Der Sturm hat sich zwar verzogen, doch schönes Wetter fühlt sich anders an. «So etwas wie diesen Sommer habe ich noch nie erlebt», erzählt Marianne Hübscher. Sie habe mit dem schleichenden Niedergang ihrer Branche leben müssen, seit sie vor zwölf Jahren ihre Buchhandlung im Herzen von «Zurzi» übernahm.

Der Euro tauchte so tief, dass ihr kaum Luft zum Atmen blieb. Seither zählt auch sie die Tage mit Verkaufsrekorden – wie die Geschäfte drüben in Waldshut, wo sie der Flut der Schweizer Kunden fast nicht mehr Herr werden. «Nur sind es bei mir Minusrekorde», sagt die Buchhändlerin. Sie verkauft gerade noch halb so viele Bücher wie im Frühling. Woche für Woche fehlen ihr 1000, 1500 Franken Umsatz. Ein Drittel des Einkommens ist weg.

Seit die Nationalbank die Fr.-1.20-Schranke niedergehen liess, habe sie wenigstens Gewähr, dass der Euro nicht weiter rauf- und vor allem runtersause wie ein Jo-Jo. Ob das genügt, um die verlorenen Kunden zurückzugewinnen? Marianne Hüb­scher zweifelt. Sie müsse auf einen besseren Herbst hoffen. Sonst müsse sie über die Bücher gehen und ihren Laden schliessen. Denn «draufzahlen, das mache ich nicht».

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Quelle: Désirée Good

Der Präsident und die «Superchance»

Dass Konsumenten gleich scharenweise ins Deutsche abrauschen, weiss keiner besser als Thomas Hauser, Chef der lokalen Raiffeisenbank. «Seit April wechseln wir 30 Prozent mehr Euro.» Wenn einer noch behaupte, er kaufe drüben nichts ein, müsse man das nicht unbedingt für bare Münze nehmen.

«Jeder geht rüber!», sagt Hauser. Doch das sei in Bad Zurzach die natürlichste Sache der Welt. Er zum Beispiel sei schon mit 17, als er noch Handball gespielt habe und Duschzeug und Deo plötzlich selber zahlen musste, ins deutsche Walds­hut einkaufen gegangen.

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Doch jetzt sei eine regelrechte Kauf­euphorie ausgebrochen, die die Medien mit ihren ewigen Preisvergleichen noch befeuerten. Als Präsident des Gewerbe- und Tourismusvereins müsse er einfach sagen: «Wenn immer mehr Kunden wegbleiben, bricht der Umsatz zusammen, ist die Existenz gefährdet.»

Seine Gewerbler wüssten aber sehr genau, dass jetzt jeder Einzelne doppelt gefordert ist. Und es lohne sich. Schliesslich sässen sie in Bad Zurzach «auf einem ­aufsteigenden Ast». Die Ausgangslage mit jährlich einer halben Million Gäste im Bäderquartier: «Einmalig.» Eine Superchance, die man einfach nutzen müsse. «Man muss sich nur vorstellen, wenn jeder Zehnte ­etwas konsumiert…», schwärmt Hauser.

Auch Franz Nebel, Gemeindepräsident seit 14 Jahren, ist alarmiert. Was der Euro hier anrichte, könne man nicht unkommentiert hinnehmen. Deshalb hat er sich in der «Zurzipost» direkt an seine Mitbürger gewandt und sie daran erinnert, dass man sich jetzt, «nach dem Nationalfeiertag, auf die Werte besinnen muss, die uns in der Vergangenheit stark gemacht haben».

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Quelle: Désirée Good

Gegen die Barrieren im Kopf kämpfen

Aber damit nicht genug. Der Freisinnige forderte von den Gemeindemitgliedern jetzt noch mehr: nämlich Solidarität. Nicht etwa mit den Schwächsten im Flecken, sondern mit dem heimischen Gewerbe: «Berücksichtigen Sie unsere Läden, die nebst dem Verkauf von Produkten hervorragende Service-Dienstleistungen bieten, auch in der gegenwärtig schwierigen Zeit, ebenso unsere Gastronomiebetriebe», schrieb er in einem flammenden Appell. «Es dient niemandem von uns, wenn Geschäfte geschlossen werden müssen, weil der Umsatz über längere Zeit die Kosten nicht mehr deckt.»

