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HeimwerkenAus dem Handgelenk

Es macht Freude und kann eine Menge Geld sparen: das Heimwerken. Wo früher Männer gerufen wurden, legen heute immer mehr Frauen gekonnt Hand an.

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Es ist ein gutes Gefühl, im Sessel zu ruhen und anderen bei der Arbeit zuzusehen. Egal ob «Hammer-Soap» auf RTL II, «Do it Yourself – S.O.S.» auf ProSieben, «Einsatz in 4 Wänden» auf RTL oder «Versägt noch mal! Heimwerker zwischen Lust und Frust» auf Vox: Bei Heimwerkersendungen ist Schadenfreude angesagt. Da müht sich einer mit dem völlig falschen Werkzeug ab, beim anderen platzt das Wasserrohr und der Dritte trinkt aus lauter Frust beim Dachstockausbau mehr Flaschen Bier, als er Bretter annagelt.

Doch trotz all diesen Missgeschicken, vor denen auch Nachahmer nicht gefeit sind, liegt Heimwerken im Trend. Laut einer repräsentativen Internetumfrage in Deutschland bezeichneten sich 88 Prozent der Antwortenden als Heimwerker. Die Schweizerinnen und Schweizer sind ein nicht ganz so emsiges Volk von Häuslebauern – kein Wunder, zwei Drittel wohnen ja zur Miete. Aber auch hierzulande sind 38 Prozent mindestens einmal pro Woche handwerklich tätig, wie eine Univox-Studie ergab.

Nachdem es die Schweizerinnen und Schweizer jahrelang nicht besonders chic gefunden haben, selber an ihrem Heim zu basteln, zieht es nun wieder mehr Menschen zurück zu den Wurzeln: Statt abstrakte Zahlen und Probleme zu wälzen, wie in vielen Berufen üblich, wollen sie mit den Händen etwas herstellen. Sie wollen die Späne fliegen und das eigene Werk wachsen sehen.

Viel Schweiss – und ein perfektes Werk

«In meinem Beruf läuft alles rein technisch ab», sagt zum Beispiel der Bauführer Domenico Santelli. «Alles dreht sich nur um Zeit und Geld.» Deshalb hat es ihn auch so gepackt, als er seinem Freund half, eine Küche einzubauen (siehe Nebenartikel «Domenico Santelli: «Das hat uns noch stärker zusammengeschweisst»»): Da konnten die beiden am Detail feilen, hier eine Leiste vorstehen lassen und dort eine Mulde einpassen, ganz nach ihrer Fantasie. Und schliesslich die Krönung: Nach viel Arbeit und reichlich Schweiss haben sie ein perfektes Werk zum Vorzeigen. Den beiden ist der Stolz anzusehen, als sie die fertige Küche präsentieren. Dass die Berührungsängste vor Stichsäge, Wasserwaage und Fliesenschneider abgenommen haben, davon profitieren ebenso die Baumarktketten. Als neue Kundschaft haben die Do-it-yourself-Märkte vor allem Frauen im Auge. Denn sie kaufen sich heute ebenfalls Werkzeugkästen und Bohrmaschinen. Wenn auch manchmal mit anfänglichem Respekt, wie die Onlineredaktorin Daniela Rinderknecht (siehe Nebenartikel «Daniela Rinderknecht: «Mauern hat etwas Archaisches»): «An die Maschinen zur Holzbearbeitung habe ich mich bis jetzt nicht gewagt – ich will ja keinen Finger verlieren. Aber langsam kann ich mir sogar das vorstellen.»

Vorsicht bei Arbeiten am Stromnetz

In den Maurerkursen der Migros-Klubschule sind von neun Teilnehmenden stets drei bis vier Frauen. «Als es einmal sogar acht Frauen und nur ein Mann waren, da habe ich nicht schlecht gestaunt», erzählt Kursleiter Ralf Hartmann. Auch der Einstiegskurs ins Einmaleins des Heimwerkens, «Reparaturen im Haushalt», ist bei Frauen sehr beliebt. Und manchmal melden sich Männer an, die eigentlich gar nicht kommen, um etwas zu lernen: «Regelmässig haben wir einen Mann in der Gruppe, der einfach gerne zeigt, was er alles kann», sagt Leiter Thomas Nievergelt.

