Kapitän Lütke wusste, dass diese ­Inseln bisher unbewohnt gewesen waren; es konnten daher nur Schiffbrüchige sein, von deren Feuer ­dieser Rauch stammte. Da wurde neben dem Feuer eine kleine englische Flagge aufgehisst und Lütke sandte ein Boot mit Lebensmitteln ab, um die jedenfalls halb Verschmachteten sofort erquicken zu können.

Den Leuten im Boot zeigte sich ein reizendes Landschaftsgemälde. Steile, wild zerklüftete Felsen, in seltsame Gebilde zerrissen und oft von natürlichen Stollen durchbrochen, sprangen kühn ins Meer hinaus, und weiter hinein bedeckte eine prachtvolle Palmenwaldung die schroff aufsteigenden Höhen.

Das Boot wurde nach der Rauchsäule hingesteuert, und als es dem Ufer so nahe gekommen war, dass die Felswände den Leuten die Aussicht auf den Hintergrund benahmen, zeigte sich der Eingang zu einer ­schmalen, tiefen Bucht, ganz umschlossen von senkrechten Basaltmauern, reich an Höhlen und Riffen, von Farbe teils gelblichgrau, teils braunschwarz, doch oben auf allen Vorsprüngen mild und heiter verziert und behangen von grünendem Strauchwerk und schönblumigen Rankengewächsen. Bei einer aus riesigen rundlichen Blöcken zusammengesetzten Felswand krümmte sich die Durchfahrt nach Norden hin und bald darauf zeigte sich eine schmale Bucht mit sandigen Ufern, deren Hintergrund dicht mit Wald bewachsen war.

Hier warteten am Strand bereits zwei Männer in englischen Matrosenkleidern, aber sie waren barfuss. Sie hatten bei der Annäherung des Bootes die Höhe verlassen und bezeichneten durch Winke den Ort, an dem man landen sollte. Wie staunten die Insassen des Fahrzeugs, als sie von dem älteren der beiden Männer in deutscher Sprache angeredet wurden!

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Ein langer blonder Bart gab ihm ein stattliches und ernstes Aus­sehen. Er empfing die Landenden nicht mit der Miene eines Notleidenden, sondern mit der eines Mannes, der von keinem Menschen etwas zu erbitten braucht. Er war ein deutscher Landmann aus Pillau, der schon seit dreissig Jahren als Seemann das Meer unter englischer Flagge befahren hatte. Dieser, wie man wohl sagen darf, weit verschlagene Mann und sein Begleiter, ein junger Norweger, hatten zur Mannschaft des Walfängers «Williams» gehört, der vor zwei Jahren in dieser Bucht während eines fürchterlichen Orkans von seinen Ankern gerissen wurde und an den benachbarten ­Felswänden im Innern der Bai gescheitert war. Damals rettete sich die Mannschaft an Land, ward aber bald darauf von einem für das nämliche Haus fahrenden Walfänger an Bord genommen, wobei Wittrin und ­Petersen, so hiessen die beiden, sich die Erlaubnis erwirkten, auf dem romantischen Eiland zu bleiben und bis zur Ankunft eines anderen Schiffs eine gemütliche Robinsonade ins Werk zu setzen.

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Das ungefähr war der Inhalt des ersten lebhaften Gesprächs der Einsiedler mit den fremden Ankömmlingen, und die Robinsons führten dann die Besucher nach ihrer Wohnung, um sie dort zu bewirten.

Unter prachtvoll aufstrebenden Bäumen, deren Kronen sich erst in beträchtlicher Höhe berührten, während weiter unten der völlige Mangel an grösseren Ästen einen ziemlich freien Durchblick ermöglichte, sodass das Ganze einer riesigen, mit herrlichen Laubgewinden gezierten Säulenhalle glich, lag sehr anmutig das kleine, aus den Trümmern des «Williams» gezimmerte Haus, vor dem ein artig angelegter Ziehbrunnen, aus einer eingegrabenen Tonne bestehend, viel zu dem wohnlichen Aussehen der kleinen Ansiedlung beitrug.