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Es gehe keinem Geschäft mehr wirklich gut, erzählt er dann am langen Holztisch im etwas muffigen Gemeinderatszimmer. Aber zum Glück habe die Nationalbank endlich die Notbremse gezogen. Das gebe Hoffnung. Ihm als Gemeindeammann ­seien ja die Hände gebunden, er könne nichts machen: «Uns fehlen die Eingriffsmöglichkeiten», sagt er knapp und klar. Er könne seinen Leuten nur immer wieder ­sagen, dass sie eine Barriere im Kopf hätten, wenn sie den Zusammenhang zwischen Einkaufsverhalten und sicheren Jobs nicht sehen wollen.

Wenn Nebel rechts aus dem Fenster schaut, hat er vor Augen, was sonst geschieht. An der Fassade gegenüber steht in grossen Lettern: «Gottfried Keller». Dort wurde nicht etwa an literarischen Texten gefeilt, sondern während über 100 Jahren Schrauben und Nägel verkauft. Doch das war einmal, die Eisenwarenhandlung ist seit fünf Jahren zu. Das zerfallende Haus wirkt mitten in der schmucken Altstadt wie das Mahnmal einer düsteren Zukunft.

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Lädelisterben sei in Bad Zurzach nichts Neues, berichtet Thomas Bürli, der Kopf des Regionalblatts «Die Botschaft». Wie der Eisenwarenhändler Keller hätten verschiedene Ladenbesitzer ihre Nachfolge nicht regeln können. Trotzdem sei das Angebot nach wie vor erstaunlich breit für eine Gemeinde mit 4200 Einwohnern. Man findet noch immer praktisch alles – drei Banken, zehn Coiffeursalons, 23 Beizen und mehr. Viele aus der ganzen Region kauften hier ein. «Und weils flach ist, nehmen die Einheimischen gern das Velo. Die fahren nicht so schnell nach drüben.»

Quelle: Désirée Good
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Die Gewerbler schliessen sich zusammen

Auf die Velobegeisterung der Zurzacher vertrauen, das genügt Josef Haus längst nicht mehr. Der Vizepräsident des Gewerbe- und Tourismusvereins, Versicherungsmakler und mit seiner Bräune vor Optimismus förmlich strahlend, sagt: «Man muss etwas tun!» Deshalb habe er die Gewerbevereine der drei Nachbar­bezirke zusammengetrommelt und sie – erstmals überhaupt – auf eine gemeinsame Kampagne eingeschworen. Demnächst lege man los. ­Genaueres dürfe er nicht verraten, aber man plane etwas in der Art von: «Ihr Einkaufsverhalten kann Ihren Arbeitsplatz gefährden.»

Haus weiss, dass Aufrufe zu Solidarität längst nicht mehr reichen. Das erfährt er fast täglich in seiner Agentur. Jeder fünfte Neuwagen und Töff, den er versichert, ist im Deutschen gekauft. Bis im Mai waren es nur halb so viele. Den Kopf hängen lassen dürfe man deswegen nicht. Die ­Gewerbler müssten selber die Initiative ergreifen. Neue Ideen seien gefragt.

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«Rein gar nichts gebracht»

Ideen wie die nach einjähriger Vorarbeit vom Gewerbeverein lancierte ZurziCard, bei der 54 Geschäfte, Handwerker und Restaurationsbetriebe mitmachen. Wer damit zahlt, erhält 1,5 Prozent Rabatt. Die Karte sei zwar organisatorisch eine enorm anspruchsvolle Sache, aber der Aufwand lohne sich. «Im ersten Jahr haben wir fünf Millionen Franken Umsatz ­gemacht und Einkaufsgutscheine im Wert von 60'000 Franken verteilt. Das ist doch ein Anfang!», sagt Josef Haus. Das war allerdings, als der ­Euro noch um die Marke von Fr. 1.35 pendelte.

Dass mit der ZurziCard nicht alle glücklich sind, erfährt man hinter verschlossener Ladentür. Die Karte sei ja eine nette Idee, habe ihm aber «rein gar nichts» gebracht, sagt ein langjähriger Ladenbesitzer. «Was sind schon anderthalb Prozent angesichts des Eurozerfalls?», spottet eine andere. Zudem hätten viele Geschäfte ihren Stammkundinnen schon länger deutlich höhere Treuerabatte gewährt.

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«Stammkunden» heisst das Zauberwort vieler Ladenbesitzer. Daran klammern sie sich, wenn sie von «der Zukunft» sprechen. Sie umgarnen sie mit mehr Service, Rabatten und freundlichen Werbebriefen. Einen solchen Werbebrief verschickt hat auch Optikerin Beatrice Steiner. Sie habe gar keine andere Wahl. Denn Laufkunden habe sie nur mehr wenige. An die Kurgäste verkaufe sie vielleicht ein paar Sonnenbrillen und hin und wieder Swarovs­ki-Kristalle. Mehr nicht.

