Philipp Gloeckler will nichts mehr kaufen. Ein Jahr lang. Gut, Lebensmittel sind vom Plan ausgenommen, der Mann muss sich schliesslich ernähren. Und Rasierer braucht er für seinen Dreitagebart gar nicht so häufig. Aber Dinge wie Zeitschriften, CDs und Gadgets, die jeder von uns beiläufig oder begeistert konsumiert, die leiht er sich seit Januar nur noch. So wie die ungenutzte halbakustische Gitarre einer Freun­din. Hobbygitarrist Gloeckler besass früher ein eigenes Ins­tru­ment, doch irgendwann verlor er die Lust daran. Aus einer Laune heraus sich ein neues kaufen – und es dann doch wieder in die Ecke stellen? Mit der geliehenen Gitarre in der Hand traf er sich mit Freunden, und siehe da, Nirvanas «Smells Like Teen Spirit» ging noch locker von der Hand. «Es sind solche Offline-­Erlebnisse mit Freunden, die zählen», sagt Gloeckler.

Das Tool dazu hat der Hamburger letztes Jahr selbst entwickelt: die App «Why own it». Über 10'000 Nutzer hat die im September 2012 veröffentlichte kostenlose iPhone-Anwendung inzwischen. Die Nutzer bieten DVDs, Racletteöfen, Boote, Reiseführer oder Fahrradpumpen an – all das, was sie für einige Zeit entbehren können, weil es sonst nur ungenutzt herumläge.

«Why own it» ist eine von zahllosen Plattformen, die unter dem Schlagwort «Sharing Economy» zusammengefasst werden. Gemeinsam ist ihnen, dass sie mit der überkommenen Vorstellung von Konsum brechen: Kaufen und besitzen ist out, leihen oder mieten ist in. Zum einen macht die in sozialen Medien eingeübte Vernetzung dieses massenhafte Leihen und Mieten so einfach wie nie zuvor. Zum anderen ist das Internet ein wahres Logistikwunder: Es führt Anbieter und Nutzer so einfach und schnell zueinander, wie es nie zuvor möglich war. «Ich glaube, dass wir gerade am Beginn einer kollaborativen Revolution stehen», sagt Rachel Botsman, Vordenkerin der neuen Bewegung und ­Autorin des Buchs «What’s Mine Is Yours: The Rise of Collaborative Consumption». Sie schätzt das Markt­potential der Sharing Economy auf gewaltige 850 Mil­liar­den US-Dollar.

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Getragen wird die Bewegung vor allem von den jüngeren Generationen, die Smartphones so selbstverständlich bedienen wie die Eltern die Hi-Fi-Anlage. Für Menschen, die frühestens 1980 geboren sind, die digitale Geräte als Selbstverständlichkeit betrachten und deshalb als «Digital Natives» bezeichnet werden, ist das einstige Statussymbol Auto zu einem Symbol auf dem Bildschirm geworden. Einem von vielen. Mein Auto? Steht bei Mobility, E-Carsharing.ch oder Mitfahrgelegenheit.ch. Mein Wochenenddomizil? Findet sich bei Airbnb.ch. Mein Boot? Bei Sailcom.ch. Ein Klick, eine Anmeldung, und schon ist man Mitglied in einem Club Gleichgesinnter, die etwas Nützliches anzubieten haben. Billiger als in der herkömmlichen Warenökonomie, manchmal sogar kostenlos. «Ich glaube, dass unser Verhältnis zur Befriedigung unserer Bedürfnisse weitaus weniger greifbar ist als dasjenige aller vorangegangenen Generationen», sagte Botsman in einem Vortrag auf der Technologiekonferenz TED im kalifornischen Monterey. «Ich will nicht die DVD, ich will den Film, der darauf ist. Ich will keine CD, ich will die Musik, die sie spielt.»

