Pech in der hektischen Vorweihnachtszeit: Kurt Portmann (Name geändert) will sich in einem edlen Luzerner Innenausstattungsgeschäft einen Kronleuchter aus der Nähe betrachten. Dabei fällt eine Vase aus dem Gestell auf eine Glastischplatte - beides geht zu Bruch. Der Geschäftsinhaber besteht darauf, dass der Kunde den Schaden von mehreren tausend Franken bezahlen müsse.
Doch Portmann zieht vor Gericht. Und bekommt Recht. «Der Ladeninhaber muss seine Ware so ausstellen, dass sich die Kunden im Geschäft normal bewegen und Dinge anschauen können», erläutert Portmanns Rechtsanwalt Mark Steffen das Urteil des Luzerner Amtsgerichts. Es gehöre auch zum «normalen Lauf der Dinge», dass dem sorgfältigsten Menschen mal etwas aus der Hand rutschen könne oder dass er mit seiner Umhängetasche irgendwo hängen bleibe. Das sei nicht fahrlässig, also hafte man auch nicht. Anders sehe es aus, wenn sich jemand mit vielen voll gestopften Einkaufstaschen durch Gestelle mit Porzellan zwänge. «Das könnte als fahrlässig gewertet werden», präzisiert Steffen. Es komme darum immer auf den einzelnen Fall an «und ist letztlich meist eine Ermessenssache».

Dies ergibt auch eine Umfrage des Beobachters bei einigen Geschäften: Vor allem Warenhäuser und Grossverteiler zeigen sich kulant. «Wenn einer ein Glas runterwirft, machen wir kein Theater. Das kann jedem passieren», sagt Ernst Pfenninger, Mediensprecher von Globus. Und Reto Waidacher, dem Leiter des Migros-Rechtsdienstes, ist «kein einziger Fall bekannt, in dem es zum Streit mit uns kam». Selbst dann, wenn jemand ein Gerät in der Elektrowarenabteilung beim Ausprobieren beschädigt, geht das auf das Konto der Migros. «Es handelt sich hier um Ausstellungsstücke», wie Eve Pfeiffer von der Migros-Genossenschaft Zürich erklärt. «Und wenn es Scherben gibt, kümmern wir uns primär darum, ob es einen Sanitäter braucht.»

Ähnlich tönt es bei Coop und Maus Frères (Manor): Kulanz ist oberstes Gebot. Dies bedeutet: Die Schäden werden intern abgedeckt; versichert sind sie selten. «Das lohnt sich nicht», sagt Coop-Sprecher Takashi Sugimoto.

«Bitte nicht berühren» In Läden mit teuren Waren wie etwa dem Porzellanfachgeschäft «Aux Arts du feu» an der Zürcher Bahnhofstrasse kann hingegen ein Missgeschick schnell ins Geld gehen, etwa wenn eine Kristallskulptur im Wert von mehreren tausend Franken zu Bruch geht. Hier stösst die Kulanz an die Schmerzgrenze: «Wir haben keine Versicherung für solche Schäden», sagt Geschäftsführerin Wendela Buchecker. Zahlen müsse also der Kunde oder dessen Versicherung, aber nur den Einstandspreis. Und das Geschäft versucht vorzubeugen: «Wir haben angeschrieben ‹Don’t touch›. Unser Personal zeigt den Kunden die Ware.»

Fein raus ist da, wer eine Privathaftpflichtversicherung hat. Sie zahlt, wenn der Kunde unabsichtlich etwas kaputtmacht. «Je nach Police sind Schäden bis zu zehn Millionen Franken gedeckt», erklärt Katrin Schnettler von der Zürich-Versicherung. Die Haftpflichtversicherung gewähre auch Deckung, wenn das Kleinkind des Kunden eine teure Vase zertrümmere. Allerdings gebe es einen Selbstbehalt für Schäden unter 2'000 Franken. «Es würde sich also kaum lohnen, ein beim Anprobieren zerrissenes T-Shirt der Versicherung zu melden.»

Quelle: Emmanuele & Müller/ sodapix
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