Die Schiffer hatten in menschenfreundlicher Absicht Lebensmittel mitgebracht, um vermeintlich Notleidenden beizustehen, doch sie waren selbst in das Märchenreich des Überflusses geraten, und statt mit mittelmässiger Schiffskost Hungrigen beizuspringen, wurden sie nun mit dem ausgesuchtesten Abendessen bewirtet. Von den mehr oder weniger zahmen Schweinen, die die ländliche Szene belebten, ward von den freundlichen Wirten sogleich eines der fettesten geschossen. Man lichtete den wohl versorgten Taubenschlag und als Zuspeise gab es Kartoffeln, Wassermelonen, Holundersuppe, frische Feigen und Maulbeeren, Pfannkuchen, Schildkröten­eier und verschieden hergerichtete Fische. Den Beschluss machte ein würziger Tee, der aus den Blättern des hier wild wachsenden Sassafras bereitet worden war. Die beiden Einsiedler hatten sich sehr an ihn gewöhnt und auch von den ­Gästen wurde er als köstlich befunden.

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Die Sorgfalt der Gastgeber ging so weit, dass sie, weil ihr Tischgerät nicht für alle ausreichte, schnell ­einige Löffel anfertigten. Das waren Muschelhälften, die man an Stielen von Fächerpalmen befestigte. So schön weiss ein Robinsonleben den Erfindungsgeist zu wecken. Auch die innere Einrichtung der Hütte machte einen wohltuenden Eindruck und zeugte von dem Ordnungssinn und den günstigen Verhältnissen ihrer Bewohner. Das Hausgerät, das hauptsächlich aus Schiffskisten und den beiden Hängematten bestand, nahm sich artig aus; auch bemerkte man einige vom Schiff gerettete Bücher, die namentlich in langen ­Winterabenden die Abgeschiedenheit versüsst hatten. Für die notwendige Beleuchtung war gesorgt, denn es fehlte nicht an Walrat, womit das verunglückte Schiff hauptsächlich beladen gewesen war.

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Den grössten Teil der nächsten Nacht brachte die heitere Gesellschaft unter den herrlichen Bäumen vor der Klause zu. Bald gesellte sich zur Lieblichkeit des Ortes und des Klimas bei völlig heiterem Himmel der Vollmondglanz in seiner ganzen stillen Pracht. Solche Stunden sind unvergesslich und werfen einen Lichtschein durch das ganze Leben.

Die beiden Ansiedler hatten den Platz Port Lloyd genannt, und da Lütke hier alles vereinigt fand, was er brauchte, so beschloss er, einige Zeit zur Ausbesserung seines Schiffs hier zu verweilen. Währenddessen hatte er volle Zeit, sich mit der belebten Welt der romantischen Insel bekannt zu machen.

Ausser den mannigfaltigen Vögeln, vom Falken des Gebirges bis zum Pelikan des Strandfelsens, beschäftigte ihn besonders die Tierwelt der unterseeischen Gefilde. Reizend waren namentlich die Uferstellen, von denen man auf die seichten Korallenbänke hinabschauen konnte, deren weissgelber Sand durch den flüssigen Kristall des Seewassers emporschimmerte. Zwischen den einzelnen mit lebenden Polypen versehenen Korallenstämmen sah man in buntem Gemisch Seesterne, Holothurien und Seeigel von wunderbarer Grösse und Schönheit sich am Boden bewegen, während das beinahe 20 Fuss tiefe Küstenwasser, vollkommen durchsichtig wie Glas, in allen seinen Schichten von den prachtvollen Fischen und Doriden durchkreuzt wurde, deren schönes Scharlachkleid mit einem glänzend weissen Mantelsaum verbrämt war.