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Die 35-Jährige sieht darin sogar eine Umwälzung, «die so wichtig sein wird wie die industrielle Revolu­tion». Das mag übertrieben sein. Aber dass die klassi­schen Konsummuster ins Wanken geraten, bestätigt eine aktuelle Studie: «Fast ein Viertel der Befragten können den neuen ‹sozialinnovativen Ko-Konsumen­ten› zugeordnet werden», sagt Harald Heinrichs von der Leuphana-Universität Lüneburg. Ko-Konsumen­ten, also kollaborative Konsumenten, zeichnen sich laut Heinrichs nicht nur durch ihr jugendliches Alter aus. Je höher Bildung und Einkommen, desto grösser sei die Bereitschaft, Dinge über das Netz mit anderen zu teilen. Rechne man noch die Pragmatiker dazu, denen es eher um günstige Preise gehe, seien alternative Vorstellungen von Besitz oder Konsum sogar für 37 Prozent der Befragten relevant, so Heinrichs. «Die sind längst kein Nischenphänomen mehr.» Das zeigen die Statistiken: Die Carsharing-Branche verzeichnet weltweit Wachstumsraten von jährlich 15 Prozent. In der Schweiz ist bereits jeder sechzigste Erwachsene Mobility-Kunde. Airbnb hat Anfang des Jahres die zehnmillionste Übernachtung vermittelt, und der ­Musik-Streaming-Dienst Spotify hat im Jahr 2012 seinen Umsatz auf 500 Millionen Dollar verdoppelt.

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Sharing im globalen Massstab ist eine digitale Entwicklung. Zwar hatte 1999 mit dem kometenhaften Aufstieg der Musiktauschbörse Napster, in der Nutzer zig Millionen MP3-Dateien – wenn auch nicht legal – miteinander teilten, die Idee des File-Sharings erstmals die Massen erreicht. Aber Wohnungen, Autos, Bohrmaschinen, Kettensägen, Grills und Hunde teilen? Das wäre damals abwegig erschienen. «Die Umständlichkeit des Leihens und Tauschens sowie eine Flut von Billigprodukten erschwerten eine breite Kultur des ‹Nutzen statt besitzen›», heisst es in einer Umweltstudie des deutschen Naturschutzbundes. Nun stösst die Sharing-Bewegung in die Welt der Normalbürger vor. «Vor zehn Jahren hätte es uns noch gar nicht geben können, weil die Leute vor der Facebook-Ära nicht diesen Sinn fürs Teilen hatten», sagt Nathan Blecharczyk, einer der Gründer der Wohnungsbörse Airbnb. Über die Plattform können Privatleute ein Zimmer ihrer Wohnung oder ihr Haus vermieten.

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Neben den technischen Fortschritten hat auch die wirtschaftliche Lage den Boom der Sharing Economy befördert. Die seit 2008 schwelende Finanzkrise hat viele Menschen nach günstigen Alternativen zum Dauerkonsum Ausschau halten lassen – insbesondere in den USA. Seit dem Crash reflektieren viele das Wachstumsstreben mit all seinen desaströsen ökologischen Folgen. Collaborative Consumption verspricht weniger Produktion, weniger Ressourcenverbrauch, weniger Müll. «Je mehr Ressourcen die Produktion eines Gegenstands in Anspruch nimmt, desto positiver ist die Ökobilanz beim Tauschen, Leihen und Mieten», resümiert der Naturschutzbund in Deutschland. Eine geliehene Bohrmaschine spart also mehr Ressourcen als ein gebrauchtes T-Shirt. Steigen mehr Verbraucher in das Sharing ein, könnte sich auch die Qualität der Produkte verbessern. «Bisher haben ­Unternehmen wenig Anreiz, ihre Produkte so zu entwickeln, dass sie lange halten», sagt Michael Kuhndt, Leiter des Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production in Wuppertal. «Wird aber nur noch der Nutzen des Produkts verkauft, dreht sich die Verkaufslogik um und bringt Ressourceneinsparung.» Eine Studie der Universität von Berkeley in Kalifornien ergab, dass pro Carsharing-Auto durchschnittlich 9 bis 13 Automobile eingespart werden. Inwieweit die Gesamtproduktion durch Collaborative Consumption sinken wird und damit Ressourcen eingespart werden, kann man hingegen noch nicht sagen.

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Der Schlüssel zu gemeinschaftlichem Konsum ist Vertrauen. Technologie erlaubt nun im globalen Massstab, was früher nur im persönlichen Umfeld von Angesicht zu Angesicht ging. Ausgefeilte Bewertungs­systeme, wie man sie von Ebay und Amazon kennt, ermöglichen Sharing-Teilnehmern, sich eine Reputation aufzubauen. Die ist, so glaubt Rachel Botsman, die Währung der Zukunft: «Im alten Konsumentensystem war unsere Reputation nicht von allzu grosser Bedeutung, weil unsere Bonität weitaus wichtiger war als jedwede Art von Peer-to-Peer-Bewertung. Aber jetzt hinterlassen wir eine Spur im Web.»

