Das Unwetter kommt aus Westen. Amerika ist überschuldet, seine risikofreudigen Finanzhäuser brauchen Hilfe vom Staat, die Bürger müssen den Gürtel enger schnallen, die ganze Wirtschaft lahmt. Es riecht gar nach Rezession, einer Schrumpfung der gesamten Wirtschaftsleistung eines Landes in zwei Quartalen hintereinander. Harte Zeiten stehen bevor - voraussichtlich auch hierzulande.

Diesmal könnte es gar ganz schlimm kommen. «In den USA droht eine lange Stagnation mit hoher Inflation, so wie letztmals in den siebziger Jahren», glaubt Wirtschaftsprofessor Werner De Bondt von der Universität Neuenburg. De Bondt verweist auf einen gefährlichen Mix im Land des ungestümen Kapitalismus und freien Marktes. Die Währung verliert an Wert, Öl und Lebensmittel kosten immer mehr, die Ausgaben fürs Militär schiessen durchs Dach und machen das Leben für die Amerikaner zu einer kostspieligen Angelegenheit.

Bereits hat die Teuerung in den USA im letzten Jahr die Vier-Prozent-Grenze überschritten. Und dies obwohl viele Faktoren preisdämpfend wirkten. Etwa all die Waren für den täglichen Gebrauch, die aus dem billigen China in den Staaten landen. Und auch die sinkenden Löhne nehmen Druck von den Preisen. Weil der durchschnittliche Amerikaner in den letzten Jahren viel produktiver geworden ist, zeigen die realen Saläre nach unten. Beides wird aber durch die hohen Kosten für Öl, Gas, Essen und Wohnen zunichte gemacht.



Zwar versucht die US-Notenbank, die eigene Wirtschaft am Laufen zu halten. Sie pumpt derzeit Hunderte von Milliarden Dollar in die Banken, damit diese nicht einstürzen und die Industrie noch ein wenig weiter wächst. Doch die Risiken sind beträchtlich. Sollten die Notmassnahmen nichts nützen und die Wirtschaft trotz der Rettungsaktion von historischem Ausmass hart aufprallen, dann würde die Krise erst recht zum Problem. Denn einer lahmenden Produktion stünde in diesem Fall eine aufgeblähte Geldmenge gegenüber - dann steigen die Preise, das ist wie ein Naturgesetz. Ein Horrorszenario, nicht nur für die USA. «Davon werden bis zu einem gewissen Grad auch Europa und die Schweiz betroffen sein», sagt De Bondt, der bis letzten Sommer in Chicago gelehrt hat.

Jahresteuerung hat sich vervielfacht

Tatsächlich: Im März erreichte die Teuerung im Euro-Raum 3,5 Prozent und damit einen neuen Rekord. So viel habe man nicht erwartet, gab die Europäische Zentralbank kleinlaut zu Protokoll. In der Schweiz schlägt das Inflationsbarometer ebenfalls nach oben aus. Betrug die Jahresteuerung für das vergangene Jahr noch 0,7 Prozent, waren es im März schon 2,6 Prozent. Schon heute ist absehbar, dass es in einzelnen Monaten zu Preisaufschlägen von drei und mehr Prozenten kommen wird.

Inflation trifft vor allem den Mittelstand. Das hängt mit dem hohen Fixkostenblock zusammen, der in Inflationszeiten besonders schwer wiegt. In der Schweiz ist die Hälfte der typischen Lebenshaltungskosten fix. Wohnen und Heizen machen 25 Prozent der Gesamtausgaben aus, die Kosten für Gesundheit betragen 14 Prozent und jene für das Essen elf Prozent. Zusammen mit weiteren neun Kategorien bilden sie den sogenannten Warenkorb, aus dem der Landesindex der Konsumentenpreise berechnet wird.

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Schuldner leben besser

Im Unterschied zum Mittelstand profitieren ärmere Bürger von einer unterdurchschnittlichen Steuerbelastung und von staatlicher Unterstützung, die der Inflation angepasst wird. Auch vermögenden Menschen bereitet eine höhere Inflation weniger Sorgen. Ihr Einkommen ist gross genug, so dass sich ein allfälliger Verzicht auf Luxusprodukte oder einen leichten Rückgang beim Ersparten beschränkt.

Trüb sind die Aussichten hingegen für die Leute mit mittlerem Einkommen. Steht die Wirtschaft still und zeigt die Preisentwicklung trotzdem nach oben, beginnen die Unternehmen zu sparen und frieren bald einmal die Löhne ein. Es öffnet sich eine Schere zwischen teurerem Leben und tieferem Einkommen. Selbst die Ersparnisse helfen nicht weiter. Übersteigt die Teuerungsrate den Zinssatz der Banken, dann schmelzen auch die Vermögen. Nur eine Gruppe von Leuten spürt bei hoher Inflation Erleichterung: die Schuldner. Was sie ihren Gläubigern heute schuldig sind, hat in einem Jahr - Geldentwertung sei Dank - ein paar Prozent weniger Wert.

Gefordert ist nun die Nationalbank. Die müsste die Zinsen erhöhen, nur das verteuert das Geld für die Kreditnehmer und macht der Inflation den Garaus. Was aber theoretisch einfach klingt, ist in der Praxis ein Kraftakt der besonderen Art. «Hat sich eine signifikant höhere Inflation im System festgesetzt, bringt man sie nur schwer weg, weil die Verantwortlichen meistens vor starken Massnahmen zu deren Bekämpfung zurückschrecken», sagt Kurt Schiltknecht. Der Wirtschaftsprofessor weiss, wovon er spricht. Als die Jahresteuerung Mitte der siebziger Jahre auf über zehn Prozent stieg und Anfang der achtziger Jahre immer noch über sechs Prozent betrug, war Schiltknecht Chefökonom bei der Nationalbank. Erst 20 Jahre später - ab 1994 - hatte die Schweiz die Inflation besiegt. Offenbar nicht für immer.

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Quelle: Paul-Georg Meister, www.pixelio.de