Seit Euro und Dollar immer tiefer sinken, wird die Schweiz jeden Tag noch ein wenig mehr zur Insel. 23 Prozent hat der Dollar in den letzten zwölf Monaten gegenüber dem Franken verloren, 18 Prozent das britische Pfund, 9 Prozent der Euro. Doch die Preise in der Schweiz bleiben hoch.

Den Skandal der Hochpreisinsel Schweiz hält die Nationalbank auf Seite 115 ihres «Statistischen Monatshefts» fest. Dort ist in der Spalte 8 die prozentuale Veränderung der Importpreise gegenüber dem Vorjahr verzeichnet. Da steht: Januar: plus 0,2 Prozent, Februar: plus 1,4 Prozent, März: plus 1,6 Prozent, April: plus 1,5 Prozent, Mai: plus 1,1 Prozent. Euro und Dollar wurden billiger, Importe teurer.

Die Dummen sind mal wieder die Konsumenten. Sie zahlen die überhöhten Preise von gestern für die günstig importierten Waren von heute. Gemäss dem statistischen Amt der EU (Eurostat) ist die Schweiz noch vor Norwegen das teuerste Pflaster auf dem Kontinent. Die Preise liegen exakt 48 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Am höchsten sind die Unterschiede bei Lebensmitteln und in der Gastronomie.

«Schlagen Sie ungeniert im Ausland zu»

Es sei ernüchternd, sagt Preisüber­wacher Stefan Meierhans: «Trotz Cassis-de-Dijon-Prinzip und der Möglichkeit von Parallelimporten ist der Schweizer Markt nach wie vor teilweise abgeschottet.» Es fehle an Wettbewerb. Deshalb fliesst ein Teil der Währungsgewinne in die Taschen der ausländischen Hersteller, der Importeure und der Schweizer Geschäfte.

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Meierhans ruft die Konsumenten nicht offen dazu auf, im Ausland einzukaufen und so Druck auf die zu hohen Schweizer Preise zu machen. Er sagt aber: «Wer Währungsvorteile nicht weitergibt, schiesst ein Eigentor. Über kurz oder lang werden die Konsumenten die Konsequenzen ziehen und in der Schweiz überteuerte Waren im Ausland kaufen.» Denn so funktioniere Marktwirtschaft.

Auch Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, sagt klipp und klar: «Wer schon im Ausland ist, soll ungeniert zuschlagen.» Oder von zu Hause aus per Internet im Ausland einkaufen. Den Konsumenten bleibe keine andere Wahl. «Wir können nicht einfach nur warten und darauf hoffen, dass mehr Wettbewerb entsteht und die Währungsgewinne endlich an uns Konsumenten weitergegeben werden.»

Mehr Wettbewerb ermöglichen könnte die Vorsteherin des Finanzdepartements. Eveline Widmer-Schlumpf müsste nur sämtliche Spediteure dazu verpflichten, bei Importen das vereinfachte Verzollungsverfahren anzuwenden. Damit würden die unsinnig hohen Gebühren für die Verzollung wegfallen, die zum Teil gleich viel kostet wie die Ware selbst.

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Das wäre problemlos auf dem Verordnungsweg möglich: «Eveline Widmer-Schlumpf könnte schon morgen ihre Unterschrift unter eine entsprechende Verordnung setzen», sagt Stalder. Stattdessen führe ihr Departement breit angelegte Anhörungen durch, schicke das Geschäft zur Stellungnahme an die Zollverwaltung zurück und schalte auch noch das Parlament ein. «Das kostet viel Zeit und die Konsumenten noch mehr Geld.»

«Dogmatiker» tragen die Verantwortung

Auch an anderer Stelle bremst das Finanzdepartement. Es will die Freigrenze für Importe, die von der Mehrwertsteuer befreit sind, tief halten. Der Nationalrat stimmte wie der Bundesrat einer Verdoppelung auf 130 Franken zu, der Ständerat lehnte sie ab. Nachdem sich die beiden Räte nicht einigen konnten, schlug Preisüberwacher Meierhans als Kompromiss vor, dass zumindest Güter bis zu einem Wert von 100 Franken mehrwertsteuerfrei eingeführt werden können.

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Eine entsprechende Verordnung hätte der Bundesrat erlassen können. Das Finanzdepartement will aber keinen entsprechenden Antrag stellen. Meierhans' Kommentar: «Wir konzentrieren uns nun darauf, die Tarife der Verzollung bei allen Anbietern zu senken. Die Verantwortung dafür, dass nichts passiert, tragen Dogmatiker im Finanzdepartement.»

Der Kampf um billigere Preise ist alles andere als ein Sandkastenspiel. Das zeigen etwa die Preisunterschiede von Spielwaren in Deutschland und der Schweiz. Beispiel «Chügelibahn»: Der Schweizer Importeur Carletto bezahlt dem Hersteller Haba für dessen Kugelbahn-Meisterbausatz umgerechnet 81.50 Euro, also rund 100 Franken. Carletto schlägt dann Zoll, Transport und seinen Service drauf und verkauft die ­Kugelbahn dem Schweizer Handel für ­Fr. 141.70. Im Laden kostet sie dann 289 Franken. Wer beim Internetriesen Amazon einkauft, zahlt bloss Fr. 165.25, Zollgebühr und Mehrwertsteuer inbegriffen.

