Willst du uns vergiften?» Der halbwüchsige Sohn zeigt vorwurfsvoll auf die Fruchtjoghurts auf dem Frühstückstisch und schaut empört zu seiner Mutter. «Die hätte man bis gestern essen müssen.»

Es gibt Leute, die Haltbarkeitsdaten respektieren wie die Zehn Gebote. Sie lesen vor dem Öffnen einer Packung jedes Mal die aufgedruckten Hinweise und werfen konsequent alles weg, wenn das Datum abgelaufen ist. Andere kümmern sich nicht darum und verlassen sich lieber auf ihre eigenen fünf Sinne. Sind in einer Familie beide Lager vertreten, gibt es regelmässig hitzige Diskussionen. Wer hat Recht?

Auf abgepackten Lebensmitteln sind in der Regel zwei Daten aufgedruckt. Das erste gibt Auskunft darüber, bis wann etwas verkauft werden darf. Dieses Datum legt der Produzent fest. Vom Gesetz her wird es nicht verlangt. Das zweite Datum hält fest, bis wann ein leicht verderbliches Nahrungsmittel «zu verbrauchen» beziehungsweise ein nicht leicht verderbliches Produkt «mindestens haltbar» ist. Die Angabe über die Haltbarkeit ist bei abgepackten Lebensmitteln gesetzlich vorgeschrieben.

«Mindestens haltbar» ist gummig

Als «leicht verderblich» gelten Lebensmittel, bei denen sich die Mikroorganismen bei Raumtemperatur rasch vermehren. Sie müssen nach der Herstellung so schnell wie möglich auf fünf Grad Celsius oder weniger abgekühlt und bis zum Verkauf bei dieser Temperatur gehalten werden.

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Bei nicht leicht verderblichen Produkten sieht es etwas anders aus. Ausserdem ist die Aussage «mindestens haltbar bis» ein Gummibegriff. Wer schon einmal ein Joghurt mit längst abgelaufenem Datum gegessen hat, ohne eine Qualitätseinbusse festgestellt zu haben, der fragt sich, ob Hersteller und Gesetzgeber die Fristen nicht allzu eng setzen. Zahlreichen Konsumentinnen und Konsumenten wäre deshalb mit einem dritten Datum auf Nahrungsmitteln geholfen: dem genauen Zeitpunkt, ab dem ein Produkt wirklich ungeniessbar oder gar gesundheitsgefährdend ist.

Noch mehr Daten bringen nichts

«Ein solches Datum könnte kaum genau festgelegt werden», sagt Simonetta Sommaruga, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS). Zum einen sei bei Nahrungsmitteln wichtig, auf welche Art und wie lange diese zwischen dem Kauf- und dem Konsumationsort unterwegs gewesen seien. Ausserdem spielten die jeweiligen klimatischen Bedingungen und die Art der Lagerung eine Rolle.

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Zudem reagiere jeder Mensch anders: Während der eine sich mit Hochgenuss an einem Dessert mit abgelaufenem Datum erfreue, kriege der andere vom gleichen Produkt bereits Bauchschmerzen. Für Simonetta Sommaruga ist deshalb klar: Die bestehende Regelung sei genügend konsumentenfreundlich.

Auch aus medizinischer Sicht scheint es kein Argument für einen zusätzlichen Hinweis auf abgepackten Lebensmitteln zu geben: Urs Buxtorf, stellvertretender Kantonschemiker von Basel-Stadt, rät grundsätzlich dazu, ein Produkt nicht mehr zu essen, dessen Datum («zu verbrauchen bis») abgelaufen ist. Wer dennoch ein solches Nahrungsmittel konsumiere, müsse unter Umständen mit unliebsamen Konsequenzen rechnen.

Noch klarer drückt sich Urs Müller aus, Leiter des kantonalbernischen Laboratoriums und Präsident des Verbands der Kantonschemiker der Schweiz: «Beim Hinweis"zu verbrauchen bis" gibt es nichts zu deuten.»