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Das fortwährende Kommen und Gehen, das ewig wechselnde Bild dieser unterseeischen, in allen Regenbogenfarben glänzenden, metallisch schimmernden Lebensformen, das unermüdliche Auf- und Abfluten dieser sich stets neu gestaltenden Wasserwelt gab ein Schauspiel, wie es nur der Küstenbewohner der ­Tropen zu sehen bekommt. Die meisten der Fische wurden als höchst schmackhaft befunden und ebenso die Krebse und Krabben der mannigfaltigsten Arten, die nicht allein in den unterseeischen Klüften der Felsenufer sich versteckten oder auf Korallenbänken auf Raub ausgingen, sondern auch alle durch die Waldtäler rieselnden Bäche belebten.

Die Formen der Eidechsen und Schlangen fehlten dagegen gänzlich, und auch die Säugetiere waren nur widerwärtig oder unheimlich durch die Ratte und ­einen ziemlich grossen Flatterer vertreten, der wegen seiner Gestalt der fliegende Bär (Pteropus ursinus) genannt wurde. Das Klima war vortrefflich und die beiden Einsiedler erzählten, dass sie selbst im Winter nie das Bedürfnis nach einer Fussbekleidung empfunden hätten. Die Hitze des Sommers aber wurde durch die frische Seeluft gemildert.

Die Natur hätte hier also alles vereinigt, um diesen Ort zu einem wünschenswerten Aufenthalt für den Menschen zu machen, wenn sie ihn nicht bisweilen durch Erdbeben und furchtbare Stürme erschreckte. Die Orkane entfalten bekanntlich in den chinesischen und japanischen Meeren eine furchtbare Wut und rasen in ihrer ganzen entsetzlichen Stärke auch über die nahe liegenden Bonin-­Inseln. Sogar im Innern der Bai geraten dann die Gewässer in einen so furchtbaren Aufruhr, dass sie den Anblick einer einzigen weissen Schaummasse darbieten. Und findet eins der hier nicht seltenen Erdbeben statt, so wird das Land bis in seine tiefsten Grundfesten erschüttert. Die Sturmflut steigt dabei zu einer solchen Höhe, dass sie alle Flächen und Täler weithin unter Wasser setzt.

Also diese Inselgruppe wollten wir ansegeln, hatten sie aber noch nicht erreicht, als Kapitän Turnerstick plötzlich einige Striche mehr nach Südwest abfallen liess, eine Massregel, die meine Verwunderung erregte.

«Wollt Ihr an den Bonin-Islands vorbei, Käpt’n?», fragte ich ihn.

Er sog die Luft mit der Bedachtsamkeit eines nach Champignons suchenden Wachtelhundes ein und machte ein sehr bedenkliches Gesicht.

«Vorbeigehen? Hm, fällt mir nicht ein! Aber Ihr gebt doch zu, dass es gut sein wird, uns für jetzt ein wenig seewärts vom Land zu halten.»

«Warum?»

«Riecht Euch doch einmal diese Luft an! Merkt Ihr etwas?»

Ich konnte trotz aller Aufmerksamkeit weder einen Veilchen- noch einen anderen Duft, sondern nur den gewöhnlichen Seegeruch wahrnehmen und verneinte darum.

«Ich merke nichts.»

«Und seht auch nichts?»

Ich musterte den ganzen Gesichtskreis. Im Nord­osten war es, als sei der Himmel da, wo er den Horizont berührte, mit glänzenden und maschenartig gekreuzten Spätsommerfäden überzogen, an deren oberem Rand sich eine kleine, helle und scheinbar kaum einen Fuss im Durchmesser haltende Öffnung befand. Das alles war so seidenartig, so zart und weich gezeichnet, als hätte der Mundhauch einer Fee den sonst so freundlichen und lichten Meeressaum berührt, und ich konnte mir nicht denken, dass diese kaum bemerkbaren Linien in einem Zusammenhang mit der plötzlichen Veränderung unserer Richtung stehen könnten.

«Ich sehe nur jene unverfänglichen Striche dort zwischen Ost und Mitternacht.»

