Zweimal im Jahr lege ich mir ein Neues zu», sagt der Jungverkäufer im Swisscom-Shop in Zürich, «ein Sommer- und ein Winterhandy.» Das Sommerhandy müsse klein und leicht sein, «passend zur Badehose», das Winterhandy robust und kälteresistent. Der smarte Verkäufer lacht und steuert auf den nächsten Kunden zu. Seine Kollegin erklärt derweil einer älteren Frau, wozu SMS gut sind: «Wenn Sie zu Ihren Kindern fahren und der Zug Verspätung hat, können Sie eine Nachricht senden.» Das leuchtet der Kundin zwar ein, «aber ich bin nicht sicher, ob ich das wirklich kann». «Kein Problem», entgegnet die Verkäuferin strahlend, «Sie müssen nur ein bisschen üben.»

Hilfsmittel für alle Lebenslagen

Im Handyshop ist der Teufel los. Kein Wunder: Der Markt boomt. Vor zehn Jahren waren in der Schweiz 182000 Handys in Betrieb, heute sind es 4,6 Millionen.

Schenkt man der Branche Glauben, ist das erst der Anfang. «Das Mobiltelefon wird sich in Zukunft zu unserem vertrautesten Gerät entwickeln», sagt Mads Winblad, Geschäftsführer von Nokia Mobile Phones Schweiz. Das Handy soll zum «Smart Phone» werden, zum Mix aus Telefon und Agenda, zum eigentlichen Kommunikator für alle Lebenslagen: Dank Verbindung zum Internet zeigt es den Standort des nächsten Bancomaten an, erinnert an den Geburtstag der Grossmutter und weiss, wo das nächste öffentliche Klo ist. Siemens prophezeit, dass es in drei Jahren mehr Mobil- als Festnetzbenützer geben wird. Auch die Swisscom geht davon aus, dass über kurz oder lang alle ein Handy haben werden. Viele sogar zwei!

Unabdingbares Statussymbol

Für viele Schweizer Kids ist die Zukunft bereits Gegenwart. Eine Beobachter-Stichprobe in Klassen der Gewerbeschule Chur, im Lehrerseminar Solothurn und im KV Zürich zeigt: Gut 80 Prozent der Jugendlichen in Ausbildung haben ein Handy. Und für sie ist es weit mehr als «nur» ein Telefon. Es ist Hobby, Statussymbol, zusätzlicher Körperteil.

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«Wenn du dazugehören willst, musst du einfach eines haben», sagt der 16-jährige Thomas Knipp aus Solothurn. Statt sich auf dem Pausenplatz, im Tram und im Ausgang mit den anwesenden Kolleginnen und Kollegen zu unterhalten, plaudern die Jungen von heute lieber via SMS mit den Abwesenden. Mit 160 Zeichen pro SMS wird getratscht und geflirtet, was das Zeug hält: «CU nxt WoEn ILYF.» (Für Nichteingeweihte: «Wir sehen uns nächstes Wochenende. Ich liebe dich für immer.») 6,8 Millionen Kurznachrichten werden inzwischen in der Schweiz täglich via Handy verschickt.

In einer Online-Umfrage des Marktforschungsinstituts IHA gaben 19 Prozent der befragten 13- bis 22-Jährigen das Verschicken von SMS als grössten Ausgabenposten an. Nur für Ausgang, Musik und Kleider geben sie noch mehr aus. «Früher hatten die Jugendlichen ihre Treffpunkte beim Bahnhof oder beim Einkaufszentrum, wo sie herumhängen konnten», sagt der Zürcher Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. «Heute haben sie diesen Raum mit Hilfe des Handys immer und überall.»

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Doch auch die älteren Semester sind inzwischen auf den Geschmack des mobilen Kleinen gekommen. Männer im besten Alter lassen ihr Bier auf der Theke warm werden, um schnell ein SMS zu verschicken. Eingefleischte Handygegnerinnen geben plötzlich verschämt zu, eines gekauft zu haben. Die Landeskirchen bieten eine SMS-Seelsorge an, und Fernsehmoderator Beni Thurnheer bekennt im «Blick», dass er sich «nackt fühlt ohne».

Kaum eine andere Erfindung hat sich so schnell durchgesetzt wie das Mobiltelefon. Woran liegt das? «Mit dem Handy bleibe ich rund um die Uhr auf dem Laufenden», sagt die 19-jährige Manuela Kopf aus Weisslingen ZH und trifft damit den Nagel auf den Kopf: «Erreichbarkeit» ist das Zauberwort. Egal, ob im Tram, auf der Autobahn oder in den Flitterwochen auf den Seychellen: Mit dem Mobiltelefon ist man immer überall ansprechbar.

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«Das Handy verspricht die totale Freiheit und Unabhängigkeit», sagt der Zürcher Trendforscher Hans Peter Doebeli. «Man ist allgegenwärtig und kann jederzeit sofort mit andern in Kontakt treten.» Das komme einer eigentlichen Ich-Erweiterung gleich. «Wie wenn ein Macho einen Mustang fährt.» Die Folge: Unser Leben verändert sich drastisch. Zusammen mit Festnetztelefon, Combox, E-Mail und Fax ermöglicht das Handy eine Kommunikation ohne Grenzen. Der öffentliche Raum wird zum eigentlichen Plauder-Space für Gross und Klein: «Hoi Schatz, ich bin beim Bahnhof. Ja, ich komme. Ciao.» Bla, bla, bla. Dank SMS und E-Mail schwindet auch die Hemmung, schriftlich zu kommunizieren. Denn korrekte Sprache wird überflüssig, Sprachfetzen genügen. Man palavert munter drauflos, Berührungsängste fallen weg. «Hallo Chef» ist dank E-Mail und Handy alltäglich geworden. Wer die Telemobilität einmal ausprobiert hat, gibt sie nicht mehr her.