Doch Stammkundschaft heisst auch: Rückzug ins Réduit. Die Stammkunden sind die letzte Bastion. Fällt sie, bleibt nur die Kapitulation. Immerhin habe sie jetzt Schützenhilfe von der Nationalbank bekommen, das mache Hoffnung. Ob sie aber mit Fr. 1.20 durchkomme? Sie weiss es nicht. Sicher sei nur: Still werde sie den Laden nicht sterben lassen: «Wenn wir ­untergehen, dann nur mit Pauken und Trompeten!»

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Aber nette Worte reichen nicht, die Preisunterschiede zu Deutschland sind einfach zu gross geworden. Das sagt auch Liliane Stöhr, deren Bastelladen mit tausend Sachen bis unters Dach gefüllt ist. Wer keine Nischenprodukte habe, die es nirgends sonst zu kaufen gebe, und wer seine Preise nicht kräftig senken könne, sei schlicht nicht mehr konkurrenzfähig.

Quelle: Désirée Good

Die Preise Richtung Deutschland zu senken klingt aber leichter, als es ist. Schliesslich arbeiten kleine Geschäfte wie Liliane Stöhrs «Wundertüte» nicht mit Nettomargen von 20, 25 Prozent, wie sie die grossen Banken haben. Man müsse selber anpacken, anders gehe es nicht. Sie zum Beispiel kauft inzwischen möglichst alles direkt bei den Herstellern ein. So umgeht sie den Zwischenhandel.

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«Das ist einfach krass»

Aber auch damit stösst Liliane Stöhr an Grenzen. Wenn sie zum Beispiel sehe, dass der deutsche Detailhändler Edeka ein Set mit zehn Stabilo-Stiften für 3.99 Euro anbiete, sie dafür im Einkauf aber sieben Franken zahlen müsse, dann komme ihr die Galle hoch. «Das ist einfach krass», sagt sie dann.

Verena Oeschger vom «Schuhhalt» hat eine ähnliche Strategie. Sie macht es wie Migros und Coop: Bei ihren Lieferanten hat sie – «bis auf eine Ausnahme» – Preisnachlässe erstritten oder kann sie jetzt in Euro bezahlen. Damit könne sie ihre Ladenpreise senken. Ob das reicht, um aus dem Sommerloch zu kommen, weiss sie nicht. Im Juli und im August ist ihr Umsatz um 50 Prozent eingebrochen.

Im Vergleich zum «Schuhhalt» geht es Coop und Migros angesichts der sechs bis acht Prozent weniger Umsatz, von denen Migros-Chef Herbert Bolliger kürzlich sprach, fast paradiesisch gut. Doch zwischen den vollen Gestellen hat es an diesem Nachmittag so viel Platz, dass kleine Jungs problemlos Fussball spielen könnten. Freie Jobs werden nicht neu besetzt.

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Schuld sind nicht etwa die deutschen Kunden. Die leisten sich trotz dem teuren Franken weiterhin Schweizer Nudeln, Schweizer Schoko­lade. Es seien die Einheimischen, die immer öfter wegblieben. «Und wenn sie dann kommen, kaufen sie nur noch das, was auf ihrem Einkaufszettel steht.»

Nur einer, dessen Branche seit Monaten besonders lautstark Hilfe vom Staat verlangt, mag nicht klagen: Metzgermeister Mathias Arnold, seit 24 Jahren im Geschäft. Er ­spüre nichts von Krise, «im Gegenteil». Im April hatte ihm der Metzgerverband zu einem Fernsehauftritt bei «10 vor 10» verholfen – als vermeintliches Krisenopfer. Aber nicht einmal vor der Kamera mochte er richtig klagen. Die fünf bis zehn Prozent weniger Umsatz könne er «mit Qualität und guten Aktionen» wettmachen, mutmasste er damals.

Die Kunden ziehts nordwärts

Und er hat damit recht behalten. Die Geschäfte laufen gut, auch in den schwierigen Monaten Juli und August. Sicher habe ihm geholfen, dass der andere Metzger des Fleckens letztes Jahr das Geschäft aufgegeben habe. Aber Spezialitäten wie sein hausgeräucherter Lachs zögen halt Kundschaft bis hinaus nach Zürich und in die Innerschweiz an.

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Doch diese Kunden legen bei Metzgermeister Mathias Arnold nur einen kurzen Zwischenstopp ein. Es zieht sie weiter, über den Rhein hinweg und hinein in die riesigen Supermärkte, die rund um Waldshut in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen sind. Dort sind die Preise konkurrenzlos güns­tig. Daran ändern auch die Grosstat der Nationalbank und die vielen kleinen Aktionen der Zur­zacher Gewerbler nichts.