Die Jagd auf Secondhand-Kleider beginnt vor verschlossener Tür: Kurz vor zehn Uhr morgens warten Leute ungeduldig vor dem kleinen Laden Razzo im Zürcher Niederdorf. Als der endlich öffnet, herrscht sogleich reges Treiben – das erlebt man in normalen Läden selten.

Mit dabei ist Melinda Por, die eine Online-Secondhand-Boutique betreibt. Sie kennt alle Tricks auf der Jagd nach heissen Stücken. Als Erstes stürzt sie sich auf eine Kleiderstange beim Eingang und greift zielsicher zwei Pullover heraus. Der zweite ist ein Treffer: Auf dem Markensiegel steht in silbernen Lettern «Cashmere». Ein Marken­pulli, echt Kaschmir, für 45 Franken – ein guter Anfang. Je nach Zustand kostet nämlich auch ein H&M-Pulli aus zweiter Hand schnell mal so viel.

Eine Wühlkiste mit Stücken, die fünf bis zehn Franken kosten, erweist sich dagegen als schlechte Fundgrube. Nicht ohne Grund liegen die Kleider wild zusammengeworfen da. Mehrheitlich Ramsch, aus billigem Material, viele davon unförmig. Das zeigt: Wer merkt, nach welcher Ordnung die Kleider in einem Laden präsentiert sind, findet schneller das gewünschte Stück.

Tatsächlich zaubert Melinda Por dann mit einem Griff noch eine edle Marken­hose für 25 Franken hervor. Markenkleider, so die Secondhand-Spezialistin, haben den Vorteil, dass sie in der Regel einem ge­wissen Qualitätsstandard genügen. Wenn sie dann noch günstig sind, ist das Schnäppchen perfekt.

Weiter geht es zur Caritas. «Kleider netto» heisst der Laden des Hilfswerks, er funktioniert nach einem etwas anderen Prinzip als die üblichen Secondhand-Läden. Hier werden die Preise nicht nach Marken oder Qualität gemacht − es gibt Pauschalpreise. Alle Kleider auf einer bestimmten Stange kosten gleich viel. Da muss man die Wühlmaus in sich entdecken. Melinda Por: «Nehmen Sie die Kleider in die Hand. Meist genügt ein kurzes Abtasten, und man weiss, ob Qualität und Material stimmen.»

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Quelle: Gerry Nitsch

Intensives Suchen wird hier belohnt: Eine hübsche Ledertasche gibts für drei Franken, eine Jeansjacke für zehn Franken. Man sollte mit allen Sinnen suchen, gerade bei Lederwaren: Echtes Leder hat einen starken Geruch, künstliches keinen. Wichtig auch: Man überprüft mit Vorteil die Nähte. Sonst kann es geschehen, dass das neue Lieblingsteil schnell auseinanderfällt.

Um das Outfit zu komplettieren, kommen noch ein Feinstrick-Pullover und ein Seidentüchlein aus dem Brockenhaus dazu sowie weisse Lederpumps aus Pors Online-Boutique. «Bei Secondhand-Schuhen ist es extrem wichtig, sich die Innensohle genau anzuschauen. Sie muss richtig halten, sonst tut es weh beim Gehen», erklärt die Second­hand-Spezialistin.

Mit der Zeit entwickle man ein Auge für gute Secondhand-Stücke. Trotzdem sollte man alle Kleidungsstücke immer anprobieren, rät Por – nur dann sehe man, ob sie auch zur Figur passen. Und man braucht einen offenen Blick: «Wer auf ganz bestimmte Anziehsachen fixiert ist, dürfte es schwer haben, etwas zu finden», sagt die Profi-Wühlmaus. Die beste Location für Kleidung aus zweiter Hand hänge auch von der Jahreszeit ab. Im Frühling und im Sommer werde man auf Flohmärkten sicher fündig, für den Winter sind Brockenhäuser ihr Geheimtipp.

Secondhand: Gute Shops

Secondhand-Läden gibt es Dutzende in der Schweiz – mit ganz unterschiedlicher Ausrichtung und ständig änderndem Angebot. Zur Orientierung eine kleine Auswahl guter Adressen, die jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

  • Fizzen (Bern, Basel, Luzern, Zürich): Trendy und cool. Hat auch neue Sachen. Breite Preispalette.
  • Razzo (Zürich): Bekannt für edle Marken und gute Qualität.
  • Caritas (Zürich und Winterthur): Vielfältiges Angebot, von günstig bis Designerware.
  • Lux Plus (Zürich): Fundgrube für spezielle, ein­malige Sachen. Wird auch von Lifestyle-Magazinen genutzt.
  • Brockenhäuser (in allen grösseren Städten): Können sehr günstig sein; hier ist der Suchaufwand gross.


Fazit: Wer Geduld und Zeit hat, aber ein kleines Budget, sollte sich auf die wirklich günstigen Läden der Caritas oder Brockenhäuser konzentrieren. Wer etwas mehr Geld ausgeben will und ausgewählte Stücke sucht, ist in kleinen Marken­-Secondhand-Läden richtig.