«Manchmal kommt mir alles wie ein schlechter Traum vor: Ich lebe seit 22 Jahren in der Schweiz und habe immer viel und gern gearbeitet – nicht einen Tag bin ich stempeln gegangen. Jetzt habe ich eine halbe Million Franken Schulden. Ich habe Haus und Land in der Heimat verspielt, das Geld der Banken, von Bekannten, von meiner Frau und sogar von meiner Tochter.

Es begann in der Silvesternacht 1999. Meine Frau musste arbeiten, ich war allein und gelangweilt. Ich fuhr aus lauter Blödsinn ins Casino Engelberg. Plötzlich, um zehn vor zwei, gingen Sirenen und Lichtorgeln los. Das Personal stürzte auf mich zu und gratulierte mir: Ich hatte den Jackpot von über 327'000 Franken geknackt! Ich war wie in Trance. Doch das Glück währte nur kurz. Wenig später wurde mir erklärt, es handle sich um einen Irrtum – ein anderer Spieler habe gewonnen. Ich fühlte mich betrogen, wandte mich an die Polizei, nahm mir sogar einen Anwalt. Doch das Kasino, das heute nicht mehr existiert, weigerte sich, mir den Gewinn auszuzahlen. Ursprünglich stamme ich aus dem Kosovo. Trotz dem Krieg hasse ich niemanden, auch nicht die Serben. Aber auf das Kasino in Engelberg hatte ich eine solche Wut, dass ich mich nur noch rächen wollte. Ich wollte den Jackpot, der mir eigentlich zustand.

25 Franken pro Sekunde

Ich spielte ausschliesslich an Automaten, meist um einen Einsatz von 25 Franken. Das heisst: Einmal drücken, und in einer Sekunde sind 25 Franken weg. Einmal war ich nach fünf Stunden 19'000 Franken los. Am nächsten Tag stand ich schon am Morgen vor dem Kasino und wartete, bis die Türen aufgingen. Und versenkte weitere 7'000 Franken.

Hatte ich kein Geld mehr, fuhr ich bis zu fünf Mal pro Abend nach Hause, um Geld aufzutreiben. Ich fuhr wie ein Wahnsinniger. Spielte ich nicht, begann ich zu zittern. Ich wurde depressiv, dachte oft an Selbstmord. Doch das wollte ich meiner Familie, von der ich heute getrennt lebe, nicht antun.

Schliesslich liess ich mich sperren. Ich verlangte am Empfang des Casino Weggis jemanden, der die Formalitäten erledigte. Sie liessen mich eine geschlagene Stunde warten. Glücklicherweise war ich gerade blank, sonst wäre ich sicher wieder vor dem Kasten gelandet. Seit neun Monaten bin ich clean. Doch was ich angerichtet habe, wird mich ein Leben lang verfolgen. Der Gedanke, die eigene Familie zerstört zu haben, ist mir unerträglich. Und ich habe unendliches Mitleid mit allen, die zocken. Glücksspiel müsste eigentlich Elendsspiel heissen.»

*Name geändert