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Ermittelt wird die Haltbarkeit von Lebensmitteln durch Labortests. Die Hersteller führen diese selber durch. «Da die Produzenten das Ablaufdatum aus Verkaufsüberlegungen so lange wie möglich hinausschieben, handelt es sich beim Verbrauchs- datum wirklich um eine Limite, die nicht überschritten werden darf», sagt Kantonschemiker Müller. Leicht verderbliche Waren, die bis zu diesem Datum nicht gegessen wurden, sind laut Urs Müller deshalb ausnahmslos zu vernichten.

Weniger streng sind die Fachleute bei den nicht leicht verderblichen Nahrungsmitteln. Dazu gehören etwa Konserven, ungekochte Teigwaren oder pasteurisierte Getränke. Der Aufdruck «mindestens haltbar bis» birgt gemäss dem Basler Chemiker Urs Buxtorf keine Gesundheitsgefährdung nach Ablauf der Frist. Der Hersteller garantiert aber nur bis zum angegebenen Datum «Topqualität». Ein Sonderfall ist das Joghurt. Obwohl es als nicht leicht verderbliches Lebensmittel auch nach dem aufgedruckten Datum geniessbar ist, sind geschmackliche Veränderungen nicht ausgeschlossen. Deshalb geben manche Hersteller ein Verbrauchsdatum anstatt eines Mindesthaltbarkeitsdatums an, ohne dazu gesetzlich verpflichtet zu sein.

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Die Kehrseite der heute verbindlichen Datierung von Lebensmitteln: Die Konsumentinnen und Konsumenten verlassen sich kaum mehr auf ihre eigenen Sinne.

Dabei lässt sich eine Qualitätsabnahme bei vielen Lebensmitteln weitgehend selber beurteilen.

«Die Verantwortung für die Qualität

eines Produkts wird zunehmend an die Hersteller und Behörden delegiert», findet auch SKS-Geschäftsleiterin Simonetta Sommaruga. Sie spricht von einem «Frischewahn». Die Folge sei ein «unglaublicher Abfall».

Mit diesem Problem sind insbesondere die Grossverteiler konfrontiert. Ihnen wird gelegentlich nachgesagt, sie würden Nahrungsmittel, die nicht mehr rechtzeitig verkauft werden können, gratis an Heime und Spitäler abgeben. Zumindest für Coop Schweiz stimmt dies nicht. «Ist das Datum verstrichen, wird alles vernichtet», sagt Coop-Pressesprecher Karl Weisskopf. Ein Grossverteiler könne nicht das Risiko eingehen, durch den Verkauf abgelaufener Produkte für gesundheitliche Probleme verantwortlich gemacht zu werden. Zudem sei kaum jemand an solchen Nahrungsmitteln interessiert.

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Neudatierung ist «unschön»

Nach Ablauf des Verbrauchsdatums dürfen leicht verderbliche Lebensmittel schon vom Gesetz her nicht mehr an die Konsumenten abgegeben werden. Ist hingegen bei einem nicht leicht verderblichen Nahrungsmittel die Mindesthaltbarkeitsdauer abgelaufen, steht es dem Hersteller frei, die Ware mit besonderem Hinweis weiterhin an Dritte abzugeben. Ubernimmt er die Qualitätsgarantie, kann er die Ware sogar mit einem neuen Datum versehen. Das ist zwar, so der Berner Kantonschemiker Urs Müller, «unschön, aber legal».

Wer verdorbene Nahrung konsumiert, riskiert im schlimmsten Fall seine Gesundheit. In der Schweiz seien schwere Lebensmittelvergiftungen keine Seltenheit, sagt Urs Müller. Betroffen sind häufig ganze Gruppen Heiminsassen, Restaurantgäste oder Soldaten. In leichten Fällen ist es unnötig, einen Arzt beizuziehen. Schwere Vergiftungen können sehr unangenehm sein, verlaufen jedoch nur sehr selten tödlich. Stark gefährdet sind vor allem ältere und geschwächte Personen, bei denen Durchfall zu einem bedrohlichen Flüssigkeitsverlust führen kann.

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