«Unverfänglich? Ja, so kann bloss einer sprechen, der kein Seemann ist, oder vielmehr, ich glaube sogar, dass es auch ein sonst wohlbefahrener Wasserbär meinen könnte, falls er zum ersten Mal in diese Meere kommt. Aber traut nur diesem Himmel nicht; er macht ein verführerisches Gesicht, und was darauf folgt, werden wir bald merken.»

«Sturm?»

«Sturm? Pah! Wollt Ihr einen Bären mit einer Spitzmaus vergleichen? Beide Tiere gehören, wie ich mir einmal habe sagen lassen, zu derselben Klasse von Raubtieren, aber ich glaube doch nicht, dass Ihr Meis­ter Petz in einer Mausefalle fangen werdet. So ist es auch hier. Der Sturm und das, was wir zu erwarten haben, gehört beides zu derselben Sorte von Lufterscheinungen, aber zwischen einem regelrechten Sturm und dem Taifun ist derselbe Unterschied wie zwischen der Maus und dem Bären.»

«Einen Taifun erwartet Ihr?», fragte ich, halb erschrocken und halb befriedigt, dass es mir vergönnt sein sollte, diese fürchterliche Lufterscheinung kennenzulernen.

«Ja, einen Taifun. In zehn Minuten haben wir ihn. Es wird der elfte oder zwölfte sein, den ich in diesen Gewässern erlebe; ich kenne also die Art von Mailüftchen recht gut. Es gibt verschiedene Anzeichen dafür, keins von ihnen aber ist so gefährlich wie dieses verteufelte Netz dahinten. Ich sage Euch, Charley, in fünf Minuten werden die Fäden den ganzen Himmel umsponnen und sich zu einer pechschwarzen Wolkenmasse ausgebildet haben. Die weisse Öffnung dort wird bleiben, denn der Taifun muss doch eine Tür haben, durch die er herunterblasen kann. Es ist ein Sturmloch. Macht, dass Ihr in Eure Kajüte kommt, und guckt nicht eher wieder heraus, als bis ich Euch entweder rufe oder unser guter ‹Wind› unten auf dem Meeresgrund für immer vor Anker geht!»

«Passt mir schlecht, Käpt’n! Darf ich nicht an Deck bleiben?»

«Es ist meine Pflicht, jeden Fahrgast bei drohender Gefahr hinabzuschaffen, und doch würde ich bei Euch eine Ausnahme machen, aber ich gebe Euch mein Wort, dass Euch schon die erste oder zweite See über Bord nehmen würde.»

«Möchte es nicht glauben. Ich bin nicht zum ersten Mal auf See, und wenn Ihr wirklich Sorge habt, so nehmt ein Tau und zurt mich fest, an den Mast oder sonst irgendwo!»

«Unter dieser Bedingung mag es gehen; aber wenn der Mast über Bord geht, so seid auch Ihr verloren!»

«Wahrscheinlich! Aber dann wird ja überhaupt von dem Schiff nicht viel übrig bleiben.»

«Well! Wenn Ihr es einmal auf den Mast abgesehen habt, so kommt her; ich selber werde Euch mit ihm zusammensplissen.»

Er nahm ein starkes Tau zur Hand und band mich fest.

Unterdessen herrschte eine fieberhafte Geschäftig­keit an Deck. Die Gallantmasten und Rahen wurden heruntergenommen und alles Bewegliche soviel wie möglich befestigt oder durch die Luke in den Raum ­geschafft. Jedes Stück Leinwand wurde gerefft und nur oben am Spenker blieb ein Sturmtopsegel, um dem Steuer soviel wie möglich zu Hilfe zu kommen. Auch an die Radspeichen des Steuers wurden Taue befestigt, für den Fall, dass blosse Armeskraft nicht mehr zulangte, das von den Wogen ergriffene Ruder zu beherrschen. Schliesslich wurde jede in den Raum führende Luke oder Öffnung so fest wie möglich verschlossen, damit das Wasser keinen Zutritt finden konnte.

