Neben mehr oder weniger edlen Weinen in der 7-Deziliter-Flasche stehen Alltagstropfen wie Chasselas und Dôle in der Liter-, Halbliter- und «Zweierli»-Flasche im Ladengestell. Pro Flasche werden 30 Rappen Pfand erhoben. Zum Teil zirkuliert das Glas während Jahren, bis es zu Bruch geht. Rund 40 Prozent des hierzulande verkauften Rebensafts findet aus einem Mehrweggebinde ins Weinglas. Doch im Supermarkt zählt jede Minute, die Rücknahme und das Ausstellen der Bons bindet Personal. Kommt dazu, dass Harassstapel kostbare Fläche in Beschlag nehmen.

Grossverteiler geben Takt vor
Konsequenz: Die Grossverteiler steigen aus dem bewährten Kreislauf aus. «Seit dem 1. Juli verkaufen wir nur noch Wein in Einwegflaschen», bestätigt Claudia Voigt von Pick Pay. Dasselbe gilt für Usego, Epa und Volg. Beim grössten Schweizer Weinhändler Coop «überlegt man es sich erst, beschlossen ist noch nichts», sagt Coop-Sprecher Karl Weisskopf. Doch bei den Abfüllern ist es ein offenes Geheimnis, dass alle Detaillisten dem Beispiel von Denner folgen, der schon vor Jahren Mehrweg aus dem Regal verbannte. Das heisst: Endstation für die insgesamt 60 bis 80 Millionen Mehrweg-Weinflaschen, die heute zirkulieren und immer wieder gewaschen werden.

Der Ausstieg der Detailhändler wird dem System auch in der Gastronomie den Garaus machen, vermutet Tieni Masüger, Geschäftsführer des Weinhändlers C.- August-Egli-Gruppe in Zürich. Wenn sich immer mehr Einwegflaschen in den Retourharassen verstecken, wird das Sortieren zu aufwändig. «Zur Kasse kommt einmal mehr der Handel», befürchtet Masüger. Denn längst nicht alle Abfüllereien sind darauf eingerichtet, die Einwegflaschen in Kartonschachteln statt Harasse zu verpacken – «hier werden neue Investitionen fällig». Noch ungeklärt ist, wer die zusätzlichen Kosten von 20 bis 30 Rappen pro Einwegflasche zu zahlen hat. Nach Aufschlägen wegen der Schwerverkehrsabgabe und der vorgezogenen Entsorgungsgebühr könnte auf Weinliebhaber ein zusätzlicher Obolus zukommen.

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Beim Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) hat man «wenig Freude» an dieser Entwicklung. «Weil keine Gesetze und Verordnungen verletzt werden, haben die Behörden aber keine Veranlassung einzuschreiten», stellt Peter Gerber, Experte in der Sektion Verpackungen und Konsumgüter, klar. Erst wenn die Rücklaufquote von Altglas unter 75 Prozent sinkt, könnte der Bund mit Massnahmen aufwarten und etwa den Erlass eines Pfands prüfen. Doch derzeit landen über 90 Prozent des Altglases im Sammelcontainer. «Der Handel schleicht sich aus seiner Produktverantwortung», so Gerber.

Kritik der Umweltschützer
Klar ist: Beim Wechsel auf Wegwerfglas ist vor allem die Umwelt Verliererin. Millionen von Flaschen müssen neu gegossen statt bloss gespült werden. Die Ökobilanz: Einweg ist rund achtmal umweltbelastender als Mehrweg. «Es ist unhaltbar, wie ein seit Jahren gut funktionierendes und umweltschonendes System zerschlagen wird, bloss um etwas mehr Profit zu machen», kritisiert Felix Meier, Leiter Konsum und Lebensstil beim WWF Schweiz. Die Entwicklung illustriere, dass Verpackungsökologie offenbar auch jene Grossverteiler nicht mehr interessiere, die sich gern umweltbewusst gäben. Nach dem Aus für den Milch-Schlauchbeutel, dem Ersatz der Mehrweg-Kaffeerahmflasche durch Plastik und dem fast vollständigen Eliminieren der Glas-Mineralwasserflasche stehe jetzt die nächste Runde an. Meier: «Die Behörden in Bern schauen der Entwicklung tatenlos zu, da sie sich offenbar am Thema nicht die Finger verbrennen wollen.»

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