Uhren, Maschinen, Pillen, Schokolade – und vor allem Käse: Wer die Exportschlager der Schweiz aufzählen soll, vergisst ihn selten. Doch die Realität ist eine andere: In den Monaten Mai und Juni dieses Jahres hat die Schweiz mehr Käse aus dem Ausland importiert als dorthin verkauft. Der Importüberschuss betrug im Juni 229 Tonnen, im Mai gar 334 Tonnen, zeigt die offizielle Aus­senhandelsstatistik.

Zwar gabs auch im Mai 2014 einen solchen Importüberschuss – das war aber übers ganze Jahr betrachtet ein Ausreisser. Ob das 2015 auch so sein wird, ist ungewiss. «Der Trend beunruhigt mich sehr», sagt Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch, die Milchbauern und ­-verarbeiter vertritt. «Ich befürchte, dass er anhält.» Hauptgrund für diese Entwicklung sei der starke Franken.

Schweizer kaufen ausländischen Käse

Erstens hat die Aufhebung des Euro-Mindestkurses die Importe verbilligt. Ein Grossteil des in die Schweiz ein­geführten Käses ist zwar weiterhin Billigware, die in der Gastronomie und in der Industrie landet, etwa als Pizza­belag – sowie Frisch- und Weichkäse, die Schweizer Produkte kaum konkurrenzieren. Aber die hiesigen Konsumenten greifen immer öfter zu ausländischen Käsespezialitäten. Deshalb steigt der Import seit Jahren kräftig an und hat sich allmählich den Exportzahlen angenähert.

Zweitens hat der starke Franken den ohnehin schon teuren Käse auf dem wichtigen europäischen Markt fast unerschwinglich gemacht. «In einem italienischen Supermarkt kostet ein Kilo Schweizer Emmentaler heute doppelt so viel wie französischer Emmentaler», sagt David Escher, Geschäftsführer von Switzerland Cheese Marketing, das den Absatz von Schweizer Käse im Ausland fördern soll. Gerade beim Emmentaler, dem mit Abstand wichtigsten Exportkäse, ist der Einbruch enorm: Im Mai 2015 wurden noch 716 Tonnen ins Ausland verkauft, 44 Prozent weniger als im Mai 2014. Bei Raclette und Fertigfondue sind die Umsatzeinbus­sen prozentual sogar noch höher.

Trotzdem will David Escher ausser beim Emmentaler nicht von einer dramatischen Situation sprechen. «Wichtig ist die Handelsbilanz, die ist nach wie vor positiv.» Das stimmt, weil vorwiegend hochpreisiger Käse exportiert wird. Die rund 5000 Tonnen Importkäse kosteten weniger als 31 Millionen Franken, während die 4775 Tonnen exportierter Käse mehr als 38 Millionen Franken in die Kasse spülten.

Der Erlös sinkt und sinkt

Beunruhigend ist aber die Tendenz: Der Erlös sinkt und sinkt. Der Durchschnittspreis pro Kilo Exportkäse lag im Juni 2015 bei knapp acht Franken, das ist ein Fünftel weniger als noch im Januar. «Die Milchwirtschaft und insbesondere der völlig offene Käsemarkt ist sehr liberalisiert und leidet stärker unter den Folgen des starken Frankens als etwa die Fleisch- oder Getreide­produzenten», sagt Stefan Kohler von der Branchenorganisation Milch. Hier gebe es Handlungsbedarf.

Anzeige

Konkrete Vorschläge hat er indes nicht, denn viele mögliche Massnahmen würden einen Verteilkampf innerhalb der Landwirtschaft auslösen, weil die zusätzlichen Kosten am ehesten durch Einsparungen bei anderen landwirtschaftlichen Sparten kompensiert werden müssten.