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Social Media haben die Welt enger zusammen­rücken lassen und die Sharing-Bewegung ermöglicht. Zugleich sind sie eine ihrer Motivationen: «Anstatt zu konsumieren, um mit Familie Müller mitzuhalten, konsumieren Menschen nun, um Familie Müller kennenzulernen», glaubt Botsman.

«Why own it»-Gründer Philipp Gloeckler ist ein gutes Beispiel für ihre These. Der 29-Jährige hat bereits 2010 den Avocado Store gegründet, einen Onlineshop für nachhaltige Produkte. Als er Anfang 2012 einige Wochen bei Freunden in der südafrikanischen Metropole Kapstadt verbrachte, fragte er sich, wofür deren Freunde sich so interessieren. Aus dieser Neugier entstand schliesslich die App, um sich unter Bekannten gegenseitig Dinge zu leihen. «Mir geht es um den so­zialen Gedanken beim Leihen», sagt Gloeckler. So ist auch die App angelegt: Wer sich anmeldet, kann Freunde aus Facebook oder Kontakte aus dem PC-Adressbuch importieren, muss es aber nicht. Zwar sieht der Nutzer in der App alles, was andere anbieten. Leihen kann er aber nur von Freunden. Wer keine digitalen Adressbücher importieren will, kann Freunde per E-Mail einladen, «Why own it» zu installieren und sich mit ihm dort zum Verleihen zu treffen. Da ist es nur konsequent, dass die App keine Suche im Umkreis des Wohnorts anbietet. «Die nächstgelegene Bohr­maschine interessiert mich nicht», sagt Gloeckler. ­«Interessant ist der Anlass, mal wieder einen Freund zu treffen, den ich länger nicht gesehen habe.»

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Längst nicht alle Verfechter der Sharing Economy sind von solchen Gedanken motiviert. Oft steht ein Pragmatismus im Vordergrund, der zugleich Einkommen schafft und die Umwelt schont. Ron Williams etwa hält Überlegungen wie die von Botsman oder Gloeckler für naives Hippiezeugs. Wer etwa ein Carsharing-Auto nutze, tue dies aus Bequemlichkeit, nicht, weil er sich als Teil einer neuen Bewegung sehe. Ohnehin seien die meisten Plattformen für kollaborativen Konsum «nicht vom Ethos des Teilens angetrieben, sondern von der Tatsache, dass die Leute dort echtes Geld machen», sagt der CEO und Mitgründer von Snapgoods, einer Sharing-Plattform für Elek­trogeräte, Werkzeuge oder Gadgets.

Die Grossen wollen auf jeden Fall Geld verdienen, das zeigt kaum etwas besser als das Carsharing-Geschäft. Im März kaufte der Autoverleiher Avis für 500 Millionen Dollar den grössten amerikanischen Carsharing-Anbieter Zipcar, nicht zuletzt wegen dessen ausgefeiltem Logistik-Know-how. Die Übernahme demonstriert, dass «etablierte Konzerne das Potential der skalierbaren Sharing-Modelle erkannt haben», so der Ökonom Arun Sundararajan von der New Yorker Stern School of Business. Inzwischen sind viele Autokonzerne mit von der Partie: Daimler, BMW, VW, ­Renault und Peugeot bieten Carsharing an.

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Gleichzeitig zeigt das Beispiel Auto, wie in der Sharing Economy Endnutzer-Netzwerke, etablierte Konzerne und Umweltbewusstsein aufeinanderprallen. Klar ist: Die Automobilbranche braucht neue Konzepte. Immer weniger Menschen wollen sich das Statussymbol der Industriegesellschaft noch selbst leis­ten. In Deutschland sind Neuwagenkäufer heute im Schnitt 51,3 Jahre alt, wie eine Untersuchung des Center Automotive Research der Uni Duisburg-Essen er­gab; 1995 waren es noch 46,1 Jahre. Von den unter 30-Jährigen kaufen sich nur sieben Prozent ein Auto.