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«Plappern hat eine wichtige Funktion», sagt Soziologieprofessor Hans Geser von der Universität Zürich. «Damit bekunden wir unsere Anwesenheit.» Im Prinzip sei es nichts anderes als eine Art Primatenkommunikation: «Ich da! Du auch da?»

Nur: Ist das alles? «Trotz aller veranstalteten Kommunikation ist von zunehmender Verständigung wenig zu spüren», kritisiert Hans Ulrich Schweizer von der Werbeagentur Wirz AG in Zürich. Viel Palaver, wenig Inhalt. Schweizer spricht von einer «informierten Ratlosigkeit». «Nicht die Technik gibt den Ausschlag, sondern die Kultur im Umgang miteinander und vor allem auch die Zeit, die wir uns dafür einräumen», sagt er.

Abnahme der Privatsphäre

Die grenzenlose Erreichbarkeit hat ihren Preis. «Der Unterschied zwischen Arbeitswelt und Freizeit verschwimmt zunehmend», stellt Soziologieprofessor Hans Geser fest. Wer dank Handy und E-Mail selbst in den Trekkingferien in der Sahara erreichbar ist, kann sich der Arbeitswelt kaum mehr entziehen. Der Druck, nicht nur allzeit erreichbar, sondern eben auch allzeit bereit zu sein, wächst. «Der Vorteil ist sicher, dass man seinen Arbeitswillen nicht mehr nur über die Anwesenheit im Büro demonstrieren kann», sagt Gudela Grote, Professorin für Arbeitspsychologie an der ETH Zürich. «Aber es darf nicht einreissen, dass Arbeitnehmer rund um die Uhr erreichbar sein müssen.»

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Sonst besteht die Gefahr, dass man auf einmal explizit begründen muss, warum man kein Mobiltelefon hat. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits. In vielen Berufen ist es inzwischen unvorstellbar, ohne Handy auszukommen. «Ich hätte Schwierigkeiten, mich zu rechtfertigen», sagt etwa Netzwerkfachmann Armin Brunner aus Zürich. «Verstehen würde das niemand.»

Wer via Handy und Internet ständig überall erreichbar ist, ist auch leichter kontrollierbar. Der Chef weiss immer, wo seine Angestellten sind. Die Begründung «Ich war halt weg» verkommt zur billigen Ausrede. Auch Eltern schätzen diesen Nutzen. Für viele Mütter sei das Handy eine Art verlängerte Nabelschnur, sagt der Zürcher Medienwissenschaftler Daniel Süss. Katharina Hoby, Pfarrerin und fünffache Mutter, bestätigt: «Das Handy ist ein guter Babysitter.»

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Das mag stimmen. Doch ist die Sicherheit, in der sich viele wähnen, oft nur virtuell. Toni Fux, Präsident der Schweizer Bergführer, weiss das nur zu gut: Immer öfter würden unerfahrene Leute schwierige Bergrouten wählen. «Sie sagen, sie hätten im Notfall ja das Handy dabei.» Fux schüttelt den Kopf. «Unfälle passieren trotzdem.» Oder erst recht.

Doch nicht alle wollen immer und überall erreichbar sein. «Ich will ganz bewusst kein Handy», sagt die Juristin Kira Spreng, 30. «Ich will gar nicht immer erreichbar sein und dauernd mit jemandem an der Strippe hängen.» Die Gruppe der Mobilfunkverweigerer schrumpft zwar, aber das könnte sich wieder ändern. Trendforscher Hans Peter Doebeli jedenfalls glaubt, dass Kira Spreng in Zukunft in guter Gesellschaft sein wird: «Es wird immer mehr Menschen geben, die sich der totalen Erreichbarkeit selbst auf dem WC oder beim Rasieren entziehen wollen.»

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Einfach wird das nicht sein. Schliesslich lässt sich mit den neuen Technologien Zeit sparen, vor allem im Arbeitsleben. Oder doch nicht? Zweifel sind erlaubt. «Die neue Freiheit führt zu Wildwuchs», sagt Hansjörg Gerster, zuständig für Informationstechnologien in diversen Firmen. «Viele verschicken ziellos Informationen in der Gegend herum, ohne zu wissen, was sie damit anrichten», sagt er. Und Publizistikprofessor Otfried Jarren stellt fest, dass ihn seine Studenten neuerdings auf elektronischem Weg mit Fragen überhäufen, deren Antworten sie selbst nachlesen könnten. Für Jarren bedeutet dies Mehrarbeit.

Überforderte Arbeitnehmende

Eine Studie der weltweit tätigen US-Firma Pitney Bowes zeigt, dass das stark gestiegene Nachrichtenaufkommen den Arbeitsablauf stark beeinflusst und zwar negativ: Die Segnungen des schnellen Informationsaustauschs führen zu mehr Stress. Ob per Fax, E-Mail, Mailbox, Telefon, Pager, Post oder Handy: Arbeitnehmende senden und empfangen pro Tag im Schnitt 169 Nachrichten mit durchschnittlich neun diversen Kommunikationsmitteln. Knapp ein Drittel der Beschäftigten gab an, sich damit «hoffnungslos überfordert» zu fühlen. Der Grund ist klar: Bei so vielen Infos wird es immer schwieriger, die Spreu vom Weizen zu trennen. Am besten wahrgenommen so die Studie werden wieder ganz altertümliche Kommunikationsmittel: Notizzettel, die an den Stuhl des Adressaten geklebt werden.

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