Und nun, als das alles mit der angestrengtesten Tätigkeit beendet war, brach, genau nach zehn Minuten, wie der Kapitän vorhergesagt hatte, das Wetter los. Der Himmel hatte sich mit einer schwarzen Decke umzogen und die Wogen besassen jetzt eine tiefdunkle, fast möchte ich sagen höllisch drohende Farbe. Sie hatten keine raschere Bewegung als bisher, aber jede einzelne der Wellen glich einem schwarzen Panther oder einem zottigen Bison, der ­ruhig hält, um seine Kraft zu einem plötzlichen Sprung oder Stoss zu sammeln.

Das Sturmloch hatte sich erweitert. Es besass das Aussehen eines runden Fensters, durch das ein feiner, rötlichgelber Rauch hineingetrieben wird. Da strich ein leises Säuseln über die Wasser und aus weiter Ferne her liess sich ein Ton vernehmen, ähnlich dem einer überblasenen Bassposaune.

«Aufgepasst, Boys, er kommt!», liess sich die Stimme des Kapitäns hören. «Steht nicht frei, sondern nehmt das stehende Tau in die Hand!»

Der Posaunenton ertönte stärker und näher, und – da kam es heran, eine schwarze, hohe, beinahe senkrecht aufsteigende Wogenmauer, und hinter ihr der Orkan, der sie emporgerissen hatte und vor sich hertrieb. Im nächsten Augenblick wäre selbst der Schuss eines Kruppschen Belagerungsgeschützes nicht zu ­hören gewesen; die Mauer hatte uns erreicht, stürzte über uns her und begrub uns unter ihrer bergeschweren Flut.

«Halt aus, mein guter ‹Wind›, halt aus!», waren meine Gedanken und das brave Schiff gehorchte diesem Wunsch. Es erhob den vorn tief niedergestossenen Bug und stieg aus der schwarzen, brüllenden Tiefe empor. Aber dieser eine Augenblick hatte der See ein vollständig verändertes Aussehen gegeben. Die Wogen wälzten sich scheinbar berghoch und von allen Seiten auf uns zu und schlugen haushoch über das Deck. Noch rollte der Schwanz der einen über mich hinweg, so hatte mich bereits der Rachen der anderen erreicht, und kaum blieb mir Zeit, den nötigen Atem zu schöpfen. Das brüllte und heulte, das rauschte und sprudelte, das gurgelte und schäumte, das gellte und pfiff, das ächzte und stöhnte, das knarrte und prasselte rund um mich her, über mir, unter mir und – in mir, denn es war mir ganz so, als hätte der fürchterliche Taifun auch mich selber, meine Knochen und Muskeln, meine Sehnen und Flechsen und jede Faser und Fiber meines Innern gepackt.

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Der Kapitän hielt sich an einem der laufenden Taue fest und hatte die Seetrompete ergriffen. Nur ihr scharfer, schneidig-schriller Ton vermochte es, das entsetzliche Chaos des ringsum tobenden Stimmengewirrs zu durchdringen. Seine Befehle wurden verstanden und trotz der übermenschlichen Anstrengung, die dabei erforderlich war, schnell vollzogen. Eine Hand voll braver Topgasten oder Vorkastellmänner warf sich immer auf einen der bedrohten Punkte, und man muss in solchen Augenblicken die starken todesmutigen Leute beobachtet haben, um zu begreifen, welchen Wert ein jeder einziger von ihnen besitzt. Drei Männer standen am Steuer und vermochten trotz aller ihrer Anstrengung nicht, es zu lenken; sie mussten die Taue zu Hilfe nehmen.