Die 38-jährige Nina Ammann ist seit sieben Jahren Kundin bei Mobility. Ein eigenes Auto hat sie nicht. «In der Stadt Zürich benötige ich auch keins. Finanziell und für die Umwelt würde das gar keinen Sinn ergeben.» In der Regel nutzt sie den öffentlichen Verkehr, aber manchmal braucht sie doch ein Auto. Etwa für Fahrten zum Möbelhaus oder wenn sie Freundinnen auf dem Land trifft und nach Mitternacht mit den ÖV nicht mehr heimkäme.

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«Carsharing ist wie Collaborative Consumption erst mal eine Bedrohung für die alte Wirtschaft, weil sie weniger Produkte verkaufen kann», sagt Michael Kuhndt. «Das heisst aber nicht, dass ein Unternehmen mit der Dienstleistung automatisch weniger Geld verdienen muss als mit dem Verkauf des Produkts.» Bester Beleg dafür ist die Musikindustrie: Dank Streaming-Angeboten wie Spotify, Rdio und anderen stiegen ihre Einnahmen im vergangenen Jahr wieder – erstmals seit 1999. Kuhndt: «Man muss oft erst einmal investieren, ohne dass man Gewinn macht.»

Das war bei Mobility in der Schweiz der Fall und lässt sich jetzt in Deutschland beobachten: So schreibt Daimler mit seinem Carsharing-Angebot Car2Go Verluste, aber in drei Städten fahren seine Miet-Smarts schon Gewinne ein. «Wir peilen 2015, 2016 schwarze Zahlen an», sagt Unternehmenssprecher Andreas Leo. Christian Piepenbrock, Chef des Konkurrenzangebots Nachbarschaftsauto.de, einem Peer-to-Peer-Angebot, vermutet andere Motive: «Car2Go hat Daimler enorm viel Aufmerksamkeit beschert und dem Konzern ein grünes Image verpasst. Der einzige Grund, warum der Konzern das macht, ist, dass er sein altes Geschäftsmodell retten will.» Das Kalkül: Wenn junge Leute schon keine Autos mehr kauften, dann sollten sie wenigstens an die Marke gewöhnt werden, damit sie dann später Autos von Daimler erwerben würden. «Ich bezweifle, dass diese Strategie aufgehen wird», sagt Piepenbrock. «Wer ein neues Mobilitätsverhalten gelernt hat, wird später kein Daimler-Käufer mehr.» Car2Go-Sprecher Leo widerspricht: «Wir wollten ein gutes Carsharing-Angebot schaffen, weil wir den Trend erkannt haben. Es war nicht unsere Intention, junge Leute zu ködern. Aber wenn unsere Kunden ihre guten Erfahrungen auf Daimler übertragen, haben wir natürlich nichts dagegen.»

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Peer-to-Peer- kontra konzernorganisiertes Sharing: Was ist denn nun das wirkliche Sharing? Rachel Botsman sieht keinen Konflikt: «Die Leute wollen, dass Collaborative Consumption nutzerfreundlich ist und ihnen mehrere Optionen eröffnet. Wenn die grossen Marken das bereitstellen können, ist das für mich nicht verwerflich.» Allerdings müsse die «alte Wirtschaft» aus ihrer Angstreaktion herauskommen. «Die Konzerne sollten diese einmalige historische Möglichkeit nutzen, wo Wirtschaft helfen kann, die Art und Weise, wie wir leben, arbeiten und konsumieren, neu zu erfinden.

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Das Leben schwer machen könnte den Peer-to-Peer-Angeboten langfristig auch die gesetzliche Regulierung. Der Primus der Sharing Economy, Airbnb, dürfte sie wohl bald zu spüren bekommen. Vier Jahre nach der Gründung in San Francisco bietet der Dienst inzwischen 300'000 private Gäs­tezimmer in 33'000 Städten weltweit an. Nach Schätzungen der Firma sind allein die in San Francisco angebotenen Zimmer im Durchschnitt 58 Tage im Jahr vermietet und bescheren ihren Besitzern ein Einkommen von 9300 Dollar. In San Francisco gilt jedoch eine Hotelsteuer von 15 Prozent, die Airbnb-Vermieter bislang nicht abführen. Ob sich das ändert, hängt derzeit in der Schwebe, die Stadt hat jedoch schon im vergangenen Jahr erklärt, dass das zugrundeliegende Gesetz eigentlich genauso für Airbnb gelte. Auch Berlin will die ausufernde private Vermietung von Unterkünften künftig mit einem Zweckentfremdungsgesetz regulieren und verhindern, dass Airbnb die Preise für Wohnraum in die Höhe treibt.

