zutritt zu Wald und Flur massiv eingeschränkt.

Laut der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz liegen gut die Hälfte aller Schweizer Golfplätze im Alpenraum, gut ein Viertel auf über 800 Meter über Meer. Und fast alle nehmen sie für sich in Anspruch, der schönste Platz in der «Alpenarena» zu sein. «Die spektakuläre Golfanlage inmitten unberührter Natur auf der Sonnenterrasse von Sagogn», so die jüngste Ankündigung aus der Surselva, «verspricht einer der attraktivsten Golfplätze in Graubünden zu werden.» Noch einer.

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Quelle: Othmar Rutz / Bibliothek St. Moritz