Die Wogen gingen so schwer, dass sie unter ihrer Wucht das Schiff zu zermalmen drohten. Von Minute zu Minute brach eine hohe See über uns her und der Hauptmast, an dem ich befestigt war, bog sich wie eine Weidengerte. Das Sturmloch hatte sich geschlossen und wir befanden uns in vollständiger Nacht, durch deren Finsternis nur der sprühende Schaum der Wogenkämme gespenstisch leuchtete. So wütete der Orkan zwei, drei, vier Stunden lang. Ich hatte mich bisher keinem noch so fürchterlichen Präriebrand, keinem noch so gefährlichen Tier der Wildnis, keiner noch so drohenden Naturerscheinung gegenüber hilflos gefühlt; jetzt aber durchbebte mich die ganze Erkenntnis menschlicher Schwäche, die uns zu den Füssen des Allmächtigen in den Staub niederwirft. Ich dachte an jenen Sturm auf dem See Genezareth und an den Hilferuf des jäh verzagenden Jüngers: «Herr hilf uns, wir ­verderben!» Und ist das Schiff noch so fest und sicher gebaut, klopft in der Brust des Kapitäns ein noch so mutiges und erfahrenes Herz, und tun die Mannen noch so brav ihre Schuldigkeit, es bleibt doch jedem Augenblick die Macht vorbehalten, das Fahrzeug mit allem darauf wohnenden Leben zu verderben. Und dann …

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«Dann sitzet am grauen trüben Morgen
das Wrack am öden, fernen Strand,
und was es trug, ruht tief geborgen
dort unten in des Meeres Sand:
Da ruht der Mensch mit seinem Hoffen,
mit all dem Glück, das ihm gelacht,
in seiner besten Kraft getroffen
von einer einz’gen Wetternacht.»

Ich hatte noch niemals einen solchen Aufruhr der Naturkräfte erlebt und erwartete alle Sekunden, von meinem Haltepunkt losgerissen und in die kochende See geschleudert zu werden. Eine Reling um den Bord herum gab es bereits nicht mehr, sie war zerschmettert worden von den Gegenständen, die der wütende Sturm von ihren Plätzen gezerrt und ins Meer geworfen hatte. Da trat mit einem Mal eine minutenlange lautlose Stille ein, während der man das angestrengte Klopfen des eigenen Pulses zu hören meinte.

«Achtung, Jungens! Jetzt kommt es doppelt!»

Kaum waren diese Worte des Kapitäns verklungen, so zuckte ein blendender Blitzstrahl nieder, es erfolgte ein Donnerschlag, unter dem die See erkrachte und die Erde zu bersten schien, und dann wühlte sich der Taifun ins Wasser, dass er die Spitzen unserer Masten zu überspringen schien. Wir wurden vom Wogenstrudel gepackt und um unsere eigene Achse gedreht – ein allgemeiner Schrei der Todesangst, ein entsetzliches Krachen und Prasseln und Schmettern, dann schwiegen die Lüfte so plötzlich wie die Musikinstrumente auf den Taktschlag eines allmächtigen Kapellmeisters, und nur das Branden der Wogen gegen unsere Planken liess sich vernehmen.

«Der Fock über Bord!», schrie der Kapitän mit Donnerstimme. «Kappt die Taue, schnell, kappt, kappt um Gottes willen!»

Alle Hände bewaffneten sich mit Beilen. Das Schiff lag nach Starbord hinüber; eine Reihe von kräftigen, dumpfen Schlägen erfolgte – es rauschte und brauste in den Fluten; das Schiff wankte und bog sich vorn tiefer, während eine Sturzsee nach der anderen über das Deck rollte und uns in ihrem Wasser völlig begrub.

«Rascher, rascher, Jungens, sonst geht’s hinab mit uns!», schrie Turnerstick.

«Ahoi, Käpt’n!», rief der Bootsmann. «Spriet auch vom Bug – hängt am Fock!»

«Kappt, kappt auch diese!», klang die Antwort.

Zu gleicher Zeit griff er sich an mir vorüber nach vorn, um sich selber vom Stand der Dinge zu überzeugen. Wieder ertönten die Schläge, dann spritzte es vor uns hoch auf und der Bug hob sich in die Höhe.

«Ahoi, Maate, steht’s hinten gut?»

«Aye, aye, Sir!»

«Well! Zieht ein Reff auf, Jungens! Wir brauchen es, denn der Taifun ist vorüber.»