Alle anderen lernen in diesem Kurs Grundlagen, etwa dass man den Kopf einer modernen Bohrmaschine auch gegen den Uhrzeigersinn rotieren lassen kann, um Schrauben herauszudrehen. Doch wer mit dieser Einstellung ein Loch ins Holz bohren will, wird rasch aufgeben, denn dann beginnt es zu rauchen. «Macht nichts», meint Kursleiter Nievergelt. «Durch solche Fehler lernt man am besten.»

Keinen Fehler leisten können sich Heimwerker bei Arbeiten am Stromnetz. Anfänger sollten auf jeden Fall die Finger von allem lassen, was versteckt ist: Unterputzverkabelungen oder das Innere von Steckdosen etwa. Sonst drohen nicht nur schmerzvolle Erfahrungen, sondern auch rechtliche Konsequenzen: «Wenn etwas passiert, wird man haftbar», erklärt Nievergelt. Besonders heikel sind Stromarbeiten in alten Häusern. Denn dort hätten Stromkabel und die Erdung andere Farben als heute üblich, sagt der Kursleiter. Wenn ein Heimwerker die Erdung falsch anschliesst, ist ein Unfall programmiert. Auch versierte Heimwerker, so Nievergelt, dürften solche Arbeiten nicht ausführen, ohne sie von einem Elektriker abnehmen zu lassen. «Aber bei allem, was frei zugänglich ist, kann man nichts falsch machen», sagt er. Ausser natürlich, man schneidet ein Kabel durch und hat vergessen, zuvor die Sicherung herauszunehmen.

Nicht bei der Schutzkleidung sparen

Nicht nur bei mangelhafter Arbeit drohen Unfälle. So werden im Häuslebauerparadies Deutschland pro Jahr eine Viertelmillion Heimwerkerunfälle gezählt: offene Wunden, Prellungen, Knochenbrüche. Bei der Schutzkleidung zu sparen, lohnt sich nicht. Wer eine Wand spitzt, braucht einen Gehörschutz; wer mit Zement hantiert, Handschuhe gegen Verätzungen; und wer Metall schneidet, sollte gegen herumfliegende Splitter unbedingt eine Schutzbrille tragen. Das Herausreissen von Mauern lässt man besser bleiben, wenn man nicht riskieren will, unter der einstürzenden Decke begraben zu werden. «Sogar ich als Profi muss mich da absichern», betont der Maurer und Polier Ralf Hartmann.

Sicherheitsvorkehrungen sind das eine, Fachkenntnisse das andere. Ein Cheminée im Garten zu bauen, steht bei vielen Heimwerkern oben auf der Wunschliste. Doch der vermeintlich einfache Bau erweist sich als heimtückisch: Wer nicht sorgfältig mauert oder zu früh einfeuert, dessen Cheminée wird in hundert Stücke zerspringen. Fachmann Hartmann rät: Unbedingt Schamottstein und Schamottmörtel verwenden, den Stein vor dem Mauern in Wasser tauchen und alle Fugen sauber füllen – denn Löcher führen später zu Rissen.

Auch wenn man beim Selbermachen viel sparen kann, geht der Kauf von Werkzeug rasch ins Geld. Doch man muss sich nicht jedes teure Spezialgerät selbst anschaffen. Vieles kann in Baumärkten gemietet werden. So lohnt sich der Kauf eines 750 Franken teuren Betonmischers allenfalls für eine Heimwerkerequipe, die einen grösseren Umbau plant. Benötigt man nur kleine Mengen Beton, lassen sich diese notfalls auch von Hand mischen, «oder man geht einfach bei einer Baustelle vorbei», wie Polier Hartmann empfiehlt. Viele seiner Kollegen seien gerne bereit, etwas Beton abzugeben. «Aber bitte nicht vergessen, eine Kiste Bier mitzubringen.»

Buchtipp

Stefan Haas, Beatrix Mühlethaler: «Natürlich wohnen und bauen»; Beobachter-Buchverlag, 144 Seiten, 24 Franken (für Beobachter-Abonnenten 21 Franken). Erhältlich über Telefon 043 444 53 07.

Veröffentlicht am 07. April 2005