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Pech hatten Dienste wie Uber, Lyft und Sidecar. Sie vermitteln in US-Grossstädten über das Internet Mitfahrgelegenheiten – zum Ärger der Taxibetriebe. Die Taxi and Limousine Commission der Stadt New York ging in die Offensive: Weder seien die Mitfahrer ausreichend versichert, noch könnten die Fahrer Beförderungslizenzen vorweisen. Uber warf präventiv das Handtuch und gab New York auf. Die Stadt San Francisco schickte den drei Diensten Bussgeldbescheide über je 20'000 Dollar, die derzeit vor Gericht verhandelt werden.

Wo Geld fliesse, seien auch Sharing-Dienstleis­tungen «reale Märkte», meint Ökonom Arun Sundararajan. «Das heisst aber nicht, dass wir sie mit den Strukturen und Regeln der realen Welt regulieren müssen.» Er spricht sich dafür aus, die Gesetzeslage an die Sharing Economy anzupassen. In dieser könnten Sicherheit und Qualität durch ein Trust Management besser entwickelt werden. Wer einen ordentlichen Dienst anbietet, wird mit einer guten Reputation belohnt und gewinnt so neue Kunden.

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Die Nutzer kommerzieller Sharing-Dienste könn­ten indes noch ganz andere Überraschungen erleben. Denn ebenso wie in sozialen Netzwerken hinterlassen sie auch in der Wunderwelt des Teilens Datenspuren. Solange die Transaktionsgebühren den nötigen Cashflow bringen, werden die Daten bleiben. Doch sind die Privacy-Bestimmungen selbst neuer Dienste mitunter so schwammig formuliert, dass die Betreiber für alle Eventualitäten gerüstet sind. Die 2012 mit grosser Fanfare gestartete Sharing-Plattform Uniiverse etwa behält sich das Recht vor, die Nutzerdaten so auszuwerten, dass sie einem User ein Produkt in Übereinstimmung mit seinen Kontoeinstellungen anbieten kann. Die Daten werden ausserdem an Analysedienste wie Google Analytics, Comscore oder Mixpanel übermittelt, um zu helfen, den Gebrauch des Dienstes zu verstehen.

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Wenn Leute einmal eingezäunt sind, hat das seinen eigenen Nutzen», sagt Jonathan Zittrain. Er plädiert in seinem Buch «The Future of the Internet and how to stop it» für eine Regelung, die es erlaubt, persönliche Daten mitnehmen zu können. Wenn wir einer kommerziell betriebenen Enklave im Netz schon so viele unserer lukrativ ausbeutbaren Daten preisgäben, so Zittrain, dann sollten wir auch entscheiden dürfen, sie einfach und jederzeit von Seite zu Seite verschieben können. Start-ups wie Connect.Me, Legit und Trustcloud arbeiten daran, die ­Online-Reputation auf verschiedenen Plattformen zu einer Art digitalem Führungszeugnis zu verbinden. So verführerisch bequem konzernorganisierte Sharing-Angebote für den User sind: Es gilt, die Verantwortung für die eigenen Daten zu behalten.

Trotz allen Unwägbarkeiten: «Der gesellschaftliche Trend zeigt weg vom Besitzen, hin zum Nutzen. Das wird sich nicht mehr zurückdrehen lassen», ist sich Konsumforscher Michael Kuhndt sicher. Auch wenn sie sich dadurch vielleicht bedroht fühlen mag, die ­«alte Wirtschaft» wird an Collaborative Consumption nicht vorbeikommen, weil ihr sonst schlicht die starke Käuferschicht der 30- bis 50-Jährigen mit hohem Einkommen entgeht. Ebenso wie neue Businessmodelle, die über Zugang funktionieren. Auch die Käufer­bindung über lange Zeit ist für Konzerne wertvoll, und die Mund­propaganda, die billigste Variante der Werbung, funktioniert innerhalb einer Nutzercommunity schneller und effektiver.