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Peter Gygax vom Haba-Importeur Carletto sagt dazu: «Die Feinverteilung ist in der kleinräumigen Schweiz aufwendig und teuer.» Zudem profitiere der Schweizer Detailhandel vom grossen Lager des Importeurs. Weil ein Grossteil der Lagerware bei einem höheren Eurokurs eingekauft worden sei, könne der kurzfristige Währungsgewinn nicht weitergegeben werden. Jedes Spielwarengeschäft, das den Vollservice des Importeurs nicht beanspruchen wolle, könne die Ware direkt beim deutschen Hersteller kaufen.

Der Markt spielt – vor allem im Internet

In einzelnen Bereichen funktioniert der Wettbewerb in der Schweiz allerdings. So bei der Unterhaltungselektronik: Gemäss Eurostat liegen die Preise hier nur drei Prozent über dem europäischen Schnitt. Sorgten früher Discounter wie Eschenmoser für mehr Markt in der Schweiz, sind es heute Onlinehändler wie Digitec. «Wir geben Währungsgewinne konsequent an unsere Kunden weiter, auch sehr schnelle Schwankungen», sagt Digitec-Sprecherin Stefanie Hynek. Was sie nicht sagt: Digitec muss das tun, sonst verliert man in kurzer Zeit Kunden an andere Onlineshops.

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Der Preiskampf im Internet hat Folgen für den ganzen Unterhaltungselektroniksektor. Der Marktanteil der Onlinehändler ist so gross, dass der traditionelle Handel nicht mehr auf den hohen Margen und Gewinnen sitzen bleiben kann. Unter Druck sind auch die Lieferanten, weil Importeure sehr schnell auf günstigere Einkaufskanäle ausweichen können. Digitec, die ihr Erfolgsmodell mit dem elektronischen Warenhaus Galaxus nun weiter ausbauen will, zeigt: Dank innovativen Verkaufskonzepten werden Preise in der Schweiz interna­tio­nal konkurrenzfähig.

Klicken Sie auf die Grafik, um sie vergrössert darzustellen.

Quelle: Peter Schneider/Keystone
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Euroschwäche hilft den Direktimporteuren

Davon ist auf dem Markt für Neuwagen erst wenig zu spüren. Die Automobile sind praktisch gleich teuer wie vor einem Jahr. Einzelne wie Renault gewähren jetzt immerhin einen Eurorabatt. Dass es anders geht, zeigt die Gruppe der Direktimporteure, die sich im Verband der freien Autohändler zusammengeschlossen haben. Sie verkaufen Neuwagen 20 bis 45 Prozent ­unter dem Listenpreis. Präsident Marco Belfanti freut sich: «Die Euroschwäche hilft uns. Wir könnten noch viel mehr Autos verkaufen, stossen aber an Kapazitäts­grenzen.»

Der Marktanteil der frei importierten Automobile, der 2010 noch bei 3,4 Prozent lag, hat sich laut Belfanti im letzten Halbjahr fast verdoppelt. Dank dem starken Franken habe sich aber auch das Angebot vergrössert. So habe sich etwa der Direktimport eines VW Passat auch bei einem Eurokurs von Fr. 1.30 noch nicht gelohnt, weil viele Händler einen Flottenrabatt gewährten. Beim aktuellen Kurs ist das Modell für ihn aber plötzlich interessant.

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Belfantis Geschäftsmodell klingt so einleuchtend, dass man sich fragt: Warum setzen nicht mehr Händler darauf? Doch das sei gar nicht so einfach: Als Händler gehe er grössere Risiken bei Kauf, Import und Verkauf ein, benötige ein Kontaktnetz mit anderen europäischen Händlern, brauche Kapital, um die Autos in Vorkasse zu kaufen. «Jenen, die könnten, fehlt das Geld, und jene, die gut dastehen und eine Markenvertretung haben, dürfen nicht – sonst verlieren sie ihre Vertretung», sagt Belfanti.

Andere Folgen hat die Frankenstärke im Reisemarkt, wo seit Jahren ein Verdrängungskampf im Gang ist. Alle versuchen die Preise zu drücken, indem sie Zwischenhändler umgehen: Fluggesellschaften verkaufen Tickets zu tagesaktuellen Preisen direkt an Kunden. Reiseveranstalter tun dasselbe – allerdings zu Preisen, die sie schon im letzten Herbst ausgehandelt und zum Teil bezahlt haben. Die Währungsgewinne der letzten Monate geben nur vereinzelte Veranstalter weiter.

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Reisebüros sind oft nur Ideenlieferanten

Auch die kleinen Reisebüros haben ihre Strategie verändert. Sie stellen Angebote immer häufiger selber zusammen und kaufen die Leistungen direkt bei Fluggesellschaften und Hotels ein. «Ich werde immer mehr zum Mikro-Operator und kann so zu tagesaktuellen Preisen offerieren», sagt Christoph Zollinger vom Zürcher Reisebüro Del-Solar. In Ländern, in denen er einen lokalen Partner habe und die Leistung direkt einkaufen könne, seien die Reisen dank dem steigenden Franken deutlich billiger geworden. Netter Nebeneffekt: ­Eine jetzt gebuchte, den persönlichen Wünschen angepasste Reise ist womöglich billiger als die 0815-Pauschalreise.

Was den Reiseprofi aber immer wieder enttäuscht, sind «Kunden, die uns nur noch als ­Ideenlieferanten missbrauchen, eine zum Teil in Stunden erarbeitete Offerte als ­Vorlage zum Selberbuchen benutzen und auf unserem Buckel sparen». Da fühle man sich nur noch aus­genutzt.

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