Er kam zu mir zurück.

«Ah, Charley, lebt Ihr noch?»

«Ein wenig!»

«Also ganz nicht? Glaube es. Werdet ein gutes Teil Salzwasser geschluckt haben, und das ist nicht jedermanns Sache. Wollt Ihr los?»

«Denke es, Sir. Ist diese Luft wirklich vorüber?»

«Natürlich. Der Taifun kommt plötzlich und nimmt ebenso rasch Abschied. Hat uns noch einen tüchtigen Fusstritt gegeben! Die See wird noch einige Stunden hoch gehen. Fock und Spriet samt Klüver sind fort, aber wenn wir unten noch heil sind, so will ich Gott danken, so gut davongekommen zu sein.»

Er band mich los und ich hatte bei dem aufgeregten Wogengang, der nach und nach in eine erst schwere und dann leichte Dünung überwechselte, alle Mühe, mich auf den Füssen zu halten. Die Wolkenhülle öffnete sich an mehreren Stellen; es wurde wieder Tag und endlich rang sich auch der erste Sonnenstrahl wieder durch.

Auf dem Deck sah es fürchterlich aus, doch ging mich das jetzt nichts an, sondern ich stieg mit dem Kapitän hinab in den Raum, um dort nachzusehen. Im Frachtraum herrschte eine wahrhaft heillose Verwirrung. Fässer, Ballen, Pakete und Kisten lagen wirr und ordnungslos durcheinander, und wir konnten uns erst nach langer Anstrengung eine Bahn durch dieses Chaos erzwingen. Kaum aber war das geschehen, so schob mich der voransteigende Kapitän beiseite und eilte wieder empor.

«Was gibt’s Käpt’n?»

«Wasser im Raum. Wir haben ein grosses, ein gefährliches Leck!»

Er stieg an Deck, um die Leute an die Pumpen zu befehlen, und ich gab mir Mühe, so schnell wie möglich das Schlauchwerk in Ordnung zu bringen. Bereits nach zwei Minuten begann die Arbeit, während der Schiffszimmermann das Leck aufzufinden und zu verstopfen suchte. Das war eine harte Arbeit, gelang aber doch wenigstens so weit, dass wir uns für den Augenblick in Sicherheit befanden.

Die anderen waren beschäftigt, das Deck von Splittern und Tauschlissen zu säubern; dann wurde ein Notspriet vorgeschoben und auch einstweilen ein Hilfsmast an dem Fockstumpf aufgerichtet. Auch die Reling wurde soviel wie möglich wiederhergestellt und dann hiess der Kapitän den Maat, gerade nach Norden abfallen.

«Bis Port Lloyd wird es jetzt gehen», meinte er.

«Wie weit ist es noch bis hin?»

«Habe bereits nachgesehen», antwortete er. «Dieser Taifun hat uns im Kreis herumgetrieben. Ihr müsst nämlich wissen, Charley, dass so ein Kerl nicht etwa ein ehrlicher Sturm ist, der aus einer Richtung bläst, wie manche Seeleute und Gelehrte annehmen, sondern meist beschränkt er sich auf ein kleines, scharf abgegrenztes Gebiet und bläst dann aus allen möglichen Himmelsbacken auf einmal nieder. Es ist leicht möglich, dass wir uns im Taifun befinden, während einige Meilen davon ein anderes Schiff bei kleinem Wind ­vorübergeht, ohne etwas von dem Orkan zu bemerken, höchstens dass es sich über die an seinem Bug auslaufende Dünung wundert, die es sich nicht erklären kann. Also der Orkan hat uns beinahe im Kreis herumgeführt und wir können trotz unseres schlechten Segelwerks noch heute vor Nacht in Port Lloyd sein.»

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Die obige Erzählung «Im Taifun» ist ein Auszug aus dem Band «Am Stillen Ozean». ©Karl-May-Verlag Bamberg

Seine Reisen durch die Schweiz haben Karl May inspiriert. Der Rigi, dem Gotthard und dem San Salvatore widmete er hymnische Gedichte.

