Güssing ist grün. Die Kleinstadt mit 4000 Einwohnern im österreichischen Burgenland ist umgeben von Wiesen und Wald. Grün ist Güssing aber auch im übertragenen Sinn. «Wir sind das Mekka der Alternativenergie», sagt der 47-jährige Reinhard Koch, der selber wesentlich dafür verantwortlich ist, dass sein Heimatort dieses Prädikat trägt. Der frühere Verwaltungsangestellte war die treibende Kraft hinter einem Grundsatzbeschluss, den der Güssinger Gemeinderat 1990 fällte: dem Ausstieg aus der fossilen Energieversorgung. Wärme, Strom und Treibstoff sollten künftig aus der in der Umgebung reichlich verfügbaren Biomasse gewonnen werden.

Was wie ein Hirngespinst von Ökofundamentalisten anmutete, ist 17 Jahre später Realität: Die Kernstadt versorgt sich gänzlich mit eigener, erneuerbarer Energie, der Bezirk mit 30'000 Einwohnern zu 60 Prozent. Etwas technokratisch nennt sich das «energieautark»: In Güssing werden mehr Wärme (57 Gigawattstunden pro Jahr) und Strom (14 Gigawattstunden) produziert, als die Stadt benötigt, und die 1,5 Millionen Liter Biodiesel aus Raps entsprechen der Energiemenge, die die Güssinger Autos jährlich verbrauchen.

In der Region wird heute in 25 Anlagen Energie aus regenerierbaren Rohstoffen erzeugt. Den Durchbruch brachte Ende der neunziger Jahre ein Biomassekraftwerk, das mit der damals revolutionären Methode der Dampfvergasung Fernwärme und Strom produziert. An gleicher Stelle wird das Energiemärchen seit diesem Jahr mit dem neuartigen Verfahren des Schweizer Paul-Scherrer-Instituts für die synthetische Herstellung von Erdgas fortgeschrieben (siehe Artikel zum Thema «Öko-Strom: Der neue Pioniergeist»). Der Energieträger dieser beiden, wie auch der meisten übrigen Anlagen, ist Holz - und trotzdem verbrauchen die Güssinger weniger als einen Drittel ihres jährlich nachwachsenden Bestands von 105'000 Tonnen.

Ein Magnet für Touristen
Von allein geschehen freilich auch in Österreich keine Wunder. Dasjenige in Güssing kostete rund 500 Millionen Euro, die die EU zwischen 1995 und 2005 in die Infrastruktur pumpte. Für Güssing, vormals mausarm, zahlt sich diese Anstosshilfe nachhaltig aus: 50 Firmen mit 1000 neuen Arbeitsplätzen haben sich in der strukturschwachen Region angesiedelt. Ein Anziehungspunkt ist nicht zuletzt, dass die Unternehmen grüne Energie beziehen können, die um einen Drittel günstiger ist als jene aus Öl und Erdgas.

Damit hat sich erfüllt, was bei der Weichenstellung von 1990 der eigentliche Antrieb war: nicht primär Klimaschutz zu betreiben, sondern Wirtschaftsförderung. «Wir haben uns auf die einzige Ressource besonnen, die wir damals hatten», sagt Initiant Reinhard Koch: «Unseren Wald.»

Güssing, das weder über einen Autobahnanschluss noch einen Bahnhof verfügt, ist auch auf der Tourismuskarte aufgetaucht. Mehrere hundert Besucher pro Woche lassen sich im Europäischen Zentrum für erneuerbare Energie, dessen Geschäftsführer Koch heute ist, die wahr gewordene Vision zeigen. Und wer in offizieller Mission kommt, stellt sich die Frage: Was können wir von Güssing lernen?

So auch die Delegation vom Amt für Umwelt und Energie des Kantons Luzern. Was er letzten Sommer im Burgenland gesehen hat, hat Amtschef Rudolf Baumann beeindruckt: «Vor allem die starke Vernetzung von Energie- und Wirtschaftspolitik ist beispielhaft.» Einfach kopieren lasse sich das Modell nicht, sagt er, wagt aber dennoch eine Prognose: «In Luzern wie in anderen Kantonen wird es Gemeinden geben, die sich in den nächsten zehn Jahren als energieautark positionieren.»