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Für die noch junge Sharing Economy liegt die Gefahr darin, dass sie allzu unbedacht die Werte der «old Economy» übernehmen könnte. «Geld ruiniert jetzt, was als ein gestalterisches Konzept startete», kritisiert Neal Gorenflo, Mitgründer des Magazins «Shareable», in einem Artikel. «Jetzt, wo Collaborative Consump­tion Mainstream wird, riskiert es, das zu verlieren, was die Menschen von Anfang an anzog: die einmaligen sozialen Erfahrungen, die möglich werden, wenn man mit hilfsbereiten Fremden interagiert.»

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Um das zu verhindern, fordert Rachel Botsman: «Wir müssen das Kleine im Grossen der Collaborative Consumption bewahren. Damit es weiterhin mehr Menschlichkeit in Wirtschaft und Gesellschaft zurückbringt.»

Rachel Botsman: «Für viele Leute ist es neu, Fremden zu vertrauen»

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BeobachterNatur: Rachel Botsman, was halten Sie davon, dass auch Grosskonzerne die Sharing Economy für sich entdecken?
Rachel Botsman: Ich kann keinen Missbrauch der Idee ­erkennen, wenn zum Beispiel Autohersteller im Carsharing aktiv werden. Sie ­haben die nötige Grösse, damit diese neue Wirtschaft zum Mainstream wird. Die Leute wollen, dass gemeinsames Nutzen ihnen Annehmlichkeiten und Wahlfreiheit verschafft. Wenn die Konzerne ihnen das geben können, ist das in meinen Augen eine gute Sache.

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BeobachterNatur: Sollte nicht dezentral organisiertes ­gemeinsames Nutzen die bevorzugte Variante sein?
Botsman: Wenn die Bewegung erfolgreich sein soll, brauchen wir eine Kombination von zen­tral und dezentral organisierten Modellen. Tatsächlich ist dezentrales Teilen ressourceneffizienter. Und es liegt mir sehr am Herzen, die positiven sozialen Auswirkungen zu betonen, die entstehen, wenn Leute sich direkt miteinander vernetzen.

BeobachterNatur: Ist die Sharing Economy wirklich ökologischer? Wenn ich die Bohrmaschine leihe, muss ich sie erst abholen und dann wieder zurückbringen.
Botsman: Der Transport verursacht Kohlendioxid, das stimmt. Aber das Ziel ist, dass die Leute alles, was sie brauchen, leicht ­zugänglich in ihrer unmittelbaren Umgebung vorfinden.

BeobachterNatur: Bei Collaborative Consumption geht nichts ohne gegenseitiges Vertrauen.
Botsman: Das ist in der Tat ein kritischer Punkt, weil es für viele Leute noch ein neues, unbekanntes Verhalten ist, Fremden zu vertrauen.

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Sharing-Plattformen in der Schweiz

Allerlei
Güter aller Art mit Freunden und Nachbarn teilen:
www.frents.com; www.pumpipumpe.ch; www.whyownit.com

Autos
Carsharing: www.mobility.ch
Vermietung von Elektrofahrzeugen: www.m-way.ch
Mieten und Teilen von Privatfahrzeugen aller Art: www.sharoo.com
Fahrgemeinschaften: www.AnachB.ch
Mitfahrzentralen: www.mitfahrgelegenheit.ch; www.compartir.org; www.e-carsharing.ch

Parkplätze
Stundenweise Vermietung: www.parku.ch; www.parkit.ch

Segelboote
Genossenschaft mit 74 Booten: www.sailcom.ch

Büroräume/Arbeitsplätze
Stundenweise oder längerfristig mieten und ­vermieten: www.daycrun.ch/de

Dienstleistungen
Hilfe suchen und finden in Zürich, Berlin, Schanghai und Jakarta: www.mila.com

Ferienhäuser/-wohnungen:
Zimmer, Wohungen, Häuser von Privaten mieten: www.airbnb.ch
Haustausch für begrenzte Zeit: www.haustauschferien.com; http://de.homeforhome.com

Musik
www.spotify.com

Dieser Artikel erschien in der Mai-Ausgabe des ­Magazins «Technology Review». Bearbeitung durch ­BeobachterNatur.

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