Chinas Wirtschaft blüht. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass neue ökonomische Superlative gemeldet werden. Das Reich der Mitte ist jüngst zum weltgrössten Exporteur von Informations- und Kommunikationstechnologie aufgestiegen. Es gilt nun als die weltweit sechststärkste Wirtschaftsmacht. Und der ökonomische Vorwärtsdrang scheint ungebremst. Bereits orakeln Experten, in zehn Jahren werde China punkto Wirtschaftskraft Deutschland, bislang auf Rang drei, überholt haben.

Das Ergebnis dieses Produktionsfurors stapelt sich in den Gestellen der Migros um die Ecke: in der Kleider-, Haushaltswaren- oder Heimelektronikabteilung. Oder bei Coop, Fust, C&A, H&M, Media-Markt. Die Kaffeemaschine, das exklusive Dessous, das Mobiltelefon, das Fahrrad: alles gefertigt von flinken chinesischen Händen – unter oftmals prekären Arbeitsbedingungen. Etwa in der Guangzhou Huaxin Handicraft Factory in der südchinesischen Provinz Guangdong. Hier arbeitete die 30-jährige He Chunmei. Bis sie starb – vor Erschöpfung. Wie die Zeitung «China Daily» unter Berufung auf Angehörige und Kollegen des Opfers berichtete, habe He Chunmei 24 Stunden ohne Pause schuften müssen.

Niemand hält sich ans Arbeitsgesetz
Liu Kaiming kennt die Situation in den chinesischen Produktionswerkstätten. Er ist Leiter des Institute of Contemporary Observation (ICO) in der Wirtschaftsmetropole Shenzhen. Shenzhen liegt in der gleichen Provinz wie die Fabrik, in der He Chunmei zu Tode kam. «Die Arbeitszeiten für die chinesischen Arbeiterinnen und Arbeiter sind in der Regel sehr lang. Der Sicherheit am Arbeitsplatz wird kaum Beachtung geschenkt, viele Angestellte müssen während ihrer Arbeit grosse gesundheitliche Risiken eingehen», sagt Liu Kaiming. Das ICO ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich für die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter einsetzt. Laut Liu Kaiming kann das ICO arbeiten, ohne vom chinesischen Regime unter Druck gesetzt zu werden. Umgekehrt rührt die Regierung keinen Finger, um die Situation in den Fabriken zu verbessern. «In China gibt es paradoxerweise ein sehr gutes Arbeitsgesetz. Aber niemand hält sich daran», sagt Chinaexperte Antoine Kernen, Lehrbeauftragter an den Universitäten von Lausanne und Genf. Der Ausbeutung der Beschäftigten wird damit Tür und Tor geöffnet.

Ein Boykott nützt nichts
Ob die Produkte in ihrem Einkaufswagen aus einer ebensolchen menschenverachtenden Fabrik stammen, können Konsumenten nicht immer in Erfahrung bringen. In der Schweiz fehlt – ausser bei Lebensmitteln – eine gesetzliche Deklarationspflicht für die Herkunft der Waren. So bald wird sich dies auch nicht ändern, trotz der aktuellen Revision des Bundesgesetzes über die Information der Konsumentinnen und Konsumenten. «Unsere Bemühungen, die Pflicht zur Herkunftsdeklaration zu stärken, scheiterten am starken Widerstand aus Wirtschaftskreisen», sagt Jacques Vifian, Adjunkt im Eidgenössischen Büro für Konsumentenfragen.

Von einem generellen Boykott chinesischer Waren mit der Idee, damit die Arbeitsbedingungen zu verbessern, raten Experten ab. «Kaufen ist nicht des Teufels. Ein Boykott nützt den chinesischen Arbeiterinnen gar nichts», sagt Jacqueline Bachmann, Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz. Sie plädiert vielmehr dafür, Druck auf die Importeure auszuüben: «Die Konsumenten sollen die Firmen anschreiben und sich nach den Arbeitsbedingungen erkundigen, unter denen das Produkt hergestellt wurde.» Auch ICO-Leiter Liu Kaiming empfiehlt, sich direkt an die betroffenen Unternehmen zu richten: «Die Schweizer Konsumenten sollten die Firmen dazu drängen, die Bedingungen für die Arbeiter zu verbessern.»

Fehlt eine Herkunftsdeklaration, ist die Wahrscheinlichkeit vor allem bei Elektronikwaren, Kleidern und Spielwaren hoch, dass es sich um in China gefertigte Produkte handelt. Die Schweiz importierte im Jahr 2003 laut Bundesamt für Statistik chinesische Güter im Wert von rund 2,4 Milliarden Franken. Bereits ein Jahr später waren es rund 400 Millionen mehr. Davon entfiel rund ein Viertel auf Maschinen, knapp ein Fünftel auf Kleider und Textilien. Weitere grosse Produktgruppen waren mit je rund neun Prozent Chemikalien sowie Uhren und Uhrenteile.

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«Der Druck der Konsumenten wirkt»
Schweizer Nichtregierungsorganisationen wie die Erklärung von Bern haben den Produktionsstandort Asien schon seit längerem im Visier. Resultat dieser Beobachtung ist unter anderem die Teilnahme an der weltweiten «Clean Clothes»-Kampagne. Die Clean Clothes Campaign ist eine internationale Koalition von Hilfswerken, Gewerkschaften und anderen Organisationen im Bereich der Entwicklungspolitik, die sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der globalen Bekleidungsindustrie einsetzen. «Der Druck der Konsumenten wirkt! Erst kürzlich hat sich die Geschäftsführerin einer Modefirma bei mir gemeldet mit dem Wunsch nach Informationen, wie sie zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen beitragen könne», sagt Stefan Indermühle, Koordinator der Clean Clothes Campaign bei der Erklärung von Bern.

Als Pionier in Sachen sozial-nachhaltiger Produktion darf der Schweizer Sportbekleidungshersteller Switcher gelten. Rund 20 Prozent des Artikelsortiments der Firma werden von chinesischen Firmen hergestellt – nachdem diese einen rund 600 Fragen umfassenden Katalog zu ihren Arbeitsbedingungen zur Zufriedenheit von Switcher ausfüllen mussten. Positiv zu erwähnen sind die beiden Grossverteiler Migros und Coop, die Textilhersteller Charles Vögele und PKZ sowie die Sportfirma Intersport. Diese Firmen haben sich der internationalen Business Social Compliance Initiative angeschlossen und sich damit verpflichtet, bei ihren Lieferanten mit einem Monitoring-Programm für sozial verträgliche Arbeitsbedingungen zu sorgen. Die großen Elektronikwaren-Konzerne Sony und Philips oder Kleidergiganten wie H&M verlangen nach eigenen Angaben von ihren Geschäftspartnern die Unterzeichnung einer Nachhaltigkeitsdeklaration.

Wenig Gedanken zur Situation der Arbeiterinnen und Arbeiter in den fernöstlichen Produktionswerkstätten scheint man sich bei Media-Markt zu machen. Die Firma beantwortet eine entsprechende Anfrage mit dem lapidaren Hinweis, sie beziehe ihre Waren ausschliesslich von schweizerischen Importeuren. Die Antwort ist geeignet, Zweifel zu nähren am Werbeslogan des Unternehmens. Der lautet: «Ich bin doch nicht blöd.»

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