Von Tatjana Stocker

Ende September 1901 logiert Karl May im Hotel Rigi Kulm, zusammen mit Nochehefrau Emma und Sekretärin Klara Plöhn, seiner Geliebten und Gattin in spe. Der privaten Turbulenzen zum Trotz arbeitet der Vielschreiber auf Rigi Kulm am Manuskript von «Et in terra pax», seinem pazifistisch geprägten Spätwerk. Das «Karl-May-Zimmer» in der dritten Etage des heutigen Kulm-Hotels ist jedoch so erfunden wie Karl Mays ­Geschichten: Das 1848 eröffnete Hotel brannte bereits 1935 ab. Immerhin: Das Gästebuch, in dem sich der berühmte ­Autor verewigte, existiert noch.

Drei Schweiz-Aufenthalte sehen May-Historiker als gesichert an. Bereits im Sommer 1893 verbringt Karl May mit Emma und seinem Verleger einige Tage am Brienzersee – im selben Jahr, in dem sein geistiges Kind, der «edle Wilde» Winnetou, das Licht der Welt erblickt.

Im April 1899 überquert May die Schweizer Alpen auf dem Weg via Genua in den Orient. In Lugano – May residiert im neu eröffneten Hotel Bellevue au Lac – bringt er während des dreitägigen Aufenthalts zwei längere Gedichte zu Papier, «Am Gotthard» und «San Salvatore». Die Reise wirkt nach: Gut zwei Wochen später schreibt May in Ägypten die Gedichte «Am Vierwaldstätter See» und «Auf Rigi-Kulm» (siehe unten). Hat der Autor aus Sachsen Sehnsucht nach der Schweizer Bergwelt verspürt? Die schlimmste Form des Heimwehs, so Karl May in seinen Schriften, sei das «Heimweh des Schweizers».

Siehst du die wunderbare Herrlichkeit,
die vor dein Auge sich hier rundum breitet?
Fühlst du, dass sie dich innen firmt und weiht,
Dich von der Schöpfung auf den Schöpfer leitet?
Willst du der Allmacht Worte recht verstehen,
So darfst du sie nicht so wie Andre sehen.

In seiner Jugenderzählung «Der schwarze Mus­tang» (1897) schildert Karl May einen satiri­schen Dialog, in dem Old Shatterhand einen gewissen Hobble-Frank über die Schweizer Geographie aufklärt:
[...]
«Wir lachen nicht über dich, sondern über den Rigi, lieber Frank.»
«Über den Rigi? Wieso?»
«Ich wasche meine Hände in Unschuld, das hat Pilatus gesagt.»
«Nein, der Rigi hats gesagt!»
«O, bitte! Es hat niemals ein Mensch den Namen Rigi geführt, ­sondern so heisst ein Berg am Vierwaldstättersee; ein anderer, nicht weit von ihm an derselben Stelle gelegener Berg wird der Pilatus ­genannt; das hast du gehört oder gelesen; das schwebt dir vor, und so wurde die Verwechslung des Landpflegers Pilatus mit dem Berg Rigi möglich.»


Bücher


Helmut Schmiedt: «Karl May oder Die Macht der Phantasie. Eine Biographie»; Verlag C. H. Beck, 2011, 368 Seiten, CHF 36.90

Karl May: «Ein Lesebuch. Eine Auswahl der schönsten Geschichten»; Karl-May-Verlag, 2012, 512 Seiten, CHF 37.90


Hörbuch


«Der Orientzyklus»; Der HörVerlag, 2009, 12 CDs, 645 Minuten, 55 Franken. Hörspiel mit über 140 Sprechern und aufwendiger Geräuschkulisse.


Ausstellung


«Faszination Indianer: Vorstellungen, Darstellungen – ein Streifzug durch die Jahrhunderte»; Nordamerika Native Museum Zürich, 22. März bis 31. Oktober
www.nonam.ch


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