Das Geld wurde am gleichen Tag von seinem Postkonto abgebucht - auf die Lieferung wartete Hans Bürgin vergeblich. Er hatte in einem Internet-Shop für 48 Franken Handy-Zubehör bestellt. «Die Homepage machte einen seriösen Eindruck», erinnert sich der 49-Jährige. Dass etwas nicht stimmte, merkte er erst, als seine Reklamationen unbeantwortet blieben. «Auch wenn es um einen kleinen Betrag ging, war ich recht sauer.» Bürgin liess nicht locker, machte den Homepage-Betreiber ausfindig und drohte diesem eine Anzeige an. Innert Wochenfrist war das Paket da. Ohne Kommentar, acht Wochen zu spät. Bürgin hat seine Lektion gelernt: «Heute zahle ich kaum mehr im Voraus.»
Dies dürfte auch Heinz Weissenberger künftig beherzigen. Der 57-Jährige bezahlte 500 Franken für eine Stereoanlage, die er bei einem Online-Shop bestellt hatte. Das Gerät sah er nie. Zuerst wurde Weissenberger an der Hotline vertröstet, und als er nach acht Wochen vom Kaufvertrag zurücktreten wollte, hiess es plötzlich, der Laden existiere nicht mehr. Die Firma hatte Konkurs gemacht, Weissenberger musste sich die 500 Franken ans Bein streichen: «Ich habe teures Lehrgeld bezahlt.»

«Der Einkauf per Internet ist in keinem europäischen Land so schlecht abgesichert wie in der Schweiz», sagt die Berner SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga. Die Konsumentenschützerin ist überzeugt, dass hierzulande immer häufiger unseriöse Anbieter mitmischen, weil sie von den fehlenden Vorschriften profitieren.

Der Bundesrat blockt ab Tatsächlich können Schweizer Internetanbieter ihre Verkaufsbedingungen im Kleingedruckten nach ihrem Gusto regeln - Kunden müssen diese schlucken oder auf einen Kauf verzichten. Anders in der EU: Dort unterliegen Online-Shops strengen Informationspflichten. Und egal, was im Kleingedruckten steht, der Konsument kann während sieben Tagen vom Kaufvertrag zurücktreten. Die Garantiefrist beträgt in jedem Fall zwei Jahre.

Überdies beschloss die EU-Kommission im Februar, die Konsumentenrechte weiter zu stärken. So sollen etwa Liefer­fristen und Rückgaberechte konsumenten­freundlicher gestaltet werden, um das Vertrauen in den Online-Handel zu stärken.

Anders in der Schweiz: Bereits im Jahr 2004 hielt das Parlament fest, dass die heutige Gesetzgebung keinen ausreichenden Schutz bietet. Doch Ende 2005 wischte der Bundesrat die ausgearbeiteten Gesetzesneuerungen vom Tisch. Er hält den Ausbau der Konsumentenrechte für unnötig.

IT-Jurist David Rosenthal kann das verstehen: «Viele Schweizer Online-Shops haben gemerkt, dass sie Kunden nur halten, wenn sie diese freiwillig gut behandeln. Auch neue Gesetze machen die unseriösen Anbieter nicht seriös», sagt er. «Freiwilligkeit reicht nicht», widerspricht Sommaruga, «es braucht Vorschriften.» Es genüge nicht, neue Technologien einzuführen, ohne die Gesetze anzupassen.

Jetzt verlangt eine parlamentarische Initiative, dass die Schweiz die Online-Konsumentenrechte dem EU-Niveau in drei Punkten angleicht: Neu sollen die Informationspflicht, das Widerrufsrecht und zwingende Garantiefristen gesetzlich vorgeschrieben werden. «Es wird immer schwieriger zu erklären, wieso die Schweiz ihren Markt für die EU öffnen soll, aber ihre Konsumentenrechte nicht EU-kompatibel gestalten will», so Initiantin Sommaruga. Sie ist aber zuversichtlich: «Bis Ende 2008 gibt es auch im Schweizer Online-Handel konsumentenfreundlichere Regelungen.»

Anzeige