Den Feind hat die Branche längst ausgemacht: Es sind die Jungspunde von SVP und FDP, die im letzten Sommer erfolgreich das Referendum gegen die Wiedereinführung der Buchpreisbindung ergriffen. Sie hätten sich vom Preisbrecher Ex Libris vor den Karren spannen lassen und gefährdeten mit ihrer unbedarften Vision vom freien Markt das Kulturgut Buch. Eine Schildbürgerei sei das, büssen müssten letztlich die Konsumenten: weil die Buchpreise dann steigen, die Vielfalt an Büchern bedroht werde und Verlage wie auch kleine Buchhandlungen in ihrer Existenz bedroht würden. «Biber werden geschützt, Bücher nicht» – mit diesem herrlich absurden Schlachtruf steigt die Buchbranche in den Abstimmungskampf.

Eine klare Sache, möchte man meinen, zumal die Branche fast geschlossen für die Buchpreisbindung eintritt, die am 11. März vors Volk kommt. Doch jetzt gibts Gegenwind, ausgerechnet aus dem Bundeshaus. Nach Auffassung von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann würde das Preisdiktat nicht für den Privateinkauf bei ausländischen Online-Buchhändlern gelten, sondern sei auf die gewerbsmässige Einfuhr beschränkt. Das hiesse: Amazon & Co. könnten die Preisbindung unterlaufen und erhielten einen quasi staatlich garantierten Wettbewerbsvorteil. Unschwer zu erraten, dass dann auch Schweizer Online-Buchhändler ins Ausland zügeln würden.

Mit seiner Auffassung stehen Schneider-Ammann und sein Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) im Widerspruch zum Parlament, das die Preisbindung explizit auf die ausländischen Online-Händler ausweiten wollte. Offenbar aber hatte man in Bern vergessen, den Passus zu streichen, dass fixe Endpreise auf die gewerbsmässige Einfuhr beschränkt sind. Was nach einem Ja an der Urne gilt, ist deshalb offen. Die Gerichte werden entscheiden müssen, erklärte das Seco auf Anfrage.

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Anfangs Verluste, jetzt aber Gewinn

Doch Widerspruch kommt auch aus den Reihen der Buchhändler. Einzelne unabhängige Buchhändler sprechen sich offen gegen die Preisbindung aus, so Yvonne Peyer von der Basler Buchhandlung Olymp und Hades. Sie sagt: «Nach dem Ende der Preisbindung mussten wir tatsächlich Umsatzeinbussen hinnehmen. Doch wir haben die Zeit genutzt und alle Möglichkeiten ausprobiert, die wir mit freien Buchpreisen haben.» 2009 habe sich das Blatt gewendet. «Heute liegen wir stabil in der Gewinnzone. Wir konnten unseren finanziellen Spielraum vergrössern.»

Zwei Dinge ermöglichten die Wende: hier Aktionen im Laden und Rabatte für Grosskunden, da höhere Preise, wenn die Beschaffung eines Buchs Zusatzarbeit und Zusatzkosten verursacht oder die Verlage die Buchhändlermarge kürzen. «Statt fixer Endpreise, wie sie der Verband will, hätte ich lieber fixe Einkaufspreise», sagt Peyer. Nur sie böten Gewähr für einen fairen Wettbewerb. Denn Grossbuchhandlungen profitierten dank Massenbestellungen von Mengenrabatten. Daher: «Die Buchpreisbindung bevorteilt die Grossen.»

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Ein anderer Kritiker ist Urs Bütler, der in Olten die zwei Buchhandlungen Schreiber führt. Nach dem Fall der Buchpreisbindung im Mai 2007 hätten sich seine Befürchtungen erfüllt, dass grosse Ketten wie Ex Libris oder auch Internethändler Umsatz bolzten und die unabhängigen Buchhandlungen mit Tiefstpreisen bedrohten. «Doch wir haben uns auf den Wettbewerb eingestellt und gemerkt: Wenn wir die Möglichkeiten der freien Preisgestaltung geschickt nutzen, eröffnen sich für uns neue Chancen», so Bütler. «Inzwischen kann ich mit freien Preisen gut leben.»

Die Eurokrise macht am meisten aus

Dass in den letzten viereinhalb Jahren jede siebte Buchhandlung schliessen musste, habe nur wenig mit dem Wegfall der Preisbindung zu tun. Die Ursachen für den Konzentrationsprozess liegen für Bütler viel eher bei den veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie bei Faktoren wie der mangelnden Wettbewerbsorientierung einzelner Buchhändler oder dem Siegeszug des Internethandels.

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Alles überschattet habe zuletzt aber die Eurokrise. Die Buchläden mussten die Preise teils um bis zu 20 Prozent senken und die Währungsgewinne an die Kunden weitergeben. Die Margen blieben damit zwar gleich, doch der Umsatz sank, letztes Jahr um 7,4 Prozent. Das schlage direkt auf die Ertragslage jeder Buchhandlung durch.

Wer meine, man könne jetzt das Rad problemlos zurückdrehen, mache sich etwas vor, glaubt Bütler. Das zeige sich im für viele Buchhandlungen überlebenswichtigen Liefergeschäft. Es sei zwar richtig, dass Bibliotheken und Schulen nach dem Fall der Preisbindung forscher auftraten und grössere Rabatte durchsetzten. Es sei aber wohl eine Illusion, zu glauben, sie würden jetzt darauf verzichten, nur weil wieder fixe Buchpreise eingeführt würden.

Wichtiger als der Preis sei ohnehin der Service. «Wenn der stimmt, kann man ­seine Kunden halten und sogar einmal ­etwas mehr verlangen, wenn die Beschaffung ­eines Titels Mehrarbeit verursacht», sagt Bütler. Nur damit und mit einem ­fokussierten Angebot könnten sich kleine Buchhändler gegen Discounter und Internethändler behaupten.

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